Tag 9

Irgendjemand zuppelte an meiner Decke. Wie von einer großen Keule erschlagen lag ich nach wie vor irgendwo in einem dunklen, warmen Traumland und spürte entfernt, wie sich etwas am Bettende bewegte. Was war denn nur los? Ganz langsam kam ich wieder zu mir, hob meinen dröhnenenden Schädel etwas nach oben und sah, dass einer meiner Pilgerfreunde mich vorsichtig zu wecken versuchte. Ich fühlte mich so, als ob ich gerade aus einer starken Narkose erwachte.

„Es gibt Frühstück, Franta, komm doch mit runter. Du musst was essen.“

„Mmgnnh. Oh ja, danke.“ Ich hatte tatsächlich Hunger, doch vor allem wahnsinnigen Durst. Gefühlt war ich über Nacht um 50 Jahre gealtert: Jeder Schritt tat höllisch weh, alle Muskeln brannten, mein Kopf drohte zu explodieren und zu allem Überfluss juckten meine diversen Kratzwunden unangenehm. Die beachtliche Sammlung an blauen Flecken, die ich mir überall zugezogen hatte, konnte ich kurz darauf im Bad bewundern. Das reinste Gemälde! So entwarf ich ganz nebenbei eine neue, schmerzhafte Kunstform: Den dermatologisch bedeutsamen Hämatomteppich. Bei normalen Körperfunktionen ein in der Regel schnell wieder verschwindendes Werk, man lasse es also richtig auf sich wirken. Nun aber mal im Ernst, es war wirklich nicht gerade angenehm und ich wusste auch nicht genau, was ich nun am Besten machen sollte – irgendetwas drauf schmieren, in Ruhe lassen oder freundlich drauf einreden? Letztendlich verteilte ich einige Klekse Hirschtalg auf die schlimmsten Stellen, das Panthenol könnte ja vermutlich nicht schaden. Dann warf ich einen ernüchterten Blick in den Spiegel: Ohnehin habe ich ja meistens die Gesichtsfarbe eines Heizkörpers, doch nun sah ich eher grau-grün aus. Griesgrämig sah ich mein Spiegelbild an, schüttelte den Kopf und trottete in den Frühstücksraum.

Dort wartete ein bis oben gefülltes Körbchen voller frischer Brötchen, Kaffee und Tee bis zum Abwinken, Obst, sowie allerlei Süßes und Herzhaftes auf uns. Beim Essen erzählte ich nun die ganze Geschichte des gestrigen Tages, welche mir nun, da ich eine Nacht darüber geschlafen hatte, noch abgefahrener und selbstmörderisch vorkam. Wie hatte ich meinen Hintern da nur wieder rausbekommen? Wir konnten es alle nicht so recht fassen, unsere garstige Hausherrin hingegen wirkte mäßig interessiert; mit abgrundtiefem Hass starrte sie gerade den Wasserkocher an und wartete darauf, dass endlich das dämliche Wasser blubberte! Alles musste zack zack gehen! Wie konnte man nur so missmutig bei der Zubereitung eines Frühstücks sein? Aber egal, ich knabberte weiter an meinem Brötchen und trank einen großen Pott Kaffee. Wir überlegten, was heute nun auf dem Plan stand: Meine drei Freunde wollten in Kürze weiter bis nach Valenca laufen, der nächst größeren Stadt – eine ziemlich lange Strecke! Sie hatten extra meinetwegen damit noch gewartet, damit ich etwas länger schlafen und sie mir beim Frühstück Gesellschaft leisten konnten. Solche lieben Leute! Kaum hatte ich meinen Teller aufgefuttert, wurde der Tisch aber auch schon im Eiltempo leergeräumt und das Geschirr von unserer Frau Kommandantin mit militärischer Disziplin abgewaschen. Wütend spritzte sie dabei mit Spülwasser durch die halbe Küche und ich fragte mich ernsthaft, was wohl zu erwarten wäre, wenn sie mal eine Rechnung zu beanstanden hatte oder den Kundenservice ihres Telefonanbieters anrufen müsste. Explosionsgefahr! Wir verkrümelten uns also zurück ins Zimmer, wo Wäsche zusammen gelegt, eingepackt und die Ausrüstung wieder geschultert wurde. Nur bei mir nicht: Ich krabbelte zurück ins Bett, zog die Decke bis zum Kinn hoch und sah ihnen verschlafen beim rumwuseln zu. Nachdem wir uns herzlich verabschiedet hatten (ja, dafür stand ich natürlich nochmal auf) und ich meinen Teil des Zimmers bezahlt hatte, murmelte ich mich wieder ein und versank sofort wieder in einen tiefen Schlaf.

