Tag 3

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Ich schlief tief und fest wie ein Stein, als ich von einem lauten Geräusch, gefolgt von munterem Geplapper, geweckt wurde. Jemand hatte offensichtlich eine Tür schwungvoll ins Schloss geworfen und war nun gerade dabei, sich laut mit breitem amerikanischen Akzent zu unterhalten. Bevor ich jedoch weiter darüber nachdenken konnte, war ich schon wieder eingeschlafen und wachte erst recht spät am nächsten Morgen auf. Nach einem Blick auf die Uhr bekam ich ein etwas schlechtes Gewissen, denn ich hatte echt ziemlich lange geschlafen. Aber der anderen Seite – eigentlich hatte ich ja auch Urlaub und wer sagt denn, dass man unbedingt müde und abgespannt pilgern musste! Also ging ich in aller Ruhe in Bad und schlenderte danach gut gelaunt in den kleinen Speisesaal.


Hier war kein Mensch zu sehen, nur in der Küche wurde eifrig gewerkelt. Die ältere Dame, die ich ja gestern schon kennenlernte, sah mich rumstehen und bedeutete mir freundlich, mich zu setzen (zumindest ging ich davon aus, da sie lächelnd etwas auf Portugiesisch flötete und dabei auf den kleinen Tisch neben mir zeigte). Kaum hatte ich mich hingesetzt, wurde schon frisch geschnittenes Obst serviert – Ananas, Birne, Banane, Trauben und Orangen – in einer großen Schale, ach was sag ich, einer riesigen Schüssel, quasi einen halben Eimer voll. Neben einer bis an den Rand gefüllten 1.5 L Kanne Kaffee (Marke Dunkel-Stark-Schwarz) wurde nicht ohne Kraftaufwand ein großer Korb Brötchen abgestellt. Es folgten eine Käse- und Wurstplatte und als Krönung ein kleiner Kuchen (eine regionale Spezialität!). Letzterer kam offensichtlich frisch aus dem Ofen und dampfte noch. Ich war überrascht, wie schwer und sättigend das Teil war. Ich taufte diese Backware daher Bleikuchen. Im Ernst: Zwei von den Dingern am Morgen und man war locker gesättigt bis zum Mittag. Und das sage ausgerechnet ich, der meistens ziemlich viel isst, auch wenn man mir das in keiner Weise ansieht - ich nehme eben kaum zu. Sowas in der Art dachte sich bestimmt auch die ältere Dame, als sie mir dieses fürstliche Mahl in Bud-Spencer-Portionen servierte, zumindest ging ich davon aus. Doch kurz darauf kamen die übrigen Gäste, drei Amerikanerinnen fortgeschrittenen Alters, die ihrerseits ein äußerst opulentes Frühstück erhielten, inclusive mehrerer dampfender Bleikuchen. 


Also kämpfte ich mich für eine Weile durch mein Obst und bemerkte, dass alle offenbar wie gebannt auf den Fernseher starrten. Ich hatte erst gar nicht darauf geachtet, da es ohnehin auf Portugiesisch war. Viele weinende Menschen waren im Bild zu sehen und der Moderator, sowie die abwechselnd geschalteten Reporter, sahen allesamt sehr ernst und traurig aus. Von den ein- und schnell wieder ausgeblendeten Meldungen konnte ich nur ein Wort wirklich verstehen: Manchester. Ich kam mit den Damen am Nachbartisch ins Gespräch und sie erklärten mir, was passiert war: In der Nacht zuvor, dem 22. Mai 2017, hatte sich ein Terrorist bei einem Konzert der Sängerin Ariana Grande (kannte ich vorher noch nicht) in die Luft gesprengt und 22 Konzertbesucher ermordet; viele davon waren Kinder und Jugendliche. Eine Weile schauten wir sprachlos der Übertragung zu, doch verstanden das Meiste natürlich nicht. Aber die Bilder sprachen für sich. Das war wirklich keine hoffnungsfrohe Botschaft an diesem Morgen!

