Tag 8 (2von2)

Sinnlos mit den Armen wedelnd fiel ich nun einige Meter, knallte gegen einen morschen Ast, der wie ein Streichholz durchbrach, und kam mit dem Gesicht zuerst auf dem weichen Waldboden auf. Auf welch unerwartet galante Art man kinetische Energie doch abfangen kann. Der PEREGRINO 3000 landete direkt neben mir, wobei mit einem lauten Knacken der Wanderstab zerbrach. An dieses Geräusch werde ich mich noch lange erinnern. Dort lag ich also für einen kurzen Moment, aus Angst mich zu bewegen. Traurig drehte sich noch für einen kurzen Moment quietschend ein Rad des Tragegestells, dann war es totenstill. Was nun: War etwas gebrochen, von meinem Wanderstab mal abgesehen? Vorsichtig wackelte ich mit einem Bein, dann dem anderen, zuletzt mit den Armen. Soweit alles ok. Bis auf mein rechtes Knie, welches nervös kribbelte, schien offenbar alles in Ordnung zu sein. Oh man, wie zum Geier konnte das nur passieren? Vorsichtig und ganz langsam stand ich auf, wischte mir den Schmutz aus dem Gesicht und sah nach oben zur Anhöhe, von der ich gefallen war. Das waren vielleicht zweieinhalb oder drei Meter bis dahin und mit Entsetzen stellte ich fest, dass die Wand steil und rutschig war und ich somit unmöglich weder hinauf klettern, noch drum herum gehen konnte.

Ich war auf einer Art kleinem Plateau gelandet und konnte von dort aus in ein dicht bewachsenes Tal schauen – der einzigen Richtung, die mir jetzt noch offen stand. Wobei von einem Weg natürlich nicht gesprochen werden konnte, eher von allerlei Gestrüpp, dass mir fast bis zur Hüfte ragte. Es nützte nichts, ich würde mich im wahrsten Sinne durchschlagen müssen. Oder? Vielleicht konnte ich irgendwie ein Zelt improvisieren und erstmal etwas schlafen, um am nächsten Morgen … nein, was für eine blöde Idee! Was würden denn meine Freunde machen, die jetzt vermutlich schon in einer Bar in Rubiaes saßen und auf mich warteten? Wir hatten ja zusammen ein Viererzimmer gebucht. Spätestens bei Einbruch der Nacht würden sie mich doch suchen oder vielleicht sogar die Polizei rufen – nur würde mich hier natürlich nie jemand finden. Und hätte ich mir auch die Seele aus dem Leib geschrien und stundenlang um Hilfe gerufen, gebracht hätte es nichts. Die Bäume standen dicht um mich herum und abgesehen von allerlei Felsen, Büschen und Abhängen konnte ich nichts erkennen, was auch nur entfernt an eine Straße oder eine Behausung erinnerte. Realistisch betrachtet, sagte ich mir, war ich doch nun komplett verloren. Nein – es gab nur noch eine Möglichkeit: Ich musste irgendwie einen Weg heraus aus diesem Dschungel und zu einer Straße finden. Mit etwas Glück würde ich direkt auf Rubiaes treffen. So besonders weit war es ja eigentlich nicht mehr. Ich war mir jedoch sicher, dass mein GPS hier mitten in der Pampa mal wieder nicht funktionieren würde – von der Möglichkeit eines „Hilfeanrufs“ ganz zu schweigen. Aber selbst wenn ... was sollte ich denn sagen? „Ja hallo, ich stehe gerade vor einer Wand neben vier Bäumen auf einer Art Klippe, könnten sie wohlmöglich ein Taxi vorbei schicken?“ Lächerlich. Naja: Zumindest wäre das meine letzte Möglichkeit, wenn wirklich gar nichts mehr hilft, oder ich mir bei einem weiteren Sturz ein Bein brechen würde … ich wollte diesen Gedanken aber lieber nicht zu Ende denken.

Meine Rettung könnte nun mein popeliger Kompass sein, da ich wusste, dass Rubiaes von hier aus grob im Nordosten lag. Vor allem konnte ich nicht länger warten – es war bereits früher Abend und nach Einbruch der Dunkelheit könnte ich ohnehin einpacken. Ich zog die Reste meines zerbrochenen Wanderstabes aus dem Gestell und warf sie weg, schnappte den Trolley und versank kurz darauf bis zum Bauch in Farnen und stacheligen Büschen. Wie hirnrissig die ganze Aktion war, lässt sich nun nach kurzem Überlegen schnell erkennen: Die Sträucher standen so dicht beieinander und waren teilweise so hoch, dass ich einfach nicht erkennen konnte, ob und wenn ja, was darunter war. Ein tiefes Loch, eine überraschte Schlangenfamilie oder ein spitzer Stein? Siedendheiß fiel mir auch noch ein, dass ein Pilgerbruder heute Vormittag einen schwarzen Skorpion auf der Straße gesehen haben wollte. Mir blieb nichts anderes übrig, als dieses Risiko einzugehen. Ich versuchte, möglichst auf lichte Stellen am Boden zu treten und die ganzen undurchdringlich wirkenden Dornenbüsche zu meiden. Aber wie sollte ich das tun, wenn sie hier quasi überall aus dem Boden wuchsen und ich ja nicht einfach ständig drum herum laufen konnte? Also versuchte ich, mit dem Gestell des PEREGRINO 3000 das Grünzeug vor mir etwas platt zu drücken, bevor ich darauf trat. All das änderte jedoch auch nicht viel daran, dass jeder Schritt eine einzige Kraftprobe war und ich daher nach ein paar dutzend Metern keuchend und komplett am Ende stehen bleiben musste. Ich konnte bald nicht mehr weiter, war nun vollends in Panik und konnte kaum einen klaren Gedanken fassen. Wie sollte ich hier nur wieder rauskommen? Zum ersten Mal in meinem Leben wusste ich einfach nicht mehr, ob und wie ich diesen Tag überstehen würde. Unwillkürlich musste ich an das Bild der Jungfrau Maria denken, welches ich vor wenigen Stunden in der kleinen Kapelle gesehen hatte. Der beruhigende, zuversichtliche Gesichtsausdruck der kleinen Statue ging mir einfach nicht aus dem Kopf, obwohl ich eigentlich gar nicht daran denken wollte. Mich sorgte nämlich auch etwas ganz anderes, denn mein Herz schlug mittlerweile so rasend schnell, dass ich mich ernsthaft fragte, wie lange mein Körper das wohl alles durchhalten würde. Bis hierhin war ich seit dem Vormittag ja bereits über 20 Kilometer gelaufen und auch schon ohne diese Katastrophe fix und alle. Da rief ich wie ein Blöder in den Wald:

„Nein, ich werde ganz sicher nicht hier bleiben!! Ist das klar? Ich gebe ganz sicher NICHT auf! Verdammt nochmal! Du scheiß Wald, du!“

Wenn mich jemand gehört hätte, unter normalen Umständen versteht sich, wäre mir das ziemlich peinlich gewesen. Bis auf einen entnervten Vogel, der schimpfend aus einem Strauch in Richtung der Baumwipfel flatterte, gab es jedoch niemanden, der sich für mein Zetern interessiert hätte. Irgendwie trotzig geworden, zwang ich mich wieder zum Gehen. Ich würde mich nicht kampflos geschlagen geben und außerdem war ja noch nicht alles hoffnungslos: Mein Kompass zeigte mir grob die Richtung zum Dorf und irgendwann musste der Wald schließlich auch mal enden!