 

 

Ein merkwürdiges Brausen bohrte sich in meine Ohren und kam langsam näher. Dann machte es WUMMS und ich war schlagartig wieder wach: Die Kommandantin hatte mit ihrem monströsen Kampfstaubsauger gegen die Tür geschlagen und signalisierte dadurch, dass ich nun langsam zu verschwinden hätte! Keine Zeit mehr zu verlieren, ich wollte nicht wieder in Lebensgefahr schweben. Also machte ich mich fertig, stopfte meine Sachen zurück in den Rucksack, verabschiedete mich betont freundlich und verließ das Haus.

Die meisten Regenwolken waren zum Glück verschwunden und breite, goldene Sonnenstrahlen fielen durch den morgendlichen Dunst. Ein sehr schöner Start in den neuen Tag. Ich wusste nicht genau, wohin ich nun eigentlich gehen sollte. Eins stand jedoch fest: Den regulären Weg würde ich heute nicht gehen können, da mein Knie nach dem gestrigen Sturz und dem darauffolgenden Chaos mittlerweile etwas angeschwollen war und ich lieber bei einem Arzt vorbei schauen wollte. Ein kurzer Blick auf die ganzen Kratzwunden könnte vermutlich auch nicht schaden. Dummerweise musste ich nun meinen Rucksack in erster Linie mit der rechten Schulter tragen, da der linke Gurt nur noch von zwei Zentimeter Schnüren gehalten wurde und einen Wanderstab hatte ich ja auch nicht mehr. Humpelnderweise ging ich zur Hauptstraße und lief nach links, bergab und in Richtung der zentralen Pilgerherberge. Nur ein paar Autos waren unterwegs, ansonsten war es sehr ruhig. Ab und zu brauste jedoch auch ein Bus an mir vorbei und dabei dachte ich: Warum eigentlich nicht per Bus nach Valenca düsen? Hier müsste es ja irgendwo eine Haltestelle geben. Missmutig erinnerte ich mich zurück an die Episode vor zwei Tagen, als ich auf dem Weg nach Ponte de Lima erfolglos auf den Bus gewartet hatte ... doch: Das war an einem Sonntag und Tony, der verschlagene Barde, hatte mich total uncool aufs Ohr gelegt. Heute war jedoch Dienstag und da müsste man doch ganz normal die öffentlichen Verkehrsmittel benutzen können! Auf dem Weg entlang der Hauptstraße kam ich bald an einer wirklich schönen und gepflegten Kirchenanlage vorbei, von der ich ein paar Bilder machte. Schade, dass alles verschlossen war. Nach meinem gestrigen Erlebnis verspürte ich tatsächlich das merkwürdige Bedürfnis, mich in eine Kirche zu setzen und ein wenig nachzudenken.

So jedoch lief ich weiter und erblickte nach kurzer Zeit in einer Art breiten Parkbucht eine aus massiven Steinen gebaute, weiß gestrichene Haltestelle. Perfekt! Nun hieß es also warten ... warten und warten. Bis auf mich war keiner hier, einen Fahrplan oder etwas ähnliches gab es nicht. Dabei fuhren in der Tat zwei Busse vorbei, deren Fahrer mich jedoch mit einer Mischung aus Verwunderung und Belustigung ansahen ... und ohne Halt weiter fuhren. Saß ich hier etwa in einer Haltestelle, die schon seit sechzig Jahren nicht mehr angefahren wurde? Verdammt nochmal! Resigniert sah ich für einen Moment noch einer Spinne dabei zu, wie sie sportlich an einer Pusteblume hochkrabbelte und dort heimtückisch nach einem Käfer Ausschau hielt. Oh wie spannend. Murrend packte ich also meinen Rucksack und folgte wieder dem Lauf der Straße...