Jeder bemühte sich dennoch, den Hauptteil seines vor sich befindenden Frühstücksgebirges zu verdrücken, aber es blieb auf jedem Teller etwas übrig. Der Kaffee war verdammt stark – noch eine Tasse mehr davon und ich würde nach Santiago sprinten! Also stand ich auf, bedankte mich und ging wieder auf mein Zimmer. Bevor ich aufbrechen konnte, gab es noch etwas Wichtiges zu erledigen: Meine Füße schmerzten zwar ziemlich, waren aber soweit ok – nicht so jedoch die Innenfläche meiner rechten Hand. Der Wanderstab hatte mir gestern durch die ständige Reibung die Haut regelrecht wundgerieben; das Holz war dabei an der Stelle ganz glatt und hell geworden. Aber – no problemo! Zuhause hatte ich mir einen kleinen Lederstreifen eingepackt, der beim Bau meiner an manchen Stellen mit Leder bespannten Gitarre übrig geblieben war. Man weiß ja nie, wozu man das noch brauchen kann! Nun fand sich perfekte Verwendung dafür – als Griff:

Ein wenig mit Tape befestigt, kurz getestet, fertig. Anschließend stellte ich mich noch für eine Weile unter die Star Trek – Dusche, packte meinen Kram zusammen, schmierte mich mit Sonnencreme ein und zuppelte vor dem Gehen noch ein wenig das Bettzeug zurecht, damit nicht alles komplett zerwühlt aussah. Nach einer sehr netten Verabschiedung verließ ich das Hostel und stand wieder auf die Straße.

Gestern sah hier alles ja recht verlassen aus, doch nun befand ich mich in Perafita’s berüchtigter Rush-Hour, denn knatternd fuhr ein kleiner roter Toyota an mir vorbei. So unerwartet dieses Ereignis auch kam, so schnell war es wieder vorbei. Halt, da kam ein Mofa! Vorsicht ... so, jetzt aber. Ich warf noch einen Blick zurück und schoss das letzte Foto von der malerisch sich in die Küstenlandschaft einfügenden Raffinerie von Perafita...

.., bevor ich mich zu der Stelle begab, an der ich mich gestern von meinen drei neugewonnenen Pilgerfreunden verabschiedet hatte. Von dort aus ging es auf Holzstegen weiter in Richtung Norden, stets nur einen Katzensprung vom Meer entfernt. Recht bald tauchte plötzlich ein großer Obelisk auf, um den herum einige Bänke aufgestellt waren. Ein majestätischer Anblick. Nicht die Bänke, der Obelisk!


Ich hielt aber nur kurz an, um meinen kleinen mp3-Player rauszusuchen, da jetzt wirklich etwas Musik vertragen konnte. Um wie etwas in die Gänge zu kommen, entschied ich mich für Dimples von John Lee Hooker. Ganz ehrlich: Ich habe gar nicht erst versucht, ohne die Songs meines Idols John Lee Hooker im Ohr diesen Weg zu gehen, oder generell ohne Musik auszukommen. Wozu auch - das wäre in meinem Fall auch ein sinnloses Unterfangen.

Der Wind warf stetig von links eine frische Seebrise gegen meine Figur, während die Sonne immer unnachgiebiger von einem wolkenlosen Himmel auf meinen Kopf ballerte; ich fragte mich also: Hemd an / Hemd aus, Tuch drum / Tuch ab, Hut auf / Hut ab? Ich entschied mich für Hemd aus, Tuch ab, aber Hut auf. Ein Sonnenstich am zweiten Tag musste ja auch nicht gleich sein.

Es dauerte nicht lange, bis eine Strandbar im Sichtfeld auftauchte, in der ich meine Wasservorräte auffüllte und mich mit Snacks versorgte (in der Regel klebrige Schokoriegel). Während ich an meiner Wasserflasche nuckelte, stürzte ein belgischer Pilger herein, bestellte eine große Wasserflasche, bezahlte und rannte gleich wieder heraus, ohne jedoch sein Wasser mitzunehmen. Ich nahm seine Flasche und lief ihm hinterher. Für ihn war er der erste Tag; er hatte in einem der Ferienhäuschen hier in der Nähe übernachtet und war gerade erst eine knappe Stunde unterwegs. Er war sehr nett, nur bereits von oben bis unten durchgeschwitzt und trug einen riesigen Rucksack, der deutlich über zehn Kilo wiegen musste. Wir setzten uns kurz auf den Steg in den Schatten eines kleinen Nebengebäudes, tauschten uns aus und knabberten jeder einen Schokoriegel, während Aart seinen Rucksack neu packte, um Platz für die große Wasserflasche zu machen. Zum Glück warf er gleich ein paar Sachen weg, die er wahrscheinlich auch nicht brauchen würde (seine Taucherbrille z.B.). Nach einer knappen Viertelstunde machte ich mich wieder auf den Weg; wir wünschten uns alles Gute und verabschiedeten uns.