Plötzlich war mir so, als ob ich in einiger Entfernung jemand rufen hörte. Ich blieb stehen und lauschte, doch nichts war mehr zu hören. Hatte ich es mir nur eingebildet? Vielleicht wäre ich bald schlauer, denn mittlerweile hatte ich mich zur Talsole durchgeschlagen, in die ich vor kurzem vom Plateao aus geschaut hatte. Nun musste ich auf den dahinter liegenden Hügel klettern und könnte von dort aus vielleicht einen Weg oder eine Straße erkennen. Leichter gesagt als getan: Wieder ging es steil nach oben und nur im Zickzack würde es mir gelingen, die Steigung zu überwinden. An dieser Stelle tauchten auch die merkwürdigen Harztaschen wieder auf:

Die Büsche waren an dieser Stelle zunächst wenigstens nicht ganz so hoch und ich kam ein wenig besser voran, lehnte mich alle paar Meter an einen Baum, atmete tief durch und ging weiter. Hier wurde mir mehr als deutlich bewusst: Wenn ich jetzt ausrutschen und rücklinks zurück ins Tal fallen würde ... besser nicht. Verletzungen würden mit Sicherheit dabei nicht ausbleiben und das Weitergehen damit ausgeschlossen. Es regnete nun stärker und das Gras wurde rutschig. Was denn nun noch, sollte das alles so eine Art Schicksalsprobe sein?! Mein schwarzer Humor war jedoch gänzlich verschwunden und ein zynischer Spruch wollte mir auch nicht über die Lippen kommen – jetzt musste wirklich jeder Schritt sitzen. Mit der rechten Hand suchte ich jeden Meter erneut nach festem Halt, einer Baumwurzel, einem Ast, irgendwas stabilem.

Da kam mir der rettende Einfall: Keiths Trekking-Handschuhe! Damit würde mir das nasse Grünzeug bestimmt nicht mehr so leicht aus der Hand rutschen. Ich kauerte mich wieder vorsichtig hinter einen Baum, wo ich einigermaßen gerade sitzen konnte und machte meinen Rucksack vom Gestell los, was auch längst überfällig war. Nachdem ich die Handschuhe angezogen und einen Schokoriegel verdrückt hatte, den ich zum Glück in einer der Seitentaschen fand, leerte ich meine Wasserflasche in einem Zug und machte mich bereit für den Endspurt. Das Alugestell drehte ich kopfüber und nutzte es dazu, mich hier und da ein wenig nach hinten abzustützen. Eigentlich eine blöde Idee, aber trotzdem funktionierte es. Hoffentlich würde nur der Rucksack durchhalten, da ein Riemen ja bereits deutlich angerissen war. Da musste ich plötzlich an meinen Vater denken, der manchmal im übertragenen Sinne zu sagen pflegte: „Kleine Schritte vorwärts, Franz, immer kleine Schritte ... “ Genauso ging es auch voran, wobei ich mittlerweile mit jeder Bewegung gequälte Geräusche von mir gab. Keine Zeit für falsche Eitelkeit: Jetzt gab es keine Punkte für gute Haltung oder einen netten Preis für den zweiten Platz! Ich musste es hier herauf schaffen, alles andere spielte keine Rolle.

Eine gefühlte Ewigkeit nach meiner unfreiwillien Ankunft in diesem verflixten Dschungel erreichte ich endlich die Spitze des grauseligen Hügels, nach wie vor unverletzt, und sammelte nun meine Kräfte für den finalen Triumphschrei im Angesicht des nahenden Auswegs! Ich zog mich ächzend über die Kante, erhob mich langsam wieder und blickte geradeaus: Hier bin ich, hallo, ich hab’s geschafft!

Doch ... da war nichts. Ich stand in der Nähe einer kleinen Lichtung zwischen hoch aufragenden Nadelbäumen, von wo man das dahinter liegende Areal recht gut überblicken konnte. Rein gar nichts: Keine Straße, kein Häusschen, nicht einmal ein Trampelpfad. Der Aufstieg und all die Anstrengungen hatten rein gar nichts gebracht. Oh nein. Oh nein oh nein. Ich sank zu Boden und starrte ausdruckslos auf den nächsten hoch aufragenden Hügel vor mir, der größtenteils von glatten Felsen bedeckt war. Ihr könnt mich doch alle mal, dachte ich. Möglicherweise würde ich es bis nach unten ins nächste Tal schaffen, dann aber ganz sicher nicht mehr die andere Seite hinauf.

An diesem Punkt konnte nichts mehr darüber hinweg täuschen, dass ich wirklich keine Kraft mehr hatte – egal, wie sehr ich mich auch noch zwingen würde. Ich ließ das sinnlose Gestell und meinen Rucksack nach unten fallen, fischte die wasserdichte Plane heraus und kauerte mich darunter. So saß ich regungslos da, wie ein durchnässter Steinkauz. Gleichmäßig und irgendwie beruhigend prasselte der Regen herab, während ich mit geschlossenen Augen meinen immer noch rasenden Puls durch langsames Atmen zu senken versuchte. Ich hatte großen Durst, da ich wie ein Verrückter geschwitzt und meine Wasserflasche ja bereits komplett geleert hatte. Tja und nun? Mutlos und auch irgendwie wütend starrte ich auf die Überbleibsel des PEREGRINO 3000. Oh du blödes Ding! Ohne das Teil wäre ich nie den Umweg gegangen und hier gelandet! Aber warte mal, eigentlich konnte der Trolley ja nichts dafür, sondern der Idiot, der ihn gebastelt hatte. Hätte ich mir nicht einfach irgendwo einen neuen Rucksack kaufen können? Die ganze Situation hatte ich mir natürlich nicht gewünscht, sie durch Fahrlässigkeit aber dennoch herbei geführt. Dabei will ich nicht unbedingt sagen, dass ich es total darauf angelegt hätte ... naja, meine Risikobewertung hatte offensichtlich doch die ein oder andere Schwachstelle aufzuweisen.

Aber das war jetzt auch egal und änderte nichts an der Lage. Falls ich es hier doch irgendwie heraus schaffen sollte, könnte ich vielleicht ein spannendes Buch darüber schreiben – aus diesem Grund hatte ich auch an der ein oder anderen Stelle ein paar verwackelte Fotos geschossen. Ein komischer Gedanke, ich weiß, aber dadurch machte ich mir immerhin bewusst, dass das alles wirklich geschah und nicht nur ein kranker Traum war. Mir würde nun jedoch nichts anderes übrig bleiben, als auf dieser Lichtung ein improvisiertes Zelt aufzustellen, zu übernachten und morgen mit mehr oder weniger frischen Kräften weiter zu kämpfen. Ich erhob mich und wollte gerade nach einem geeignetem Plätzchen schauen, als ich etwas verdächtiges hörte: Ein langsam abnehmendes Rauschen in der Ferne, wie wenn ein LKW über groben Asphalt um eine enge Kurve fährt. Auch das Geräusch eines Dieselmotors glaubte ich gehört zu haben. War da unten vielleicht eine Straße? Die Bäume standen viel zu dicht, um etwas zu erkennen. Ich rief laut, wartete, rief erneut und horchte ... niemand antwortete. Aber ich war mir ganz sicher: Da war doch irgendwas oder irgendjemand! Oder? Klar war ich schon etwas dehydriert und völlig am Ende, aber trotzdem ja noch nicht taub! Der Tag neigte sich langsam dem Ende entgegen, aber es war locker hell genug, um der Sache noch auf den Grund zu gehen. Außerdem konnte es da unten ja auch nicht schlimmer sein, als hier oben. Das Geräusch kam zwar aus Nordwesten, aber wenn da wirklich eine Straße war, musste ich einfach in diese Richtung!

