Tag 18

Mein letztes Frühstück in Santiago nahm ich am nächsten Morgen mit Pastor Matt im Keller der Pilgerburg ein, in dem sich eine großzügig eingerichtete Kantine befand. Der Warnhinweis am Kaffeeautomaten alarmierte uns und machte mich wieder wach:

Elektrischer Schock? Heute nicht, vielen Dank. Wir entschieden uns daher für Orangensaft, den wir uns mit einigen Bleikuchen und frischen Brötchen schmecken ließen. Kurz darauf verabschiedete ich mich von Pastor Matt, setzte meinen Rucksack auf (ja, er war noch nicht ganz auseinandergefallen!) und machte mich auf den Weg. Ein komisches Gefühl, diesen Ort hinter mir zu lassen. Mein Gefühl sagte mir, dass ich jedoch schon recht bald wieder hier sein würde.

Am Tag zuvor war ich die Strecke zur Busstation sicherheitshalber schon einmal abgelaufen, damit ich mich heute früh nicht im Gewirr der Straßen verirrte. Der Bus kam, brachte mich zum Flughafen und wenig später war ich schon in der Luft.

Es fühlte sich so an, als hätte ich einen riesigen Brocken Ballast zurück gelassen und wäre dafür um viele Erfahrungen, Einsichten und neue Träume reicher. Aber das soll jetzt nicht zu geschwollen klingen.

Ein witziges Detail: Ich war überzeugt, dass ich meinen Wanderstab, der mir mittlerweile ziemlich ans Herz gewachsen war, nicht würde mitnehmen können. Vor meinem Gate wollte ich ihn daher in zwei Teile durchbrechen, um ihn nicht zurück lassen zu müssen. Ich wollte ihn zuhause wieder zusammen basteln und an die Wand hängen. Das Holz war jedoch stärker und stabiler, als ich gedacht hatte. Ich wammste ihn mit voller Wucht gegen meinen Oberschenkel, wobei er nur unbeeindruckt wackelte und ganz blieb. Ich jaulte hingegen vor Schmerz und sprang in die Höhe. Welch herrlichen blauen Fleck ich mir selbst hinzugefügt hatte! Mein selbstzerstörerisches Treiben wurde von der Ticketdame bemerkt, die mich schnell darauf aufmerksam machte, dass ich den Stab als Sondergepäck aufgeben könne. Im Frachtraum der Maschinen würde es ein längliches Aufbewahrungsding geben, in dem sämtliche Wanderstäbe reingesteckt werden könnten. Stimmt – ich war höchstwahrscheinlich nicht der erste Pilger, der sein liebgewonnenes Spezialgepäck mit nach Hause nehmen wollte. Ich schaute dankbar-verdattert drein, gab ihr meinen Stab, um den sie sogleich einen Klebezettel mit meinen Reisedaten klebte und auf das Band legte. Bye bye, Wanderstab! Ob er das mehrmalige Umladen wirklich überleben würde? 

Beim Zwischenstopp in Düsseldorf betrachtete ich im Wartebereich fasziniert eine Passagierin, die ein Selfie nach dem anderen aufnahm und dabei ihr Gesicht herrlich verzog. Was das ein „Surprized-Look“? Vielleicht ging es ihr auch nicht so gut und sie guckte deswegen so. Da ich als Oberexperte die günstigsten Tickets herausgesucht hatte, flog ich von Düsseldorf nun zunächst nach Frankfurt, hatte dort eine Stunde Aufenthalt, um anschließend mit einer kleinen Propellermaschine nach Leipzig zu fliegen. Was für eine herrliche Verbindung! Santiago – Düsseldorf, Düsseldorf – Frankfurt, Frankfurt – Leipzig. Der letzte Flug war eine einzige Schaukelei und wir wurde schon ganz flau im Magen. Die meiste Zeit krallte ich mich in meinen Sitz und hinterließ als Andenken ein paar kleine Kerben meiner Fingernägel. Leicht gestresst, etwas groggy und dennoch überglücklich kam ich schließlich in Leipzig an und wurde auf dem Flughafen von meiner Schulfreundin Franziska begrüßt. Und was sah ich, als ich auf dem Leipziger Flughafen vor dem Gepäckband stand?

Richtig, meinen verdammten Wanderstab, ohne den geringsten Kratzer! Ich war überglücklich. Also hatte ja alles perfekt geklappt. Da rollerte er vor sich hin, verkeilte das andere Ende der Bandanlage und drohte, das Band zu verstopfen. Rechtzeitig schnappte ich ihn, ging mit Franzi einen Kaffee trinken und verkrümelte mich irgendwann nach Hause. Nach dem ewigen Hin- und Hergefliege, das fast den ganzen Tag gedauert hatte, war ich ganz schön müde.

Da war ich also wieder – zuhause.

Meine Zimmerpflanzen machten einen etwas verstimmten Eindruck, so wie alle Blätter dröge der Schwerkraft nachgaben. Vielleicht könnte ein Schluck Wasser nicht schaden.

Da ich aus Faulheitsgründen nicht gerade viele Pflanzen in meiner Wohnung habe, war das nach zwei Sekunden erledigt. Doch das war ohnehin egal: Ich warf mich auf die Couch und holte Concettas Glaskugel hervor. Dort betrachtete ich sie eine Weile und wusste, dass irgendwo auf dem Globus immer zwei Menschen waren, die für mich einstanden, egal wie groß die Entfernung ist. Nicht einmal im Traum hätte ich all das erwartet, als ich vor einigen Wochen aufgebrochen war.