In den folgenden paar Stunden kam ich gut voran und wurde sogar von einem spanischen Tourist gebeten, mit ihm für ein Foto zu posieren. Das war zwar etwas skurril, aber ich wollte auch nicht unhöflich sein. Wieder in seiner Heimat hatte der Typ dann vermutlich irgendwann sein Handy rausgeholt und das Bild von ihm und dem doof grinsenden Franta rumgezeigt.

Ich stellte mir schon das Gespräch vor: 


„Hey, schaut mal hier: Das bin ich mit einem Pilger! Das bringt Glück, weißt du.“

Seine alte Mutter nimmt unbeholfen das Handy in die Hand und betrachtet das Bild.

„Das soll ein Pilger sein?“, knarzt sie skeptisch.

„Na klar! Siehst du, Mutter, er trägt die Jakobsmuschel...“

„Ja schon, aber sieh dir den Jungen doch mal an...so blass und dürr, mit diesem krummen Wanderstab, der kommt doch nie an!“

„Du meinst ... er bringt gar kein Glück?“ 


Was solls. Ich stapfte weiter und las ab und zu eine der am Steg angebrachten Informationstafeln, die den Leser über botanische & historische Besonderheiten der Region aufklärten. Zwei fand ich besonders interessant:

Die Erste beschrieb uralte römische Steinbecken, in denen die Experten damals Fisch eingesalzt haben.

Seit 1945 liegt hier vor der Küste ein  deutsches U-Boot (U1277) in 30 Metern Tiefe auf dem Meeresgrund, worüber das zweite Infoschild in der Nähe der Fischtanks berichtete. Ca. einen Monat nach der Kapitulation versenkte die damalige Besatzung U1277 absichtlich und ergab sich dem portugiesischen Militär, um so der sowjetischen Kriegsgefangenschaft zu entgehen:   


Auch wenn ich erst drei oder vier Kilometer gelaufen war, musste ich wirklich eine Pause machen. Mittlerweile war es extrem heiß (vielleicht hätte ich doch etwas früher loslaufen sollen ... ) und mir wurde recht schwindelig. Im nächsten Café trieselte ich mir noch eine Flasche Wasser rein und machte gleich wieder los, aber in der prallen Mittagshitze sollte ich vielleicht doch nicht zu lange rumlaufen, dachte ich. In diesen Tagen trank ich locker fünf Liter Wasser am Tag. Für eine Weile konnte ich zwar etwas im Schatten der Mauern von Strandvillen laufen, die ja direkt vor der Promenade lagen, doch mehr als einmal bekam ich wegen plötzlich laut kläffenden Hunden fast einen Herzinfarkt und ging doch wieder auf den Holzstegen.


Wahrscheinlich hielten sie das ‘klonk klonk klonk‘ meines Wanderstabes für eine mögliche Bedrohung, oder es war ihnen einfach langweilig. Was passiert auch sonst schon im Leben von moppeligen Hunden, in den Vorgärten einsamer Strandhäuser, im Norden Portugals? Jeder würde da vermutlich seine Laune durch das Erschrecken ahnungsloser Pilger etwas anheben wollen. Oder Frauchen & Herrchen abwechselnd in den Arm beißen! Ich fand beides dennoch nicht so prickelnd und steuerte nun zielstrebig die nächste Strandbar an – ich brauchte schon wieder mehr Wasser! Von dort drang schon von weitem gechillte Jazzmusik zu mir herüber. Drei Pilger saßen dort ganz entspannt unter großen Sonnenschirmen und tranken frisch gepressten Orangensaft. Das Meer direkt vor der Nase, coole Musik dazu, ein kühles Getränk und ein schattiges Plätzchen? Das Paradis!

Zunächst saß ich einfach nur dort, schloss die Augen und genoss die angenehme Atmosphäre. Denn vor jeder nächsten Aktion wollte ich zunächst meine Betriebstemperatur mittels unnachgiebiger Hochleistungsentspannung etwas senken. Die beiden spanischen Pilger am Nachbartisch waren damit beschäftigt, den locker gewordenen Griff eines ihrer Walking-Sticks wieder festzuschrauben und ich versuchte, ihnen etwas dabei zu helfen. Ohne Messer etwas schwierig, dennoch war die Sache bald erledigt und schon machten sie sich wieder auf den Weg in die glühende Mittagshitze. Ich blieb mit einem älteren Herrn aus Bayern zurück, der erst etwas abseits saß und irgendwie in sich gekehrt wirkte. Das dachte ich am Anfang, doch wir kamen schnell ins Gespräch und haben uns noch sehr, sehr lange unterhalten.