Neue Hoffnung flammte in mir auf und so gab ich alles an Energie, was irgendwie noch in mir war, um langsam auf die andere Seite des Hügels und von dort ins Tal zu eiern. Wie gefährlich das schon wieder war, konnte ich vom Gipfel aus noch gar nicht richtig einschätzen. Es gab tatsächlich einen Moment, in dem mich ein Dornenbusch so fest in seiner Gewalt hatte, dass ich nur mit äußerster Gewalt wieder heraus kam und die blöden Dornen sich dabei tief durch die Kleidung und in meine Haut borten. Aber ich stand so unter Strom, dass ich es nur am Rande mitbekam und erst realisierte, als ein paar Tropfen Blut meinen Arm herunter liefen. Je weiter im kam, desto schwieriger wurde der Abstieg ... und steiler.

Glatte, rutschige Steine tauchten auf und mussten vorsichtig umrundet werden. Vorhin hatte ich ja noch Mühe, beim Aufstieg nicht rückwärts vom Berg zu kippen; nun bemühte ich mich mit aller Kraft, nicht vornüber zu fallen. Wieder lief ich mehrmals quer von links nach rechts, um nicht direkt bergab zu schlittern. Meine Gelenke schmerzten mittlerweile wie verrückt und die Kratzer, die ich mir überall bereits zugezogen hatte, brannten merklich. Doch abgesehen davon hatte ich bisher noch wahnsinniges Glück im Unglück gehabt. So wie ich es erkennen konnte, ging es nun an einigen Stellen sogar mehr oder weniger senkrecht nach unten, ich musste also jeden weiteren Meter vorher genau abschätzen. Ohne Keiths Trekkinghandschuhe hätte ich das vermutlich nicht geschafft und wäre abgerutscht. Etwa auf halber Höhe hielt ich an, mit der rechten Hand fest eine Baumwurzel umschließend, und starrte konzentriert auf die andere Seite. Noch war keine Straße zu sehen, kein Weg oder sonst etwas. Aber vielleicht verlief die Straße genau dazwischen, also ganz unten im Tal? Könnte ja sein. Ich sah nach unten, konnte aber nichts erkennen. Doch da war schon wieder dieses komische Rauschen! Spielten meine Sinne mir einen Streich? Dabei müsste eine Straße ja schon irgendwie breiter sein – das Tal lief jedoch verdammt spitz zu und vor lauter Grünzeug konnte ich den Boden noch gar nicht erkennen. Ich hatte plötzlich gar kein gutes Gefühl mehr, zum x-ten Mal innerhalb der letzten paar Stunden. Was konnte ich eigentlich noch alles machen, um meine Lage zusätzlich zu verschlimmern? Wie ein Stück Moos klebte ich hier an einer steilen Wand, kurz davor, mir den Hals zu brechen. Ich war mir sicher: Das hier war das Dämlichste, Gefährlichste, Aussichtsloseste und die überhaupt sinnloseste Situation, in die ich mich je herein manövriert hatte. Dabei wollte ich doch nur pilgern und hier keinen Überlebenskampf starten! Doch es half nichts, ich musste erstmal von diesem Abhang runter. Meine Beine fingen an zu zittern, als ich nur noch ein kleines Stückchen vor (beziehungsweise unter) mir hatte. Bald war es geschafft, dann könnte ich mich wenigstens ausruhen. Nur noch wenige Meter! Hoch aufragende Büsche nahmen mir die Sicht, ich wusste also nicht, was genau mich eigentlich erwartete. Langsam wurde ich zudem unkonzentriert, sodass mein rechter Fuss ins Leere trat und mir gleichzeitig die blöde Wurzel, an der ich mich festhielt, aus der Hand rutschte. Glücklicherweise war ich bereits tiefer gekommen, als es von meiner Position aus wirkte: Ich fiel direkt auf meinen Hintern und rutschte nach unten, kam jedoch schnell auf einem Streifen Moos vor einem Dornenbusch wieder zum Halten. Oh man, Gott sei Dank! Aber wo war ich hier nun? Ich hangelte mich um den Busch und umrundete vorsichtig einem riesigen Stein, als ich es endlich sah: Zwischen den Felsen zu Füßen des kleinen Berges, vor dem ich stand, sprudelte fröhlich eine Quelle hervor und erzeugte dabei ein gleichmäßiges Rauschen und Plätschern, das von den glatten Wänden seltsam widerhallte. Aha, verstehe. Witzig. Kein LKW, keine Straße, sondern eine verdammte Quelle!

Von der Spitze des nun hinter mir liegenden Berges musste das Geräusch für mich offenbar wie Straßenverkehr geklungen haben. Oder vielleicht hatte ich im Delirium schon den Verstand verloren? Bei dem Gedanken musste ich kurz lachen, setzte mich auf den nächsten Stein und vergrub das Gesicht in meinen Händen. So saß ich für ein paar Minuten, während der Regen mir auf den Nacken fiel. Doch das war mir mittlerweile egal. Als ich so über meine Lage nachdachte, kam ich zum Schluss, dass es immerhin etwas positives gab: Wasser! Wenn ich in diesem Moment etwas brauchte, dann das. Es sprudelte direkt aus der Quelle, war klar und sauber – vermutlich das gesündeste und reinste Wasser, dass man sich nur wünschen könnte. Zumindest redete ich mir das ein. Ich zog also meine Flasche aus dem Rucksack (der nun ehrlicherweise bereits so aussah, als ob er jeden Moment auseinander fallen würde), wusch sie etwas aus und füllte sie wieder randvoll. Ich sah prüfend hinein, schnupperte, nippte und trank kurz darauf in großen Zügen alles aus. Schmeckte völlig in Ordnung – sauberes Quellwasser eben. Ich genehmigte mir noch ein Fläschchen und hatte nach ein paar Minuten das Gefühl, dass ganz langsam und zaghaft meine Lebensgeister wieder zurück kamen. Nun konnte ich also überlegen, was ich als nächstes tun sollte.

Als erstes suchte ich mir ein einigermaßen trockenes Plätzchen am Rande der Quelle, wusch meine Kratzwunden aus und summte ein wenig vor mich hin. Wie – Summen? Ja, klar: Irgendwie kam ich mir dabei nicht mehr ganz so elend und verloren vor. Wenn ich mich richtig erinnere, hatte ich Citylights von meinem Album Piece of truth im Ohr; der Song entstand etwa Mitte 2013 und bedeuted mir von allen anderen, die ich bisher geschrieben habe, nach wie vor am meisten.