..., bis ich schon nach einigen hundert Metern ein bekanntes Bild sah: Die Einfahrt zur Herberge, in der ich gestern Abend gestrandet war. Ohne groß zu überlegen, lief ich über den Platz und auf das Café zu, wo mich sogleich der fröhliche Flatterfreund begrüßte:

An diesem Morgen herrschte hier eine merkwürdige Stille, da die meisten Pilger ja schon längst aufgebrochen waren. Ich ging in Richtung Theke und stellte fest, dass diesmal eine nette junge Frau mit der Koodinierung der hiesigen Backwaren- und Heißgetränkeversorgung betraut war! Ich reizte ihre Gastfreundschaft etwas aus, indem ich mir für ein paar Minuten ihren Laptop borgte und mir schnell ein Zimmer in der erstbesten Unterkunft im Stadtzentrum von Valenca reservierte. Ich kritzelte die Adresse auf einen Notizzettel, gab ihr den Laptop zurück und war beruhigt, nun zumindest erstmal einen Schlafplatz sicher zu haben. So bald wie möglich wollte ich mich wieder hinlegen – ich war immer noch völlig im Eimer. Nachdem ich ein wenig Obst gekauft & verzehrt hatte, bestellte ich mir ein Taxi, setzte mich wieder auf die Veranda und sah verträumt dem Vögelchen beim rumhopsen in seinem Käfig zu.

Hoffentlich gab es irgendwo in Valenca einen Handyladen. Ich musste wieder erreichbar sein und meinen Freunden ein Lebenszeichen senden können! Gleiches galt natürlich auch für meine Familie, denen ich bisher außer „bin da und laufe jetzt los. alles liebe, Franta“ nichts neues mehr geschrieben hatte. Diese „Funkpause“ hatte ich zwar angekündigt, doch nun war ein Gruß langsam überfällig. Falls es in Valenca also nicht kurzfristig möglich war, das Display auszutauschen, müsste ich mir wohl oder übel ein „Übergangshandy“ kaufen.

Das war und ist bei mir aber generell ein schwieriges Thema ... diese doofen Handydisplays! In meiner Wohnung ging ich Anfang des Jahres mal besonders schwungvoll um die Ecke auf dem Weg zu meinem Schreibtisch, das Handy dabei in meiner rechten Hand. Dabei rutschte das Ding heraus und prallte mit dem Display nach unten auf die Kante meines Verstärkers. Es machte knacks, etwas splitterte und ich konnte ein dauerhaft schwarzes Bild bewundern. Also bestellte ich ein gebrauchtes, zum Teil schon ausgeschlachtetes Handy, welches aber noch über ein funktionierendes Display verfügte. Den Umbau traute ich mir schon zu, schaute aber vorher sicherheitshalber ein paar Tutorial-Videos auf Youtube. Eigentlich bin ich handwerklich recht begabt, möchte ich meinen. Aber bei Mikroelektronik hört es offensichtlich auf, denn beim Versuch, beide Screens ganz vorsichtig herauszulösen und zu ersetzen, hatte ich beide Bauteile irreparabel zerstört. Interessanterweise kann man zerplitterte LCD-Teile nicht wieder zusammenpuzzeln und festkleben – wer hätte das gedacht. Was war ich sauer! Aus lauter Trotz benutzte ich daher mein uraltes Nokia E72 aus der digitalen Steinzeit, bis auch das irgendwann den Geist aufgab. Mit meinem neuen Handy war ich vorerst zufrieden, bis auch dieses Ding wieder kaputt ging! Seitdem hielt ich mich mit Billighandy’s über Wasser, da ich ja wusste, dass diese eh nicht lange halten würden. Mein gestriger Unfall war also nur ein weiteres (zugegebenermaßen spektakuläres) Beispiel, wie man ein Display noch zerstören kann.

 

Nun aber genug von Telefonen und dem ganzen Kram – das Wichtigste habe ich ja noch gar nicht erwähnt: Valenca ist die letzte Stadt vor spanischen Grenze, was mich schon etwas melancholisch machte. Was hatte ich ja nicht alles in Portugal erlebt! Der Gedanke, dieses tolle Land bald zu verlassen, gefiel mir eigentlich gar nicht. Aber Spanien war ja nicht minder-toll, insofern war es eine Mischung aus Abschiedskummer und Vorfreude.