Was er über sein Leben und die Gründe für das Bestreiten des Jakobsweges zu berichten hatte, war sehr bewegend. Meine eigenen Sorgen und Ängste kamen mir da plötzlich doch sehr klein und eher lächerlich vor. Nicht nur war er schon seit Monaten unterwegs, aus Frankreich kommend, sondern auch schwer krebskrank; man sah es ihm nicht sofort an, denn erst als er seinen Hut abnahm, kam die große Narbe auf seinem Kopf zum Vorschein. Sein Hirntumor war nur zum Teil entfernt worden, denn der Rest war einfach nicht operabel. Ob und wie schnell der Tumor wieder wächst... man weiß es nicht. Und so machte er sich eines Tages auf den Weg, flog nach Frankreich und wanderte los, die meiste Zeit entlang der Küsten und schlief dabei meistens am Strand, direkt vor den Dünen. Jeden Tag telefonierte er mit seiner Frau und seinen Kindern und erkundigte sich danach, ob es ihnen gut geht und was es neues aus der Heimat gibt. Das war Rudi! Braungebrannt, viele Lachfalten um die Augen und so entspannt und befreit wirkend, dass man regelrecht davon angesteckt wurde. Während unseres Gespräches qualmte er eine Fluppe nach der anderen und immer, wenn man einen Blick durch die dichten Rauchschwaden erhaschen konnte, sah man einen Menschen, der zwar todkrank, aber dennoch zutiefst glücklich und mit sich im Reinen war. Das war wirklich sehr beeindruckend! Eine andere Sache machte mich aber auch traurig: Ich fragte mich, was wohl geschehen wäre, wenn mein Vater sich auch auf eine solche Reise begeben hätte – so vor zehn Jahren vielleicht, als es für ihn körperlich noch möglich war. Das werde ich leider nie herausfinden.


 Zwei Pilgerinnen – aus Deutschland und der Schweiz – stießen zu uns und die Gesprächsthemen änderten sich wieder ein wenig. Eine coole Runde. An dieser Stelle möchte ich mal einen weiteren Gedanken einschieben: Es wäre ein Trugschluss zu denken, dass die meisten Pilger auf dem Jakobsweg irgendwie niedergeschlagene Menschen sind, die, vom Leben und von sich selbst enttäuscht, auf dieser Reise verzweifelt Antworten auf ihre brennenden Fragen erhoffen. So ein Käse! Auch wenn man solche Menschen natürlich treffen kann, sind die Gründe für das Pilgern jeweils dennoch so vielfältig und unterschiedlich, dass man sie gar nicht alle aufzählen kann. Rudi war ja auch alles andere als ein trauriger Mensch. Nachdenklich und reflektierend mögen manche zwar sein, ja – aber auf eine positive Art. Niemand wird ja gezwungen, hierher zu kommen, daher sind alle eigentlich sehr offen, freundlich und ... ja, besonders. Während meiner drei Wochen von Porto nach Santiago habe ich eine unglaubliche Bandbreite von Charakteren kennengelernt und würde den „Geist der Pilgergemeinschaft“ im Nachhinein so beschreiben: Jeder wird aufgenommen und akzeptiert, jedem geholfen und gleichzeitig gewünschter Freiraum gewährt, da ja alle „im gleichen Boot sitzen“, dasselbe Ziel haben und oft auch ähnliche Gedanken und z.T. Sorgen in sich tragen. Die Meisten machen das ja auch nicht jeden Tag und so tut es gut zu wissen, dass man nicht alleine ist. Im Grunde kann jeder so sein, wie er – oder sie – mag: Still, mitteilsam, schnell, langsam, ... der Camino heißt alle willkommen, sagt man. Was an Gutem alles entgegen kommt, wird umgedreht natürlich auch von einem selbst erwartet; aber ganz ehrlich: Ich habe keinen Pilger erlebt, der mutwillig etwas Fieses gesagt oder gemacht hätte.  

Die beiden Frauen machten sich nach einer guten halben Stunde wieder auf den Weg, doch wir, der ältere Herr und ich, wollten vor dem Aufbrechen noch etwas essen. Es war schon früher Nachmittag, als wir vom Café in das daneben liegende Restaurant gingen. Hier wirkte alles ziemlich nobel und der Kellner schaute uns etwas zweifelnd an, als wir so in unseren abgerissenen und verschwitzten Klamotten in Richtung eines leeren Tisches schlurften.