Also, mal überlegen ... der Berg vor, sowie hinter mir war keine Option. Der Bach allerdings musste ja irgendwo hin führen. Wenn ich also von hier aus vorsichtig weiter nach unten laufen würde, käme ich wohlmöglich irgendwann zu einer Brücke, einem Waldweg oder einer Behausung. Stimmts? Etwas besseres fiel mir beim besten Willen nicht ein. Nach dem Tohuwabohu der letzten Stunden kam es mir nun deutlich ungefährlicher vor, durch einen Bach nach unten zu waten, anstatt wieder vom Berg zu fallen (das schwierige Thema Risikobewertung erwähnte ich ja bereits).

Als ich mich wieder aufrichtete, fielen die Überreste meines Trolleys ins Wasser, rutschten über die glitschigen Steine ein paar Meter weiter und blieben in einem kleinen Becken hängen. Mist. Ich konnte mir nicht helfen – davon musste ich ein Bild machen. Das mehr oder weniger stolze Ende des PEREGRINO 3000: Ruhmvoll rumrollend, doch nun hinüber.

Von einem Stein zum anderen hangelnd ging es weiter, stets dem Lauf des Wassers nach.

In gewissen Abständen ging es ein oder zwei Meter steil nach unten, was ich nur rumeiernd, schlitternd und rutschend über die Bühne bringen konnte.

Ein weiterer schwieriger Umstand war, dass die Felsen zu beiden Seiten einander teilweise ziemlich nah kamen und ich irgendwann nicht mehr am Rande des tiefer werdenden Baches herumwackeln konnte. Ich musste direkt hindurch! Eine andere Möglichkeit gab es nicht, also zog ich kurzerhand meine Schuhe aus, band sie am Rucksack fest und stopfte meine Socken hinein. Viel tiefer als einen Meter konnte an dieser Stelle doch eigentlich nicht sein, also schlüpfte ich letztlich aus meinen ruinierten Hosen und warf sie mir kurzerhand über die Schultern. Dann stapfte ich ohne Umschweife ins klare Nass ...

KALT! SEHR KALT! Alles in mir zog sich förmlich zusammen, als ich bereits bis zum Bauchnabel im Wasser stand und mir eingestehen musste, dass es wohl doch einige Millimeterchen tiefer war. Super, das war ja mal wieder prima gelaufen! Fluchend schwappte ich an den Rand des Beckens, zog mich hoch und setzte mich bibbernd an den Rand der Kante. Dahinter ging es zwar nur anderthalb Meter nach unten, jedoch hatte ich Mühe, irgendwo etwas zum Festhalten zu finden – hier gab es ausschließlich glatte, rutschige Steine! Es folgte eine kunstvolle, jedoch auch ziemlich erniedrigende akrobatische Einlage: Langsam drehte ich mich um die eigene Achse, hielt mich links und rechts außen am Rand des Beckens fest und kurbelte mich in Zeitlupe mit seltsam angewinkelten Beinen eine Etage tiefer, wie ein verunglücktes Faultier. Ich tat mich schwer damit, eine geeignete Stelle zu finden, um mich wieder aufzurichten, denn schließlich wollte ich nicht ungebremst nach unten klatschen. So hing ich also hilflos für einige Sekunden dort herum, hektisch mit meinen Beinen paddelnd und irgendwo nach Halt suchend. Schließlich stützte ich mich links und rechts mit den Füßen an zwei Steinen ab, wobei ich meine Beine schmerzhaft weit auseinander strecken musste und dabei von hinten vermutlich wie ein großes, in der Luft schwebendes X aussah. In diesem Moment war ich tatsächlich froh, dass mich hier keiner bei meinen Verrenkungen sehen konnte. Ich senkte mich also langsam weiter ab, rutschte jedoch mit meinem rechten Fuß ab und purzelte rücklinks wie ein Stein ins darunter liegende Becken. Wieder halb im Wasser stehend, bemerkte ich, dass mein Rucksack gerade fast zur Hälfte untergetaucht sein musste. Na prima. Also bewegte ich mich schnell auf eine flachere Stelle zu, als ich etwas sah, was mich vollkommen fassungslos und überglücklich machte: Menschen! Da hinten standen Menschen!! Zuerst dachte ich, dass ich mir wieder etwas eingebildet hätte, doch es bestand kein Zweifel. Fünf oder sechs Leutchen standen etwa 30 Meter entfernt und sahen erstaunt zu mir herüber. Ich hatte es geschafft und doch noch einen Ausweg gefunden! Der Weg und die Brücke, neben der die Gruppe stand, kamen mir zwar seltsam bekannt vor, aber das war zunächst egal. Ich wedelte wie von Sinnen mit den Armen, rief ein lautes Hallooo nach dem anderen und grinste über das ganze Gesicht. Da taten sie etwas, was ich nicht erwartet hätte: Sie grinsten zurück, winkten ein paar mal in meine Richtung und liefen dann weiter. Hey, geht nicht weg! Dödel in Not! Doch da waren sie schon fast wieder verschwunden. Wahrscheinlich hielten sie mich für einen engagierten Extrem-Wanderer und dachten, ich wollte sie nur freundlich grüßen. Keine Ahnung.

„Ach, ihr Säcke! Ja dann haut doch ab, ihr Quarktaschen!“ Ich war mir nicht sicher, ob sie sächsische Flüche verstehen würden – vermutlich nicht –, aber ich wollte es dennoch gesagt haben. Die Rettung war ohnehin nur noch ein paar dutzend Meter entfernt – mein Weg hier raus! Das würde ich auch so noch schaffen. Vor mir ging der Bach langsam in einen plätschernden Wasserfall über, den ich unmöglich direkt herunter rutschen konnte.

Glücklicherweise fand ich links daneben einige große Steine, die fast wie überdimensionale Treppenstufen wirkten und weder sonderlich nass, noch überall von Moos überwuchert waren. Darauf lief ich ohne weitere Probleme zu einer kleinen Lichtung herunter und hopste schließlich triumphierend auf den trockenen Waldboden.

 

Mir war klar: Ich befand mich nun wieder direkt neben jenem Stein, auf dem ich vor einigen Stunden noch gesessen hatte, kurz nachdem ich mich von Keith getrennt hatte. Ohne es zu wissen, war ich in einem riesigen Bogen einmal im Kreis gelaufen.