Jedenfalls dauerte es nicht sonderlich lange, da rollte schon ein schwarzes Auto mit gelber Taxi-Aufschrift auf den Hof und ich war erstaunt, dass der Fahrer mich direkt auf Deutsch ansprach! Während der Fahrt nach Valenca erzählte er mir, dass er vor einer ganzen Weile im Ruhrgebiet gelebt und dort auch als Taxifahrer gearbeitet hatte. Ein paar Kilometer fuhren wir über eine Schnellstraße und durch ein muffiges Industriegebiet, bevor wir am Rand des Zentrum von Valenca die große Herberge erreichten. Ich bezahlte und verabschiedete mich, fragte in der Anmeldung der Herberge nach einem Stadtplan und versuchte damit, zunächst mein Hostel zu finden. Warum eigentlich wieder ein Hostel? Die Herberge hatte zu dieser Zeit noch geschlossen – erst gegen Nachmittag würden die Tore geöffnet. Mir fiel heute früh auf die Schnelle also nichts besseres ein, als für möglichst kleine Münze irgendwo ein Zimmer zu buchen, meinen Kram abzulegen und etwas zu ruhen, um anschließend von dort aus zum Onkel Doktor zu wackeln. Angesichts des geringen Zimmerpreises waren meine Ansprüche natürlich nicht besonders hoch, zumal ich heute früh auch nicht besonders viel Zeit hatte. Das ging mir durch den Kopf, als ich kurze Zeit später am Ziel war. Der Haupteingang des Hostels war nur eine schmale Tür im Erdgeschoss, eingeklemmt zwischen einem China-Imbiss und einem Friseur. Das Haus war recht groß, sah mit seiner grau-fleckigen Fassage wie der Schauplatz eines drittklassigen Feierabendkrimis aus und war wenig einladend. Die dampfenden Speisen in den Töpfen des Imbisses, wie ich nach einem Blick durch das Schaufenster erkennen konnte, sahen aus wie jene Horrorbilder, die man zuweilen bei Undercover-Restaurenttests im TV zu sehen bekam. Ich begnügte mich daher mit einer Flasche Limonade und ein paar Schokoriegeln, bevor ich das Hostel betrat und zur Rezeption ging.

Der Raum war deutlich größer, als man es von außen vermutet hätte. Hinter einem breiten Tresen stand ein netter Mann mit riesigem Bierbauch (den er halbherzig versuchte, mit seinem Shirt zu bedecken), der mir nach wenigen Sätzen die Schlüssel zu meinem Zimmer gab. Richtig: Keine Codekarte oder sonstiger moderner Scheiß, sondern ein herrlich altmodischer Schlüssel, befestigt an einem klobigen Plastikdings. Ein kleiner Fahrstuhl beförderte mich klappernd und quietschend in den 4. Stock, wo ein kleines Zimmer mit Aussicht auf den Stadtkern auf mich wartete. Während meiner Suche nach dem Hostel hatte ich mich nicht sonderlich aufmerksam umgesehen, sondern nur den nächstbesten Weg gesucht und dabei eine riesige Mauer bemerkt, die links von mir in die Höhe ragte. Nun sah ich das imposante Bauwerk vom Fenster aus in ganzer Pracht – was für ein Apparat!

Gebaut wurde die Festungsmauer vor über 800 Jahren und allein die schiere Größe flöste mir Respekt ein. Das andere Ende der Anlage konnte ich selbst von hier oben aus nicht sehen, also stünde heute noch ein Ausflug auf dem Plan! Bis dahin gab es jedoch noch genügend Zeit für ein Nickerchen – die Festung würde bis dahin sicher nicht weglaufen. Es war ja auch erst später Vormittag. Da der Straßenlärm enorm war und meine Kopfschmerzen nicht gerade linderte, schloss ich das Fenster wieder, zog die Rolladen halb runter und legte mich auf das Bett. Nur ganz kurz ausruhen, bevor ... sofort war ich tief eingeschlafen. Als ich aufwachte, hatte ich schon wieder komplett mein Zeitgefühl verloren und hoffte inständig, dass es nicht schon früher Abend war. Nach einem Blick auf meine Armbanduhr atmete ich auf – Mittagszeit. Nach einer kurzen Dusche wusch ich meine verdreckten Sachen so lange, bis die meisten Gras- und Schlammflecken von meinem gestrigen Ausflug mehr oder weniger verschwunden waren, hing sie auf der Stange des Duschvorhangs zum Trocknen auf und verließ das Hostel. Nach einigem hin und her fand ich direkt hinter einer großen Kreuzung ein Ärztehaus, mit einer Apotheke im Erdgeschoss. Ich war mittlerweile recht hoffnungsvoll, da die Schmerzen und Schwellungen an meinem Knie bisher nicht schlimmer geworden waren. Schnell fand ich jedoch heraus, dass die Praxis des Allgemeinarztes geschlossen hatte und war mir irgendwie sicher, dass man mir in der Frauenarztpraxis nicht hätte helfen können. Jedenfalls konnte ich nicht in Erfahrung bringen, ob und wann der Allgemeinarzt heute noch öffnete, also schaute ich zunächst in der Apotheke vorbei. Dort musste ich nur kurz warten, bis ich an der Reihe war, erklärte mein Problem und fragte in die Runde, wo denn nun der nächste Arzt sei. Dazu deutete ich auf die roten Kratzer auf Armen und Beinen, sowie auf mein etwas matschiges Knie. Man bot mir an, gleich hier einen Blick darauf zu werfen und erst danach über Arzt- oder notfalls Krankenhausbesuche zu befinden. Das klang vernünftig! Eine ältere Dame in weißem Kittel schaute sich also meine Kratzwunden an, schüttelte unaufgeregt den Kopf, drückte dann ein wenig an meinem Knie herum und meinte mit einer wegwerfenden Handbewegung: „Wohl nur etwas überlastet, legen sie es ein oder zwei Tage ruhig. Der Rest wird sicher schnell heilen.“ Ich war ja kein Experte, aber müsste man nicht zumindest etwas röntgen, ein paar Spritzen reinjagen, Salben verschmieren und Beschwörungsformeln murmeln? Aber ich sagte ja bereits, ich war kein Experte. Also gab ich mich mit ihrer Einschätzung zufrieden und sah auch keinen Grund, daran zu zweifeln. Ziemlich erleichtert kaufte ich zuletzt noch einige neue Blasenpflaster, sowie eine kleine Tube Wundsalbe und bekam noch einen wichtigen Hinweis mit auf den Weg:

„Sie können sicher in ein paar Tagen weiter wandern, aber steigern Sie sich schrittweise! Heute müssen sie ruhen und auch morgen können sie höchstens eine ganz kurze Strecke laufen. Sonst könnte sich etwas am Gelenk entzünden! Wenn die Schwellung und die Schmerzen nicht bald zurück gehen oder schlimmer werden sollten, müssen sie wirklich zu einem Arzt.“ Ok, daran würde ich mich halten. Mutter isst mit Vorsichtig alle Porzellankisten.

Ich bedankte mich sehr für ihren Rat, ging wieder raus in die Sonne und war plötzlich verdammt guter Dinge! Es sah so aus, als wäre ich doch noch einmal glimpflich aus der Sache rausgekommen und könnte, wenn alles so schnell abheilt, wie die nette Apothekerin eben sagte, bald den Rest des Jakobswegs gehen. Ich fühlte mich also wie der größte Glückspilz, machte einen kleinen Lufthüpfer und entschied mich als nächstes für ein leckeres Mittagsmahl in einer Eckkneipe, von der aus ich einen schönen Blick über die Festung hatte. Die Bedienung war zwar etwas pampig, doch das trübte meine Laune nicht im Geringsten.

Nachdem ich mein klassisches Pilgermenü, die gute alte Krautsuppe mit Brot, verdrückt und mir zum Abschluss noch einen Espresso genehmigt hatte, schlurfte ich ein paar Seitenstraßen weiter...

... und fand im Erdgeschoss eines großen Glas-Beton-Kastens einen gut ausgestatteten IT-Tempel. Laptops, riesige Monitore, Fernseher und Smartphones in allen Formen, Farben und Preisklassen – was das Herz begehrte! Die Preise waren eigentlich auch nicht viel anders als in Deutschland und die Auswahl so groß, dass ich von einem Handy zu nächsten hopste und mich einfach nicht entscheiden konnte. Eine schnuckelige Verkäuferin in meinem Alter sprach mich an und fragte, ob sie mir helfen könne. Ich starrte in ihre schönen dunklen Augen und nuschelte schnell etwas unverständliches:

„Oh hallo, ja also, Handy kaputt, Bildschirm neu, wenn nicht, dann ‘n neues ...“ Schnell stellte sich heraus, dass man das Display zwar austauschen könne, dies aber ziemlich teuer und zeitaufwändig wäre. Hm, so ein Mist. Zielsicher lotste sie mich also in Richtung einiger sündhaft teurer Premium-Modelle, die ich bei meinem Geschick vermutlich schon morgen um diese Zeit kaputt gemacht hätte. Mein Blick blieb jedoch mehr auf ihr, sowie auf einem kleinen, orange-farbenem Outdoorhandy hängen. Schau mal, dachte ich, das sieht wenigstens robust aus. Ein Blick auf die Produktbeschreibung und Spezifikationen zeigte mir, dass es sich um ein sehr einfaches Einsteigermodell von einer mir völlig unbekannten Firma handelte – Doogie. Klingt doch irgendwie merkwürdig, nicht? Wenigstens würde es den ein oder anderen Stoß aushalten, war spritzwasserfest und relativ günstig. Letzteres war mir nicht ganz unwichtig, da ich meine Urlaubskasse schon zu sehr belastet hatte. Hinzu kam, dass die meisten der in den Regalen stehenden Handys nur in Verbindung mit einem portugiesischen Mobilfunkvertrag gekauft werden konnten – das Doogie nicht. Ich fackelte also nicht länger, kaufte das Teil und bat die nette Mobilfunkpriesterin, gleich meine SIM- und SD-Karte einzusetzen und mir die Funktionen dieses Wunderwerks der Technik zu erklären. Das war nach wenigen Sekunden erledigt („hier schalten Sie das Handy an ... und so wieder aus“) und nach einem kurzen, aber herzlichem gegenseitigen Augenzwinkerkonzert verabschiedete ich mich.