Hinter uns, an einer langen Tafel, saß eine Familie und feierte anscheinend einen runden Geburtstag oder etwas in der Art; sie ließen sich von uns jedoch nicht stören, im Gegenteil, sondern grüßten fröhlich. Ich bestellte gerade eine Cola, als einer der Gäste uns in spendierseliger Laune einen Teller mit irgendeinem äußerst sonderbar aussehenden toten Seevieh reichte, welches passenderweise „dragon finger“ genannt wurde, also Drachenfinger. So sahen die kleinen, zu einem Hügelchen aufgetürmten, grünlichen Gedingse tatsächlich aus: Schrumpelig und schuppig! Schien hier wohl eine Spezialität zu sein. Mir wurde jedoch etwas übel. Dazu muss ich nämlich sagen, dass ich leider kein großer Freund von Fisch, Muscheln und dem ganzen Zeug bin, schon gar nicht von ROHEN Drachengriffeln (wer weiß schon, was der Drache vorher damit noch gemacht hat). Um nicht unhöflich zu wirken, nahm ich den kleinsten Finger und knabberte vorsichtig daran. Meerwasser ergoss sich in meinem Mund, ansonsten schmeckte das glitschige Ding eigentlich nach nichts. Da könnte ich ja auch an einem Salzstreuer nuckeln. Ich stellte mir gerade vor, wie der Rest des Viechs, in dessen Finger ich gerade biss, wohl aussah, als zum Glück die Cola vor mir auf den Tisch geschmettert wird. Der Kellner hatte schlechte Laune und ranzte uns an, dass wir uns Schuhe anziehen sollen! Oh stimmt, die hatten wir im Café stehen lassen. Na ok, also zogen wir unsere Schuhe wieder an, aßen dann jeder noch eine leckere Minestrone und Baguette, bezahlten und schnürten unsere Rucksäcke zu. Rudi wollte in Richtung Porto weiter, um nach seiner langen Reise von dort aus wieder nach Deutschland zu fliegen. Wir würden uns also wahrscheinlich nicht wieder sehen. Wieder wurden Nummern ausgetauscht, sich Glück gewünscht und man ging seiner Wege. 


Ich lief weiter, doch von den Drachenfingern war mir ziemlich schlecht. Ich sage doch: Ich und Fisch – das passt nicht! Aus meinem Bauch drangen mannigfaltige Geräusche. Mein Magen meldete: „Du Arsch, das zahle ich Dir heim! Was fällt Dir eigentlich ein?!“ Speziell für solche Fälle hatte ich ein kleines Päckchen mit Natron eingepackt, was mein Sodbrennen recht schnell wieder stoppte. Nur zur Sicherheit hielt ich im Pilgerblock fest: Alles, was aus dem Meer kommt, ist für heute vom Speiseplan gestrichen!

Die gelben Pfeile führten mich an bunten Fischerhütten vorbei, vor denen sich Netze, Taue und sonstige interessanten Seefahrtsutensilien stapeln.

Aus einem gelben Häuschen trat plötzlich ein Mann auf die Mole, warf die Arme in die Höhe und kam auf mich zu. Sein Gesicht, breit wie ein Schinken, strahlte Ruhe und Zufriedenheit aus; er lächelte, schüttelte meiner Hand, deutete auf meine Jakobsmuschel und raunte: „Aah, Peregrino...“ Den Rest hatte ich nicht genau verstanden, aber ich war sicher, dass er mir Glück und alles Gute für die Reise wünschte. Ich sagte das einzige portugiesische Wort, dass ich wirklich beherrsche: Obrigado. Danke. Er lächelte mich noch breiter an. Vielleicht war er vor Jahren selbst gepilgert, wer weiß, möglicherweise sogar den gleichen Weg. Der Mann klopfte mir mit seiner radkappengroßen Hand auf die Schulter, sagte noch etwas (Nettes?), drehte sich um und ging wieder in seine Hütte. Ich war etwas verdattert, aber auch sehr gerührt und stapfte langsam weiter.

Wieder ging es auf Holzstege und langsam aber stetig bergauf. Ich wanderte vorbei an hohem Gestrüpp, aus dem ab und zu uralte Mauerreste

herausragten...

...bis ich auf der Spitze eines großen Kliffs ein seltsames Monument erblickte. Was war denn das? Mehrere Stufen mussten genommen und ein kleiner, verschlungener Pfad entlang getappelt werden, bis ich davor stand und erstmal schlucken musste. Seit meiner Ankunft hier hatte ich ja schon den ein oder anderen tollen Ausblick geschenkt bekommen, aber dieser hier war nochmal eine große Stufe darüber.