Im Rückblick kann ich es immer noch nicht recht fassen, dass das vorläufige Ende meines bisher schwersten Kampfes genau an einem Punkt lag, der nur wenige Stunden zuvor für mich zum Inbegriff von Ruhe und Glück wurde. War das nicht alles seltsam? Ich hätte doch an allen möglichen Punkten des Waldes herauskommen können und befand mich nun ausgerechnet wieder hier. Wie groß der Kreis war, in dem ich gelaufen war, konnte ich nicht genau einschätzen. Jedenfalls lernte ich so gezwungenermaßen einen der für mich schönsten und friedlichsten Orte gleichzeitig mit der lebensgefährlichsten Prüfung – die ich mir ja irgendwie selbst auferlegt hatte – zu verknüpfen. Das ist schon eine merkwürdige Vorstellung, oder? Nun saß ich zusammen gesunken mit meinen triefnassen Sachen auf dem Boden und schaute wieder in Richtung des Wasserfalls, diesmal mit dem Wissen, dass ich gerade eben dort herausgeklettert und vorher über zig Berge geklettert war. Natürlich war ich in diesem Moment auch dankbar, sehr sogar. Von ernsthaften Verletzungen blieb ich ja verschont. Dennoch fühlte sich alles komplett taub an, da ich meine körperlichen und mentalen Grenzen so weit überschritten hatte und auch nicht sicher war, wie es von hier aus weiter gehen sollte. War das in den letzten Stunden eigentlich wirklich alles passiert? Ich fingerte meine Kamera aus der etwas feuchten Hülle und sah mir die Bilder an, die ich im Wald aufgenommen hatte. Nein, es war keine Einbildung: Von Ponte de Lima über den Jakobsweg bis zum wunderschönen Wasserfall, dann der ewig lange Weg hoch und runter bis zur Harzfarm, der Abhang und mein Sturz auf das Plateao, von dort der Kampf ins Tal, den Berg herauf, dann wieder herunter und den Fluss entlang, teilweise fast schwimmend, sowie schlussendlich nun wieder genau an der gleichen Stelle wie vorhin. Wieviele Kilometer würden das heute insgesamt bis hierher gewesen sein? Ich wusste es nicht und konnte mich auch nicht mehr richtig konzentrieren – genau genommen konnte ich gerade eigentlich gar nichts mehr. Dabei hatte ich mein Ziel für heute ja noch gar nicht erreicht. Dennoch musste ich zuerst aus den nassen Sachen raus, sofort! Also zog ich wieder meine Plane aus dem Rucksack, pflanzte mich im Schneidersitz darauf und suchte ein paar der Sachen, die trocken geblieben waren. Modisch astrein gekleidet mit grauer Hose und rotem Hemd genehmigte ich mir kurz darauf noch eine Viertelstunde gepflegtes Nichtstun, sammelte dann meine Sachen ein und trottete zurück in Richtung Jakobsweg. Was sagt man dazu: Nun müsste ich zusätzlich noch jenen Teil des Weges bestreiten, den ich ursprünglich ja vermeiden wollte. Die Wanderer von vorhin war schon längst wieder verschwunden, sie konnte ich also nicht um Hilfe fragen. Mit dem seltsamen Gefühl, etwas verloren und gleichzeitig gewonnen zu haben, ließ ich den Wasserfall und diesen Teil des Waldes hinter mir und stand nach einer knappen halben Stunde an jener Gabelung: Nach Rubiaes rechts, steil den Berg rauf!

Pass auf, sagte ich zu mir, du kannst dich jetzt nicht einfach hinsetzen und warten, bis vielleicht mal einer kommt – es war ja bereits früher Abend, der Regen hatte immer noch nicht nachgelassen und vermutlich würde heute auch gar keiner mehr hier vorbei kommen. Besonders viel Zeit bis Sonnenuntergang blieb mir auch nicht. Also schleppte ich mich also weiter, hin und her wankend, immer mit winzig kleinen Schritten nach oben. Dabei hatte ich ja die Hoffnung gehabt, die Bergsteigerei für heute sein lassen zu können. Denkste! Zwar gab es hier immerhin eine markierte Strecke und die vielen dicken Baumwurzeln, die quer in den Weg ragten, waren an einigen Stellen beinahe wie Stufen angeordnet. Dennoch war es so steil, dass ich hier und da auf allen Vieren krabbeln musste. Nach einer weiteren halben Stunde befand ich mich an einem Punkt, an dem ich mich nach jedem einzelnen Schritt kurz ausruhen musste, bevor ich mir den nächsten Meter zutraute. Immer, wenn ich tief durchatmete, wurde mir schwindelig und auch ohne ein erfahrener Arzt mit mehreren Doktortiteln zu sein, vermutete ich: Das war möglicherweise kein gutes Zeichen! Ist das nicht eine merkwürdige Ironie, kam es mir in den Sinn, dass ich nach meinem Sturz der unmittelbaren Gefahr zwar entkommen war, dafür nun aber vielleicht auf jenem Teil des Jakobsweges umkippen würde, den ich zu umrunden versucht hatte. Wenn ich daraus jetzt schlaue Lebensweisheiten ableiten oder religiöse Eingebungen erhalten sollte, musste ich leider passen.

 

Die ganze Zeit über war kein Mensch zu sehen. Wie ich es letztlich diesen scheiß Berg herauf geschafft und wie lange es insgesamt gedauert hatte, kann ich wirklich nicht mehr sagen. In jedem Fall humpelte ich eine gefühlte Ewigkeit später auf eine Anhöhe, von der aus man einen sehr beeindruckenden Ausblick über die südlichen Berge genießen konnte. Unter normalen Umständen hätte ich mich hingesetzt, ein paar Fotos gemacht und den Moment richtig ausgekostet. Nun schleppte ich mich direkt und ohne Verzögerung auf das erste bewohnte Haus zu, dass ich seit Stunden zu Gesicht bekam: Einen kleinen Bauernhof, von dem aus fröhliche Stimmen zu hören waren. Es war mir zwar unangenehm, fremde Leute um Hilfe zu bitten, aber ich hatte keine andere Wahl mehr. Die gelben Pfeile zeigten nach rechts am Bauernhof vorbei auf einen Pfad, der sich erneut für einige Kilometer durch die Wildniss zu schlängeln schien, bevor er schließlich irgendwann in Rubiaes münden würde. Bei aller Liebe – diese Variante gab es für mich nicht. Keine Chance. Ich erreichte also den Hof und wurde sogleich von ein paar spielenden Kindern begrüßt, deren Eltern gerade einen riesigen Pick-up mit allerlei Grillutensilien beluden. Offenbar hatten sie ihr BBQ aufgrund des Regens nun beendet und wollten zurück ins Tal fahren. Nach Rubiaes! Ein nett aussehender Mann mit schwarzen Haaren öffnete gerade die Fahrertür und legte sein Handy auf die Mittelkonsole, als er mich sah, sich aufrichtete und mich mit großen Augen verwundert anblinzelte. Zum Glück verstand er ein paar Brocken Englisch, also schilderte ich ihm in knappen Worten, warum ich so verdreckt, abgerissen und ausgelaugt auf seinen Hof gekommen war und ob er mich möglicherweise ins Dorf mitnehmen könnte. Er zuckte mit den Schultern, lächelte aber und zeigte auf den Beifahrersitz seines Wagens. Ich war wahnsinnig dankbar, öffnete die Tür und setzte mich herein. Wie komfortabel doch ein fleckiger Stoffsitz sein kann! Ich schloss die Augen und wäre beinahe nach wenigen Sekunden weggedämmert. Dieser weiche Sitz ... mmmh ...

Wie auf Kommando ging plötzlich ein mächtiger Platzregen nieder, der die gesamte Umgebung in ein tropisches Feuchtbiotop verwandelte und dabei einen ziemlichen Krach auf dem Dach des Autos verursachte. Man – hätte ich nur ein paar Minuten länger gebraucht, wäre ich nun wieder bis auf die Knochen nass geworden! Mich wunderte an diesem Abend wirklich gar nichts mehr. Wenn in diesem Moment ein sprechender Nasenbär vorbeigekommen wäre, um mich höflich nach einem Taschentuch zu fragen, hätte ich ihm einfach wortlos sein Taschentuch gereicht und mich ausdruckslos wieder zurück in den Sitz gerollt. Mir war alles wurst, ich wollte nur noch schlafen. Schlafen, schlafen und dann wieder schlafen.