In der Nähe meines Hotels setzte ich mich in ein Straßencafé und testete meine neuste Errungenschaft, indem ich möglichst souverän ein Bild mit der integrierten 4-Megapixel vom gegenüberliegenden Haus aufnahm:

Ein Foto von erschütternder Qualität. Aber naja, ich hatte ja noch meine Digitalkamera. Ich machte mich auf den Weg zurück ins Hotel, schmiss mich aufs Bett und versuchte über das Hotel-WLAN, einige wichtige Anwendungen runterzuladen. Das klappte problemlos und kurz darauf konnte ich zum ersten Mal seit gestern wieder mit meinen Freunden kommunizieren. Wie erwartet hatte ich zig ungelesene Nachrichten, insbesondere von Concetta und Andrea, die nicht wussten, was bei mir los war und sich Sorgen machten. Sie hätten von einem Typ gehört, der einen Berg herunter gefallen wäre – ob ich das wäre?! Das musste ich leider bestätigen, schrieb aber gleich hinterher, dass es mir gut ging und ich nun in Valenca war. Bevor ich ihre Antworten lesen bzw. überlegen konnte, wohin ich morgen eigentlich gehen würde, nickte ich schon wieder ein. Lange war ich aber nicht weggedriftet und wachte vom hektischen Summen des Handys wieder auf. Concetta schrieb, dass ich wirklich besser auf mich aufpassen müsse (stimmt ja), sie bereits in Tui, der spanischen Stadt auf der anderen Seite des Grenzflusses, angekommen waren und dort in einer Herberge übernachten würden. Für den kommenden Tag verabredeten wir uns zu einem abendlichen Umtrunk in O Porrino, dem Ende der nächsten Etappe.

Das schien mir ein guter Plan zu sein: Ich wollte den Ratschlag der Apothekerin auf jeden Fall befolgen und morgen nicht bereits mit dem vollen Programm durchstarten, sondern gemütlich nach Tui laufen, mich dort ein wenig umsehen und dann mit dem Bus nach O Porrino fahren. Jawohl, mit dem Bus! Zweimal wollte mich ja kein Bus mitnehmen, beim dritten Mal würde es sicher klappen. Das war zwar nicht logisch, aber ich hatte wirklich keine Lust, wegen eines entzündeten Kniegelenks meine Reise aufgeben zu müssen und so meine Pilgerfreunde vielleicht nicht wieder zu sehen. Ab O Porrino würde es dann wie gehabt weiter gehen und da ich mich langsam besser fühlte, machte ich mir auch keine allzu großen Sorgen mehr. Auch bezüglich meines Rucksacks hatte ich eine Lösung gefunden: Ich fädelte einen meiner Ersatzgurte durch die Schlaufen auf der linken Seite und bastelte mir auf diese Art einen improvisierten Schultergurt. Das war zwar weder komfortabel, noch besonder schön anzusehen, doch es funktionierte wenigstens. Einen neuen Rucksack wollte ich mir nicht besorgen – ich war mit diesem Teil angekommen und würde auch damit wieder abreisen! Stur, ich weiß, aber was solls. Abgesehen davon hatte ich auch nicht mehr so viel Geld übrig, um mir mal eben ein neues Telefon und einen besseren Wanderrucksack zu kaufen.