Es war zwar schon später Nachmittag und ich noch nicht so besonders weit gekommen, aber ich musste einfach meinen Rucksack absetzen, den Wanderstab an das Steindings lehnen und den Ausblick für eine Weile genießen. Von hier fühlte man sich wie am Bug eines riesigen Schiffes; der Ozean so weit und scheinbar endlos, dass man die Krümmung der Erde sehen konnte.

Die Wellen donnerten gegen die Felsen und der Wind blies ziemlich stark um meine Nase; unmöglich, hier oben eine kleine Prise Schnupftabak zu nehmen. Rechts unten, in einer kleinen Bucht, lagen ein paar Sonnenanbeter im Sand und entspannten. Noch weiter dahinter thronte eine kleine Kapelle auf einem grasbewachsenen Hügel. Links von mir sah ich am Horizont die Raffinerie von Perafita. Gemessen an der wahnsinnigen Hitze war ich trotzdem ein bisschen stolz über meine Tagesleistung, die ja laut Karte eigentlich nicht so besonders hoch war. Ich dachte kurz darüber nach, ob ich mich wie Rudi nicht einfach direkt an den Strand legen und dort übernachten sollte. Hier war es so schön und friedlich, was soll schon passieren? Dann packte mich aber auch mein Ehrgeiz: Es muss doch zu schaffen sein, trotz der Hitze und der schmerzenden Muskeln noch ein paar Kilometer abzureißen! Ich folgte wieder dem Weg, entschloss mich aber zu einem kleinen Umweg, um die Kapelle zu besichtigen. Leider war sie verschlossen, doch in ihrer unmittelbaren Umgebung befanden sich hornalte, stark verwitterte Fragmente einer Kirche, die hier vor Ewigkeiten mal gestanden haben musste. Hier, guck mal:

Sieht das nicht toll aus? Eben, find ich auch. Ich stolperte galant wieder zurück auf den Holzsteg und trank den letzten Schluck Wasser aus meiner Flasche. Zu diesem Zeitpunkt hatte ich schon fast vier Liter getrunken, was aber auch notwendig war. Ich könnte mich nicht erinnern, wann ich mal so extrem geschwitzt hatte, außer beim Johnny Winter Konzert 2003 in Leipzig. In einer kleinen Strandbar, in der mit drei freundlichen Einheimischen plauderte, kaufte ich zwei eiskalte Wasserflaschen und holte mich bei der Gelegenheit gleich noch einen Stempel ab.


Von dort aus gelangte ich auf eine Kopfsteinpflasterstraße, vorbei an einem lustigen Restaurant (vor dem ein toter Pirat saß)...

..., weiter in das kleine Fischerdörfchen Vila Cha. Die gelben Pfeile weisen mir den Weg durch die kleinen Gässchen des verschlafenen Fischerdörfchens. Ein Kleinwagen kommt mir entgegen gebraust, sonst passiert erstmal nicht viel. Langsam kommt der Gedanke in mir auf, dass die Leute in auf dem Land offensichtlich deutlich agressiver fahren, als ihre Landsleute in den großen Städten. In Porto hatte ich noch den Eindruck, dass alle eigentlich ganz easy drauf sind.

Am Ende der Straße sehe ich, wie ein paar ältere Leute gerade den Stand für einen kleinen Dorfmarkt aufbauen; ich steuere gerade darauf zu, als ich hinter einem Fenster eine große Katze sehe. Wer mich kennt, weiß, dass ich ein großer Katzenliebhaber bin - und das hier ist die erste portugiesische Katze, die ich sehe! Sie hat die Augen erst nur halb geöffnet und döst vor sich hin, doch als sie mich sieht, erhebt sie sich etwas und reißt die Augen auf. Offensichtlich sitzt sie hier gerne - an der Scheibe sind überall die getrockneten Stupser ihrer nassen Nase zu sehen. Oh, Katzen sind tolle Tiere. Aber diese hier guckt einfach nur doof und macht nichts. Wenigstens ein dezentes Fiepen hätte ja wohl drin sein können. Pah!