 

Entfernt registrierte ich, dass ein junges Pärchen hinter mir Platz genommen hatte, der Fahrer währenddessen seine Kinder zu einer älteren Frau scheuchte, die im Türrahmen des Hauses stand (vermutlich die Großmutter?) und dann, mittlerweile triefnass, zum Auto gerannt kam. Ich dankte ihm nochmal, was er mit einem netten Lächeln beantwortete, die Tür schloss und den Wagen startete. Gutmütig grummelte der große V8-Motor seines Pick-ups, während wir langsam vom Grundstück rollten. Erst hatte ich mich gewundert, wofür er diese enorme Kiste mit solch riesigen Reifen benötigte, doch diese Frage wurde schnell beantwortet. Nur ein hoffnungsloser Optimist hätte den Teufelshügel, der kurz hinter dem Hof in die Tiefe führte, als Straße bezeichnet: Waren das vielleicht die Überreste eines Steinbruchs? Grobe, mindestens faustdicke Steine wohin man auch sah, ein irrsinniger Neigungswinkel, dazu eine Schlammlawine, die infolge des Platzregens mit einem ordentlichen Druck vom Berg herunter kam und dazu unser Fahrer, der von alldem nicht sonderlich beeindruckt war und zudem eine leichte Schnapsfahne hatte. Der Wagen machte einen Ruck nach dem anderen und ohne Gurt wäre ich mit meiner Birne sofort gegen die Frontscheibe geflogen. Das Pärchen hinter mir und unser Fahrer stellten währenddessen die ein oder andere interessierte Frage über meine Pilgerreise, die Reiseroute (gutes Thema) und die ganze Ausrüstung für ein solches Unterfangen. Das ein Teil davon nun auf dem Grund eines Flüsschens gar nicht weit von hier lag, erwähnte ich aber nicht.

„Woher kommst du eigentlich?“, fragte die Blondine hinter mir und beugte sich etwas vor.

„Aus Deutschland.“

„Oh. Oh!“ Sie sagte nichts mehr, lehnte sich zurück und sag angestrengt aus dem Fenster. Nanu – hatte ich etwas falsches gesagt? Schlagartig war das Gespräch vorbei und keiner machte mehr den Mund auf. Offenbar war Deutschland hier nicht sonderlich beliebt. Oder lag der Grund dafür ganz woanders? Vielleicht hatte ein Deutscher mal gegen die Rückwand ihres Bauernhofes gepinkelt und dabei laut Einigkeit und Recht und Freiheit gesungen. Wer weiß. Was es auch war: Mit meinem Retter in der Not wollte ich wenigstens noch ein paar nette Worte wechseln, auch wenn ich dafür kaum noch Kraft hatte.

„Tjaaa ... so ein Mistwetter, nicht?“ Irgendetwas musste ich ja sagen! Komplett zu schweigen wäre mir auch unhöflich vorgekommen.

Er lachte und schaltete den Scheibenwischer auf die höchste Stufe. Was für ein Wolkenbruch! Da fiel mir ein: Vielleicht sollte ich ihm wenigstens ein paar Euro dafür anbieten, dass er einen Wildfremden mitgenommen hatte. Ich wühlte in meinen durchweichten Sachen nach meiner Geldbörse und zog einen Schein heraus, der zwar schon etwas klamm, aber sonst noch ok war. Energisch lehnte er ab, schob meine Hand zurück sagte, dass es eine Pflicht sei, Pilgern in Not zu helfen. Dafür wolle er kein Geld nehmen, auf gar keinen Fall! Ich war ehrlich gerührt, wurde etwas rot im Gesicht und spürte, dass ich zum ersten Mal seit der ganzen Katastrophe einen Kloß im Hals bekam. Pilger in Not, da hatte er wohl recht. Das könnte, ganz nebenbei, auch ein toller Titel für einen Song werden! Jedenfalls steckte ich das Geld wieder weg, bedankte mich noch ein weiteres Mal und versuchte durch die Regenschleier zu erkennen, ob wir schon in der Nähe des Dorfes waren. Die Stimmung hatte sich zum Glück schnell wieder gelockert, weiter wurde munter über das Wetter philosophiert und ein wenig Musik gehört.

Wo genau ich nun eigentlich hin wollte, wurde ich gefragt. Ach stimmt ja, das hatte ich noch gar nicht gesagt. Ich erinnerte mich daran, dass ich gestern Abend ein Foto vom Flyer des Hostels, wo nun ein warmes Bett auf mich wartete, mit meinem Handy aufgenommen hatte. Den Namen hatte ich mir leider nicht gemerkt, sondern hatte nur noch grob das Bild des Hauses vor Augen: Vierstöckig, mit einem kleinen Balkon in der Mitte und einer weißen Fassade. Eigentlich traf das auf fast jedes zweite Haus zu, wenn ich ehrlich war. Also müsste ich nochmal einen Blick auf das Foto werfen: Ich buddelte in meinem Rucksack nach dem Handy und förderte zunächst nichts außer nassen Socken, verschmierten Buchseiten und einem zerknitterten Hut hervor. Wo war es nur ... ah, hier! Beruhigt atmete ich durch und zog die braune Lederhülle hervor, die glücklicherweise nicht unter Wasser gesetzt wurde. Schnell wollte ich den Bildschirm entsperren, doch – nichts passierte. Wie, was, warum? Ich drückte an allen möglichen Knöpfen herum, überprüfte den Akku und starrte fragend auf das Display, bis mir klar wurde: Das Display würde schwarz bleiben. Es war gesprungen! Etwas von der Seite betrachtet konnte ich drei breite Risse sehen, die sich quer über die ganze Oberfläche zogen. Es lief mir eiskalt den Rücken herunter und mir wurde ganz übel: Wäre ich vorhin im Wald tatsächlich nach einem weiteren Sturz mit einem gebrochenen Bein in irgendeiner Felsspalte gelandet, hätte ich keine Hilfe rufen können (vorausgesetzt, ich hätte überhaupt ein Signal bekommen). Meine absolut letzte Chance hätte sich also im Moment größter Not schlicht in Luft aufgelöst. Beim Sturz vom Felsen musste das Display sofort den Geist aufgegeben haben. Hätte ich also als erstes auf dem Plateao mein Handy ausgepackt mit dem Ziel, einen Notruf abzusetzen, wäre meine Hoffnung auf ein gutes Ende von Beginn an gänzlich verschwunden und ich hätte noch mehr Panik geschoben. Ich hatte wirklich in größerer Gefahr geschwebt, als ich ohnehin schon angenommen hatte.

„Hey, du sagst ja gar nicht. Wo übernachtest du nun?“ Der Fahrer sah mich fragend an.

„Lass ihn doch erstmal schauen, sein Handy ist ja noch aus“, meinte sein Kumpel auf dem Rücksitz.

Ich klärte sie also über mein Problem auf und brach dabei fast in Tränen aus, doch die Blondine hatte eine gute Idee: Ich solle in jedem Fall zunächst mal in die offizielle Herberge gehen und dort nachfragen – die hätten sicher eine Idee oder kannten vielleicht das Hostel. Denn auf welches Haus meine Beschreibung nun genau zutreffen solle, wussten meine Begleiter leider auch nicht. Ok, also auf zur Herberge, das war wohl ein ganz guter Gedanke. So groß war dieser Ort ja nicht, sicherlich würde die Anzahl an Unterkünften überschaubar sein.