 

Bis zum Abendbrot hatte ich nun noch ungefähr zwei Stunden Zeit und beschloss daher, die Festungsanlage zu besichtigen und einige Postkarten nach Hause zu schreiben. Ich packte meinen Kuli ein und verließ das Hotel, suchte mir in einem Kiosk ein dutzend Postkarten aus und lief damit zur Festung. Innerhalb der Anlage gab es einige grasbedeckte Anhöhen, von denen aus man über die Mauern und bis weit ins Land blicken konnte. Früher hielt man von dort wohl nach dem Feind Ausschau, nun saß ich da und kritzelte einige Nachrichten an Freunde und Familie. Von meinem Unfall erwähnte ich natürlich nichts, sondern berichtete stolz davon, dass ich fast die Hälfte der Reise schon geschafft hatte und ab morgen in Spanien wäre. Als alle Karten bis in die letzte Ecke vollgeschrieben waren, lehnte ich mich zurück und sah entspannt in die Ferne. Hier oben war es angenehm windig und die Sonne brannte bereits nicht mehr so stark. Ich fragte mich, ob da irgendwo in der Ferne wohl Rubies lag. Schon merkwürdig – gestern um diese Zeit hatte ich beinahe alle Hoffnung verloren und nun saß ich glücklich und wohlauf an diesem wunderbaren Ort. So richtig realisiert hatte ich das alles noch gar nicht. Also atmete ich tief durch und genoss die Stille. Irgendwie hatte ich auch das Gefühl, mir nach den Ereignissen des letzten Tages diesen schönen Moment verdient zu haben. Mit meiner Hightech-Kamera nahm ich gleich ein paar Bilder auf:

Sehr gut. Mit diesem Bildmaterial als Beweis würde mir zu Hause jeder die Schönheit dieses Ortes abkaufen. Als eine Windböe plötzlich meine Postkarten aufwirbelte und ein paar Meter weiter flattern ließ, entschied ich, nun langsam wieder aufzubrechen. Schräg unter mir sah ich ab und zu ein paar Autos eine schmale Straße durch ein Tor in Richtung der Altstadt fahren – da wollte ich auf jeden Fall noch hin und mich umsehen. Ich sammelte also die Karten vom Boden auf und trabte los. Als ich durch den alt-ehrwürdigen Torbogen schritt und den historischen Stadtkern erkundete, dachte ich, ich befände mich direkt in einem Prospekt der Tourismusbehörde oder einem Gemälde – so schön war das hier! Im Ernst, ein richtiges kleines Paradies. Zumindest habe ich es so empfunden: Friedlich, tip-top gepflegt, urig und voller interessanter, liebenswerter Details. Ich sag es direkt an dieser Stelle: Die Altstadt von Valenca hat mir von all den vielen Orten auf dem Jakobsweg am Besten gefallen. Kann ich nur wärmstens empfehlen!

Ich schlich also durch die kleinen Gassen, setzte mich für ein paar Minuten in eine kleine Kapelle, in der es sehr intensiv nach einer Mischung aus Rosen und Weihrauch roch, und hielt in dem ein oder anderen Souvenierladen nach (platzsparenden) Mitbringseln Ausschau. In einem Laden für Pilgerbedarf sah ich mir einige Wanderstäbe aus dunklem Wurzelholz an, die jedoch ziemlich teuer waren, betrachtete skeptisch die diversen T-Shirts, Tücher und Armreifen mit Abbildungen der Jakobsmuschel und kaufte mir letztlich einen kleinen Lederring, der mir sehr gefiel. Hier lernte ich auch ein älteres Ehepaar aus Sachsen-Anhalt kennen, mit denen ich mich angeregt über das Für und Wider von Wanderstäben aus Holz und modernen Walking-Sticks unterhielt. Zufrieden wollte ich mich schon auf den Rückweg machen, als mir eine wuschelige Katze auffiel, die vor einer Hauswand in der Sonnenstreifen saß und sich den Pelz wärmte. Sie sah aus wie die Katze, die auch meine Mutter hat – eine Birma: Gesicht, Pfoten und Schwanzspitze waren schwarz, der Rest des Fells weiß, dazu blaue Augen. Verschlafen sah sie mich an, streckte sich langsam und tippelte dann langsam zu einem kleinem Haus am Ende der Gasse. Dort wurde sie von einem alten Mann begrüßt, der auf einem Stuhl saß und Pfeife rauchte. Auch ein kleiner Hund saß neben ihm und musterte mich von weitem gelangweilt. Die Katze bekam einige Streicheleinheiten und sprang kurz darauf auf die hinter dem Haus liegende Mauer, setzte sich und blieb cool. Da erhob sich der Mann und stellte sich neben sie an die Mauer, wobei er sie gedankenversunken ansah und mich dabei offenbar gar nicht wahrnahm. Worüber er wohl gerade nachdachte? In jedem Fall war das so eine schöne und irgendwie besondere Szene, dass ich gleich meine Digitalkamera zücken und ein Bild davon machen musste.