Wer denkt, "der wird doch jetzt wohl nicht diese Katze fotografieren...", irrt:

Also, egal, weiter gehts zum Markt. Dort freute ich mich über frische Äpfel, Birnen und Bananen. Alles musste hier wieder mit Zeichensprache ablaufen, da Englisch auf der einen- und Portugiesisch auf der anderen Seite nicht besonders weit führte. Als noch eine mauzende, graue Katze um die Ecke auf mich zutippelte, ist die friedliche Nachmittagsstimmung perfekt! Kurz bevor ich sie am Nacken kraulen wollte, machte ich jedoch einen Satz zurück, da sie beim näheren Hinsehen mehr zappelnde Flöhe als Fell zu haben schien. So brach ich recht bald wieder auf, biss in meinen Apfel und schoss noch, kurz bevor ich um die Ecke bog, ein Foto von dem kleinen Marktplatz mit dem kleinen Flohspender im Bild, der mir ein Weilchen nachsah:


Ein Blick auf die Uhr sagte mir, dass es nun schon früher Abend war. Verdammt. Ich zog umständlich meine Karte aus der Seitentasche meines Rucksacks (eine Bewegung, die offensichtlich ziemlich doof aussah, wenn ich die Reaktion zweier Dorfbewohner hinter einem Schaufenster richtig interpretierte) und schaute nach, welche Herbergen es hier in der Nähe gab. Tatsächlich gab es eine, nur ein paar Straßen von hier entfernt. Sollte ich nach weniger als zehn Kilometern mich heute wirklich schon aufs Ohr hauen? Auf der anderen Seite war ich mittlerweile echt ziemlich fertig, die Hitze war nach wie vor beinahe unerträglich und die hohe Luftfeuchtigkeit machte es auch nicht gerade leichter. Übel war mir auch noch ein wenig, wahrscheinlich von den Drachenfingern & der Hitze. Hm, also lass mal überlegen... wenn ich heute hier eine Unterkunft finden, mich bald ins Bett werfen und dann morgen in aller Frühe aufbrechen würde, könnte ich wieder etwas aufholen. Und falls ich morgen auch nicht soviel wie am ersten Tag schaffen sollte, wäre immer noch eine Menge Zeit. Ja, ist wohl besser so.

Nach ein paar sinnlosen und ungeplanten Umwegen bog ich in eine breite Straße ein, die von mehreren großen Einfamilienhäusern gesäumt wurde, von denen jedoch die meisten offenbar leer standen. Wer also noch eine günstige Sommerresidenz sucht, sollte es vielleicht mal in Vila Cha versuchen.

Bevor ich aber die Herberge erreichte, erspähe ich den Eingang eines Campingplatzes, auf dem sich nicht nur Bungalows, sondern auch freie Flächen und, in gleichen Abständen, große Palmen befanden. Da könnte ich doch meine Hängematte ausprobieren? Oder vielleicht gab es ja auch noch einen Schlafplatz in einem der Bungalows. In dem kleinen Anmeldungshäuschen traf ich jedoch auf eine von tiefster Uncoolheit geprägte Frau, die mich knurrig wieder wegschickte. „Keine Einzelpilger, nur Gruppen“, krähte sie. Pah! Dann doch lieber zur Herberge. Ich drehte wieder um und lief zurück zur letzten Kreuzung; bevor die nach links führende Straße einen Knick machte, wies ein kleines Schild den Weg zum Grundstück, auf dem sich nicht nur die Herberge, sondern auch ein kleines, niedlich eingerichtetes Fischereimuseum befand.

Im Innenhof saßen zwei Männer, quarzten dicke Zigarren und schauten mich freundlich an. Ich wollte gerade meinen Mund aufmachen und nach der Anmeldung fragen (oder wie sagt man das bei kirchlichen Herbergen - Rezeption? Empfang?), als einer der beiden seinen Arm hob und zu einer Tür an der rechten Seite des vorderen Gebäudes wies. Ich bedankte mich, schlurfte in das kühle Gebäude (aah...angenehm!) und weckte dabei eine junge Frau auf, die gerade in einer Ecke des Raumes, auf einem Hocker sitzend und den Kopf an der Wand gelehnt, ein Nickerchen hielt. Sie schaute mich halb verärgert, halb verwundert an, doch ich zwang mich zu einem Lächeln (sah zu diesem Zeitpunkt wahrscheinlich eher wie eine gequälte Grimasse aus), worauf sie zurück lächelte. Ich reichte ihr meinen Pilgerausweis und sie schrieb meine Daten in eine Tabelle, ganz oben in das erste Feld. Wie - nur ich? Na, dachte ich mir, da kommen aber sicher noch welche - ich werde bestimmt nicht ganz alleine in einem großen Schlafsaal übernachten! Es stellte sich heraus, dass ich jedoch tatsächlich für heute der einzige und letzte Pilger war, den sie registrierte. Damit hätte ich nicht gerechnet. Ich bekam meinen Stempel, danach zeigte sie mir den Schlafsaal, die Küche und das Bad, händigte mir die Schlüssel zur Herberge und dem Eingangstor aus und überreichte mir zudem noch zwei kleine Päckchen: Dünne Einmalbezüge für das Kunststoffkopfkissen und die Matratze. Nur seine eigene kleine Decke oder einen Schlafsack sollte man natürlich dabei haben; für ganz kalte Nächte waren aber auch einige dicke Decken aus grobem Stoff vorrätig, die feinsäuberlich gestapelt in einem großen Korb lagen. Ich wollte aber unbedingt mein aufblasbares Kopfkissen ausprobieren und legte das Kopfkissen der Herberge auf das untere Etagenbett. Moment Mal, vielleicht sollte ich lieber das untere Bett nehmen – da wäre es nachts bestimmt kühler. So, perfekt!