 

Bald darauf ließen wir die steinige Piste hinter uns und bogen auf eine wenig Landstraße, die sich den Berg hinunter schlängelte. Ruhig und erschütterungsfrei erreichten wir die ersten Häuser des verschlafenen Dörfchens Rubies und ich war baff, wie weit es letztlich bis hierhin noch gewesen war. Ganz klar: Diese Entfernung hätte ich heute nicht mehr zurücklegen können. Völlig ausgeschlossen. Mein vorläufiges Ziel erreichten wir, als hinter einer hoch aufragenden Mauer eine steil ansteigende Kopfsteinpflasterstraße zu einem schmucken Innenhof führte: Dort verabschiedeten sich mein Lebensretter und seine Freunde nett von mir und klopften mir auf die Schulter. Ein kleiner Weg führte nach rechts zu den Unterkünften, auf der anderen Seite befand sich in einem kleinen Häuschen ein Café – dort musste ich hin! Nachdem der Pick-up das Grundstück verlassen und ich den Dreien noch einmal kurz zugewunken hatte, ging ich durch den Regen auf das Haus zu und merkte, dass mein rechtes Knie mittlerweile bei Belastung dezent protestierte und lieber geschont werden wollte. Aber bald wäre es sicher geschafft! Auf der Veranda unter dem breiten Vordach begrüßte mich ein fröhlicher pfirsich-farbener Singvogel, der von seinem kleinen Käfig aus jeden Besucher genau in Augenschein nehmen konnte. Gerne hätte ich höflich zurück gefiept, doch das war gerade nicht möglich. Einige Leute saßen entspannt an schmalen Tischen, tranken Weißwein und nickten mir zur Begrüßung zu. Ein älterer Herr mit weißem Bart, der etwas abseits saß und in einem Buch gelesen hatte, sah mich durch seine runden Brillengläser besorgt an und fragte sich wohl, warum ich so fertig aussah: Voller Erde, Grasflecken, Kratzspuren und vermutlich kreidebleich. Ich reagierte jedoch nicht darauf und ging direkt zur Kaffeezubereitungs- und Backwarenbeförderungsexpertin, die hinter einer Kuchentheke stand und gerade an einer Espressomaschine herumwerkelte. Sie sprach nur einige Brocken Englisch, doch auch unabhängig davon folgte nun ein eher ungewöhnliches Gespräch:

„Tja nun, also ... ich bräuchte ihre Hilfe: Meine Freunde und ich haben ein Zimmer hier gebucht, also nicht hier, sondern in einem Hostel. Nein, ich weiß leider nicht, wie es heißt, da mein Handy nicht mehr funktioniert und ich den Flyer nicht mehr ansehen kann. Nein, den Flyer habe ich leider nicht dabei, sondern heute früh nur ein Bild davon gemacht. Was ich noch weiß ist, dass das Gebäude eine weiße Fassade hat. Vierstöckig. Mit Balkon in der Mitte. Ein Hostel! Ich weiß leider nicht, wo es ist. Kennen sie dieses Haus vielleicht und könnten mir bitte ein Taxi rufen, dass mich hinfahren kann? Ich wäre Ihnen sehr dankbar.“

So einen Quatsch hatte sie offensichtlich noch nie gehört und schaute mich mit offenem Mund an. Dann wiederholte sie, was sie verstanden hatte:

„Sie haben Hostel gebucht. Und nun sie nicht wissen, wo ist?“

„Ja, genau! Ich weiß nur noch grob, wie das Gebäude aussieht. Mein Handy ist kaputt gegangen und ich kann den Flyer nicht mehr aufrufen ... “ Wie zum Beweis holte ich das zertrümmerte Ding hervor und zeigte es ihr.

„Ja, nun ... drei Hostels hier in Rubiaes ich kenne. Woher ich soll wissen, welches das Richtige?“

Bevor ich antworten konnte, schlug sie vor, die Webseiten jener Unterkünfte auf ihrem kleinen Laptop aufzurufen, welches neben ihr stand und mit einer Musikanlage verbunden war. Aufgrund der Bilder würde ich mein Hostel bestimmt erkennen und das wäre auch die schnellste Lösung – schließlich wurde es draußen langsam etwas dämmrig. Vorher musste sie jedoch die lange Schlange an Kunden abfertigen, die sich mittlerweile hinter mir gebildet hatte. Also kaufte ich schnell eine Notverpflegung in Form eines Bleikuchens und einer Wasserflasche und setzte mich an einen Tisch neben dem Tresen. Während ich dort hockte und durch das Fenster dem kleinen Singvogel in seinem Käfig beim Knabbern und Rumhüpfen zusah, spürte ich, dass Körper & Geist gerade die letzten Kraftreserven angezapft hatten und ich in Kürze vielleicht bald ohnmächtig werden und wie ein angesägter Baum umfallen würde. Zwar war ich in meinem Leben bis dato noch nie zusammen geklappt, doch nun war wohl ein ganz guter Zeitpunkt dafür. Immerhin war ich hier nicht alleine und möglicherweise könnte mich der Vertrauen-ausstrahlende Herr mit der Brille in die stabile Seitenlage bringen. Ich konnte mich gegen dieses Gefühl nicht recht wehren und bemühte mich daher, mit kleinen Bissen meinen Bleikuchen zu essen. Was Concetta und Andrea wohl gerade machten? Der Gedanke, sie auf dieser Reise vielleicht schon bald wieder sehen zu können, machte mich sehr glücklich. Was mir zu diesem Zeitpunkt gar nicht bewusst war: Die Beiden übernachteten in genau dieser Herberge, quasi gleich um die Ecke. Möglich, dass sie mir schon einige Nachrichten geschrieben hatten und sich nun wunderten, warum ich diese gar nicht gelesen und beantwortet hatte. Die Kellnerin riss mich wieder aus meinen Gedanken und deutete auf den Bildschirm ihres Laptops, auf dem gerade ein großes Bild aufpoppte: Zu sehen war ein flaches Haus und davor ein ziemlicher großer Swimmingpool. Verlockend – doch leider nicht meins. Ich schüttelte mit dem Kopf und sie bedeutete mir, noch ein paar Minuten zu warten. Eins von dreien, nun blieben noch zwei Versuche. Weitere Kunden mussten bedient werden, dann machte sie sich erneut ans Werk und zeigte mir die zweite Seite. Wieder nicht das Richtige. Mit ein paar Klicks öffnete sie schnell die verbliebene Webseite und siehe da – das war meins! Ja, kein Zweifel: Genau das war es! In diesem Moment hielt ein kleiner roter Renault vor dem Café, einen junger Kerl stieg aus, hievte ein paar Bierkästen aus dem Kofferraum und trug sie in den Kühlraum hinter der Theke. Spontan sprach die Kellnerin ihn an und fragte, ob er mich nicht schnell zum besagten Hostel fahren könne. Er winkte mir gleich zu und sagte gut gelaunt, dass er ohnehin in diese Richtung fuhr. Mein Ziel war in greifbarer Nähe! In einem neuerlichen Anflug von Erleichterung entglitten mir fast die Gesichtszüge, also bedankte ich mich schnell bei der lieben Kellnerin und setzte mich so schnell ich konnte ins Auto. Kurz darauf ging es auch schon los und im Eiltempo brausten wir die Hauptstraße entlang in südlicher Richtung. Grund zur Ralleytätigkeit gab es eigentlich nicht, aber dies war eben der allgemein annerkannte Fahrstil. Mir wurde schon etwas schwummrig, was aber auch daran lag, dass es im Innenraum erstaunlich nach Gras stank. Eine bemerkenswerte Anzahl Kifferutensilien im offenen Handschuhfach rollte klimpernd hin und her, bis wir den Parkplatz eines Hauses erreichten: Vierstöckig, mit Balkon in der Mitte und einer weißen Fassade. Mein Gott, ich war tatsächlich angekommen! Auch diesem Retter in der Not wollte ich ein kleines Scheinchen als Dankeschön zustecken und wieder wurde dies freundlich, aber unmissverstänch abgelehnt. Also schüttelte ich ausgiebig seine Hand und dankte ihm mehrmals, versuchte angestrengt, mir seinen Namen zu merken (leider zwecklos), nahm dann meinen Rucksack und schritt auf die Eingangstür zu. Während er mit quietschenden Reifen auf die Hauptstraße abbog, drückte ich die Klingel und wartete. Ein paar Sekunden später öffnete sich die Tür einen Spalt und ich sah in das ernste Gesicht einer älteren Frau mit dunklen Haaren. Sie wirkte sehr resolut und irgendwie angefressen.