Leise ging ich wieder zur Hauptstraße, fand ein kleines Café direkt an der Stadtmauer und bestellte mir dort ein spätnachmittagliches Frühabend-Bier. Normalerweise trinke ich ja kaum Alkohol, doch nun hatte ich richtig Lust auf einen erfrischenden Hopfensaft!

Dort saß ich also für ein Weilchen, blinzelte in die Abendsonne und starrte ein wenig vor mich hin. Plötzlich kam ein alter, roter Renault um die Ecke gefahren, der in unregelmäßigen Abständen nervtötend hupte. Stand ihm vielleicht jemand im Weg? Mir fiel auf, dass der Fahrer gar nicht auf die Hupe drückte, sondern mit hochrotem Kopf hinter dem Steuern saß und das Lenkrad mit nur einem Finger festhielt. Er machte den Eindruck, als ob er eigentlich nicht gesehen werden und lieber im Boden versinken wollte. Was war denn da los? Offenbar hatte sich die Elektronik verabschiedet und einige Kabel verschmort, sodass die Hupe hin und wieder unkontrolliert losging. Oder hatte ihm jemand einen Streich gespielt und irgendwelche Drähte aneinander gelötet? Ich hab mir vor Lachen jedenfalls fast in die Hosen gemacht! Das war so ziemlich das Lustigste, was ich in den letzten Tagen so gesehen hatte. Die Szene erinnerte mich auch sehr stark an meinen ersten Wagen: Den guten alten Renault Megáne, Baujahr 1994. An anderer Stelle hatte ich bereits schon ein paar Worte dazu geschrieben. Ergänzen möchte ich daher nur, dass die Kabel zum rechten hinteren Rücklicht, dem Blinker und den Bremsleuchten auch irgendwann mal durchschmorten und von da an eine unheilvolle Verbindung eingingen, sobald man das Hauptlicht einschaltete. Natürlich konnte man die Bremsleuchten und Blinker auslösen – nur eben nicht gleichzeitig, denn dann gingen alle Lichter aus und es wurde ziemlich finster. Bremsen UND blinken zur selben Zeit? Welch dekadenter Luxus! Dahinter verbarg sich wahrscheinlich irgendeine wichtige Lebensweisheit: Man muss sich eben im Leben entscheiden, ob man anhalten, oder die Richtung wechseln will. Oder so ähnlich. 2015 war der Wagen dann jedoch so durchgerostet, dass ich ihn verkaufen musste.

 

So, nun hatte ich aber genug über alte Autos nachgedacht – langsam musste ich wieder los. Dabei hätte ich eigentlich noch stundenlang hier sitzen bleiben können, doch die Sonne ging bald unter und ich hatte Hunger. Solchen Hunger! Das Beste wäre wohl, wenn ich in einem Imbiss in der Nähe meines Hotels schnell etwas futtern und dann von dort aus direkt ins Bett gehen würde. Ich machte mich also auf die Socken und traf auf halben Weg zurück auf eine Gruppe Pilger, von denen ich manche schon in Rates kennengelernt hatte, die in einem gemütlichen Restaurant im Licht der untergehenden Abendsonne saßen und mir zuwinkten. An diesen Abend erinnere ich mich wirklich gerne zurück; wir sprachen über alles mögliche, unter anderem auch über mein gestriges spezielles Erlebnis, bis die Sonne schon fast verschwunden war. Dazu gab es leckeren Wein, frisches Brot und mehrere Sorten Fisch. Lecker!

Mit einer hochgradig sympathischen Pilgerin, die ungefähr in meinem Alter war, verstand ich mich besonders gut. Wir verabredeten uns für den nächsten Morgen zu einem gemeinsamen Frühstück, um anschließend zusammen nach Tui zu laufen. Vorerst jedoch verabschiedeten und trennten wir uns, woraufhin ich auf direktem Weg zurück in mein Hostel lief und recht schnell im Bett verschwunden war.

Dort lag ich und dachte: Naja, streng genommen hatte ich heute ja mein Knie gar nicht wirklich ruhig gelegt, sondern war wie eine neugierige Katze auf Erkundungstour gegangen. Doch wer hätte gedacht, dass dieser Tag noch so wunderschön werden und ich wieder so viel Gutes erhalten würde? Zufrieden stellte ich den Wecker auf 09:00 Uhr, rollte mich auf die Seite und war sofort eingeschlafen.

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