Bevor mich ich in Downtown Vila Cha auf die Suche nach einem Restaurant machte, stellte ich mich für ein Weilchen unter die Dusche, genoss das warme Chlorwasser und wusch danach in Windeseile mit einem Stückchen Kernseife meine Wäsche in einem uralten Waschzuber. So ein Ding sah ich zum ersten Mal – es funktionierte aber echt super. Nur bekam man nach einer Weile ganz komische Haut an den Händen, wenn man wirklich jeden Tag mit Kernseife an seiner Handwäsche herumschubbert. Vor dem Haus stand ein wackeliger Kleiderständer, auf den ich meine labberigen Sachen hing und mich dann auf den Weg machte.


Ich lief eine Weile suchend durch die Straßen und sah ein kleines Restaurant, das offenbar gerade öffnete. Stimmt, war ja auch Siesta, Abendbrot wird hier immer etwas später gegessen. Direkt gegenüber lag der Campingplatz; die Anmeldungstante schloss gerade die Tür zum Nebenhäuschen und machte offensichtlich Feierabend. In dem schönen, kleinen Vorgarten des Restaurants setzte ich mich an einen der vorderen Tische, bestellte eine braune Blubberbrause und eine Schale Oliven mit etwas Brot und blinzelte in die rote Abendsonne. Langsam wurde es kühler und Grillen zirpten eifrig um die Wette. Nach einer Weile kam eine Gruppe belgischer Touristen vom Campingplatz rüber, alle so um die 50, und setzen sich an eine lange Tafel. Ich überlegte gerade, wie alt wohl die Kellnerin sei, die mir vor zehn Minuten meine Cola und die Vorspeise servierte, als ich von der Seite angestubst wurde und die Köchin mir eine mir Eis und diversen Fischsorten gefüllte Blechwanne unter die Nase hielt. Der Geruch ließ meinen Magen, der immer noch eingeschnappt war von den Drachenfingern, heftig protestieren. Bevor ich meine Vorspeise wieder präsentieren konnte, winkte ich möglichst freundlich ab und bestellte schnell etwas anderes. Sie nickte, schaute aber etwas enttäuscht und trabte zu den Campern, die sich freudig ihren Fisch raussuchten, der auch sogleich unter lautem Gebrutzel nebenan zubereitet wurde. Ich war mir sicher: Der Fisch zappelte vor einer Stunde noch im Netz, war super lecker und würde liebevoll angerichtet – aber für heute gab ich mich dennoch mit Brot, Käse, Oliven und einem Stück Karamellkuchen zufrieden. Mit Karamellkuchen bin ich übrigens meistens sowieso schon ausgesprochen zufrieden!

Ein ganzes Weilchen saß ich dort, genoss die Abendluft, dachte über den Tag nach und schrieb ein paar Gedanken in den Pilgerblock. Auf den Rückweg machte ich mich erst, als die Sonne schon fast verschwunden war und fand, nach einem kleinen Abstecher zum einzigen Tante-Emma-Laden im Dorf, den Schlafsaal so leer und still vor, wie ich ihn vor einigen Stunden verlassen hatte.

Als ich dann im Bett lag, im Halbdunkel all die unbelegten Betten sah und mir der totalen Stille bewusst wurde, fühlte ich mich plötzlich ziemlich einsam hier. Mann: Jetzt lag ich hier mitten in Portugal, diesem tollen, bunten Land, doch nun war kein Arsch ist da – das gefiel mir einfach nicht! Auf der anderen Seite sagte ich mir: Junge, sieh es doch mal positiv. Du hast den ganzen Laden nur für dich. Und überhaupt, hier war es doch auch gar nicht so schlecht. Es war mittlerweile angenehm kühl, es zog nicht und keiner schnarchte dir ins Ohr.

Trotzdem – was würde John Lee jetzt wohl sagen?


One night

I was laying down

Felt so bad, so bad, so low, so low

The Blues came along

And healed me!


Und zack, war ich eingeschlafen.