„Ja?“, rief sie laut.

„Ich habe ein Zimmer bei Ihnen gebu-...“

„Was? Nein, wir sind voll! Es ist alles ausgebucht, da müssen sie...“ Sie murmelte irgend etwas und wollte die Tür schon wieder schließen, als eine Stimme im Hintergrund rief:

„Franta? Bist du’s?“

„Ist er’s?“ Sagte eine andere Person aus der gleichen Richtung.

„Was? Ja, hier! Ich bin da!“ Ich konnte es kaum fassen und mein Herz machte einen kleinen Sprung: Da saßen meine drei Pilgerfreunde an einem langen Küchentisch gegenüber der Tür – sie hatten offenbar die ganze Zeit dort auf mich gewartet. Von einer Sekunde auf die andere hellte sich das Gesicht der Oberchefin auf und sie öffnete die Tür.

„Ja, wir haben sie schon erwartet. Treten sie ein!“ Das ließ ich mir nicht zweimal sagen.

„Franta! Wo warst du denn? Was ist passiert? Und wo ist dein Trolley? Du siehst ja so weiß aus im Gesicht! Woher kommen all die Kratzer?“ Die drei kamen auf mich zu und die junge Russin, die an diesem morgen schon so früh aufgestanden war, fiel mir um den Hals.

 

Nein – das war wirklich kein triumphaler Einmarsch. Aber ich hatte es geschafft und einen herzlicheren Empfang hätte ich mir nicht vorstellen können. Nun ging jedoch nichts mehr, also erzählte ich in knappen Worten, wo ich geblieben war und bat dann darum, mir den Weg zum Bett zu zeigen. Auch ohne große Worte konnten sie schnell erkennen, dass mir etwas ziemlich haariges zugestoßen sein musste. Mein gemurmeltes „bin vom Berg gefallen“ reichte ihnen vorerst als Erklärung. Mittlerweile am ganzen Körper schlotternd, betrat ich kurz darauf ein gemütliches Zimmer, ganz am Ende des Ganges in der ersten Etage, wo eins von vier federweichen Betten auf mich warten sollte. Meine Freunde begleiteten mich und deuteten auf das freie Bett, welches gleich gegenüber der Tür stand und auf das ich mich ohne Umschweife mit Rucksack und all meinen Sachen fallen ließ. Dieses Gefühl kann man nicht beschreiben, völlig unmöglich. Die Luft im Raum war zugegebenermaßen zwar etwas muffig, da wegen des andauernden Regens die nasse Wäsche auf ein paar Leinen im Zick-Zack quer durchs Zimmer aufgehangen werden musste, aber ich war vollends im Paradies angekommen. Friedlich tropften es regelmäßig von ein paar durchweichten Socken und Hemden auf den Boden, wo sich bereits ein kleiner See gebildet hatte. Das Gewusel um mich herum nahm ab, die Tür wurde leise geschlossen und der Schlüssel dabei innen aber stecken gelassen. Langsam warf ich all meine Sachen links neben das Bett, krabbelte unter die Bettdecke und war sofort eingeschlafen.

Als ich wieder aufwachte hatte ich das Gefühl, mehrere Stunden in einen erschöpften Schlaf gefallen zu sein, doch laut meiner Uhr waren nur 20 Minuten vergangen. In Zeitlupe rollte ich mich auf die andere Seite und fühlte dabei, wie jeder Zentimeter meines Körpers entweder stach, brannte oder nervös pochte. Mein Puls hatte sich noch immer nicht beruhigt und ich spürte, wie mein Herz Vollgas gab. Nicht gut. Aber wahrscheinlich hatten sämtliche Fasern meines Körpers nach wie vor maximalen Sauerstoffbedarf angemeldet. Jetzt erstmal nicht weiter bewegen, so lag es sich doch gut. Da fiel mir aber ein, dass ich die ganzen Erdkrümel, Pflanzenreste und möglicherweise auch Krabbelviecher an meinen Haaren, Armen und Beinen im Bett verteilen würde – das war auch nicht gut! Also stand ich auf, erst widerwillig, humpelte ins Bad und stand dann für eine sehr, sehr lange Zeit unter der heißen Dusche. Innerhalb kürzester Zeit hatte ich den kleinen Raum in eine Dampfsauna verwandelt, in der man kaum noch einen Meter weit sehen konnte. Erst als ich die Vorräte an Seife fast zur Hälfte aufgebraucht hatte und mich anschließend genauestens auf irgendwelche hässlichen Insekten untersuchte, die meinen Intensivwaschgang vielleicht überlebt hatten, schlich ich zurück ins Zimmer. Mittlerweile hatte der Regen aufgehört und so hielt ich mit meiner kleinen Digitalkamera, die alles ohne einen Kratzer überstanden hatte, den Blick aus unserem Fenster auf Downtown Rubiaes fest:

Als ich wieder zu meinem Bett ging, mich darauf setzte und nachdenklich auf meinen zerlumpten Rucksack schaute, erwartete mich die nächste Überraschung. Zwar waren mein Handy, der PEREGRINO 3000, mein Rucksack, vielleicht mein Knie und ganz sicher mein Selbstvertrauen zu Bruch gegangen, doch die weiße Pilgermuschel, welche die ganze Zeit über fast ungeschützt hinter einem Netz vorne am Rucksack verstaut war, hatte nichts abbekommen. Nicht einmal einen Kratzer! Das machte mich wirklich baff. Dabei hätte die zerbrechliche kleine Muschel doch eigentlich als allererstes in mindestens zwei Teile springen müssen, zumal sogar das Netz darüber an einigen Stellen gerissen war! Eigentlich kaum zu fassen. Sollte das irgendein Zeichen sein? Bei so etwas bin ich ja wirklich vorsichtig und eigentlich eher skeptisch, aber war sollte man dazu nur sagen?

Ich war an diesem Abend nun völlig verwirrt und wollte aber vorerst auch nicht mehr darüber nachdenken. Also grub ich mich so tief wie möglich im Bett ein, gähnte zum Abschied noch einmal ausgiebig und fiel nach ein paar Sekunden in einen tiefen, traumlosen Schlaf.

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