In der darauffolgenden Woche ging ich wieder auf Arbeit und hatte das komische Gefühl, es wären zig Monate vergangen. Waren es wirklich nur drei Wochen gewesen? Und überhaupt – was hatte diese Reise eigentlich mit mir gemacht? Meine Familie, Freunde und Kollegen fragten mich mehrmals vorsichtig, ob ich möglicherweise durch meine Erfahrungen einen Sinneswandel gehabt hätte, nun meinen Job kündigen und Lamazüchter in Peru werden wolle oder so. Letztlich kam ich durchaus als veränderter Mensch von meiner Reise wieder, wenn auch nicht gleich so radikal. Man könnte eher sagen, dass ich einen Teil von mir entdeckt habe, der mir vorher völlig unbekannt war. Ich habe Freundschaften mit tollen Menschen geschlossen, quer über den Globus verteilt, sowie meine körperlichen und mentalen Grenzen weit nach hinten versetzt. Von außen betrachtet bin ich nach wie vor der gleiche schräge Vogel wie eh und je, doch ich betrachte die Dinge nicht mehr so, wie ich es bisher getan habe. Irgendwie setze ich meine Prioritäten anders, lasse mich nicht mehr so leicht aus der Ruhe bringen und kann meine Stärken und Schwächen besser einschätzen. Bestimmte Sachen, wenn z.B. jemand in meiner Nähe plötzlich hochgradig uncool wird, bringen mich nicht mehr auf die Palme. Naja, zumindest nicht mehr ganz so schnell. Was meine ich denn damit jetzt wieder? Ich meine, dass mich die Stimmungsschwankungen anderer Menschen nicht mehr so sehr beeinflussen. Warum, kann ich mir auch nicht genau erklären. Vielleicht hat das mit meinem Unfall in Rubiaes zu tun, als ich auf den Kopf gefallen bin.

 

Mein vollgekritzelter Pilgerblock liegt auf dem Schreibtisch, umringt von diversen Schnupftabakdosen, weiteren Notizen und meinem alten Pilgerführer. So gut wie alle Eindrücke, die ich darin festgehalten hatte, befinden sich jetzt in diesem Buch. Ganz ehrlich, es vergeht kein Tag, an dem ich nicht an diese Reise denke. Es freut mich sehr, dass ich nach wie vor in einem engen Austausch mit Concetta, Andrea und Sister Marion stehe. Wenn es mir nicht gut geht oder ich mich in einer schwierigen Lage befinde, beame ich mich gedanklich zurück auf den Jakobsweg und ziehe sehr viel positive Energie daraus. Aber wie kann man dieses Gefühl eigentlich beschreiben? Das ist gar nicht so einfach. Man läuft ja nicht einfach auf einem Stück Land herum und trifft ab und zu ein paar inspirierende Leutchen. Es ist viel mehr als das! Am besten beschreibt es eigentlich John Brierley in seinem Pilgerführer A Guidebook to the Camino Portunués:

Wir sind nicht menschliche Wesen auf einer spirituellen Reise, sondern spirituelle Wesen auf einer menschlichen Reise.

 

Diesen Spruch musste ich erst mehrmals lesen, bevor ich ihn ansatzweise verstanden habe. Das Wichtigste tragen wir ja bereits in uns, der Weg eröffnet uns nur neue Möglichkeiten, genau das zu finden. Hätte ich diesen Gedanken doch nur schon vor meiner Reise gehabt, dann wäre ich vielleicht nicht so dumpfbackig an manches heran gegangen! Denn eine meiner Erkenntnisse war, dass ich zu deutlich mehr imstande bin, körperlich und seelisch, als ich mir selbst zugetraut habe. Klar war ich derjenige, der mit einem umgebauten Gepäcktrolley den Berg herunter gefallen war, doch ich war auch derjenige, der einen Weg aus dem Schlammassel gefunden hat. Beides war weit außerhalb meiner Kompfortzone, wo genau die auch immer liegt. Darüber hinaus sind 99 Prozent der Sorgen, die man sich macht, ohnehin sinnlos, da dass, wovor man sich fürchtet, ohnehin nicht eintritt. Wenn tatsächlich etwas Unvorhergesehenes eintritt, kann man sich auch nur schwer darauf vorbereiten … eben weil es Unvorhersehbar ist. Auf Arbeit habe ich diesbezüglich mal einen coolen Spruch gehört, der passt wie die Faust aufs Auge:

 

Du hast ein Problem? Nein.
Warum sorgst du dich dann?
Du hast ein Problem? Ja.
-> Kannst du es lösen? Ja.
Warum sorgst du dich dann?
-> Kannst du es lösen? Nein.
Warum sorgst du dich dann?

Wie schon im Gespräch mit Rudi damals an meinem zweiten Wandertag fühlen sich viele der alltäglichen Problemchen heute eher banal und durchaus lösbar an. Wenn ich daran denke, wie ich mich durch das Unterholz in Rubiaes gekämpft habe, bekomme ich aber immer noch ein Schaudern. Das war damals wirklich keine banale Sache. Manchmal träume ich davon, wie ich auf dem blöden Berghang hänge, daneben greife und falle … Aber alles halb so wild. Ich kann mich nicht beklagen. Noch immer habe ich Zeit, weiß aber jetzt, wo mir immer ein Weg offen steht – im wahrsten Sinne. Der Camino lässt einen nicht im Stich. Es sollte nicht meine letzte Reise auf dem Jakobsweg sein und bei meiner Rückkehr hatte ich jedes Mal das Gefühl, als würde mich ein alter Freund willkommen heißen. Die Antwort auf meine große Frage fand ich übrigens schon bald: Mach das, was dich stolz macht. Man lebt doch schließlich nicht, um jemand anderes Erwartungen zu erfüllen? Eben. Doch was für mich daraus resultieren sollte, ist eine ganz andere Geschichte.

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