Tag 6

Was war das nur für ein komischer Traum? Ich irrte durch einen dunklen Wald, überall lauern dunkle Gestalten und irgendjemand sang bedrohlich Cheri Cheri Lady von fucking Modern Talking in der Ferne. Schlagartig wurde ich wach, leichten Würgreiz verspürend. Schwer atmend setzte ich mich auf und kam, wie aus einem Nebel ins Freie tretend, wieder richtig zu mir. Miit einem Auge schaute ich müde ein Weilchen auf das dunkel über mir aufragende Bettgestell. Wie spät war es eigentlich? Ich drehte mich auf die Seite, nach meinem Handy suchend, als ich schemenhaft etwas über den Boden krabbeln sah. Iiiiks! Meine Hand schnellte zurück und ich blickte gebannt auf den sich bewegenden schwarzen Fleck. Aufgrund der Dunkelheit war jedoch weder die Größe, noch die Entfernung zu dem Viech ausmachen... was konnte es sein? Eine Maus, eine Kakerlake, ein Bär? Ich wusste es nicht. Also schaute ich noch ein Weilchen dem hin und her wuselndem Punkt zu, kam zu dem Schluss, dass es in jedem Fall definitiv zu früh zum Aufstehen war, und schlief wieder ein.

Kurze Zeit später, es konnte nicht viel später als fünf Uhr am Morgen gewesen sein, entschlossen sich einige Hardcore-Pilger bereits zum Start, packten ihre Sachen und fuchtelten wild mit ihren leuchtenden Smartphones umher. Manche wurden wach, drehten sich rum und schliefen weiter, doch ich konnte nicht mehr einschlafen. Ein gutes Stündchen lag ich so auf dem Rücken und dämmerte ein wenig vor mich hin, doch dann stand ich auf und suchte den Weg in den Duschsaal. Für meine Verhältnisse war das eine gänzlich unchristliche Zeit und es war daher sicher auch auf meine Zeitlupen-Bewegungsabläufe zurückzuführen, dass die anderen bei meiner Rückkehr in den Schlafsaal schon längst aufgestanden waren und draußen allmählich die Sonne aufging. Also packte ich auch schnell meine Sachen zusammen und schlenderte mit halb geöffneten Augen in die Küche. Auf dem Weg dahin kam ich an einigen Wäscheständern vorbei und hätte mir beim Anblick der nassen Wäsche auf einem der Ständer in den Arsch beißen können. Mist, stimmt ja! Gestern Abend vor dem Ausflug ins Restaurant wollte ich doch noch ein Shirt und einen Pullover zum Trocknen aufhängen, hatte sie dann jedoch dort vergessen. Da es die ganze Nacht über geregnet hatte, hingen da nun nur noch zwei durchweichte Lappen. Ich wrang sie aus, legte sie über eine mehr oder weniger warme Heizung und entschied mich dann endlich für ein ausgiebiges Frühstück. In der kleinen Küche saß eine polnische Familie: Eine freundliche junge Dame, ihre munter schnatternde Mutter und ein sehr grimmig herein schauenden Vater. Mutter und Tochter sprachen sogar fließend deutsch, doch er verstand kein Wort. Er schaute düster auf sein Müsli (jawohl, es gab Müsli!) und grummelte ab und zu etwas auf polnisch vor sich hin. Vielleicht hatte er schlecht geschlafen? Oder er wollte nur einfach wieder nach Hause. Wie auch immer: Wir plauderten ein wenig und teilten unser Essen miteinander, als es plötzlich anfing, mächtig zu gewittern und wie aus Kannen regnete. Es prasselte so laut auf das Dach, das man regelrecht laut rufen musste, um sich noch zu verständigen. Na toll, hoffentlich würde das nicht den ganzen Tag so bleiben? Wir schauten uns an und dachten an die Pilger, die schon am frühen Morgen aufgebrochen und nun sicherlich nass bis auf die Knochen geworden waren.

„Oh nein, wir haben nur zwei Regenponchos!“, sagte die Mutter.

Achso, vielleicht war der Vater deswegen so schlecht drauf; er rechnete wohl damit, dass er den ganzen Tag nass durch den Wald laufen müsste! Ich überlegte kurz und mir fiel ein: In Leipzig hatte ich doch drei von den Dingern eingepackt. Denn: Man weiß ja nie! Vielleicht müsste man sich im Notfall ein improvisiertes Zelt basteln oder so. Jetzt zahlte es sich jedenfalls aus: Ich schenkte ihnen einen meiner Ponchos und bekam dafür eine Banane geschenkt. Ein fairer Handel! Jetzt strahlte auch der Vater wieder - na also!

Ich verabschiedete mich und ging wieder in den Innenhof, denn dieser Tag sollte mit einem großen Triumph starten! Ich holte den PEREGRINO 2000 aus der trockenen Ecke einer Scheune hervor und schnürte aufwändig meinen Rucksack daran fest, während die meisten Pilger nach und nach an die Herberge verließen, auch die polnische Familie. Langsam wurde es still um mich herum. Ok, dachte ich, jetzt muss ich wirklich langsam los!

 

Alles war festgezurrt und überall mehrfach geknotet, nun würde ich triumphal die Straßen herunter sausen - soweit der Plan. Mittlerweile war ich fast der Letzte hier, als ich das Gestell anhob, am oberen Ende davor stehend, und mich auf den Weg machen wollte. Es rollerte, wie toll! Na also, geht doch. Ich wollte schon voller Stolz auf das große Eingangstor zusteuern, als es nach dem dritten oder vierten Schritt laut Knacks machte, mein Rucksack zur Seite kippte und auf dem Boden schleifte - der PEREGRINO 2000 war hinüber. Wie…was? Wie konnte das nur passieren? Oh, welch‘ niederschmetterndes Unglück! Warum war ihm nur eine so kurze Lebenszeit gegönnt? Das ist schnell erklärt: Der obere Teil war einfach durchgebrochen, da ein Hauptteil des Gewichts darauf lastete und die ganze Konstruktion, im Nachhinein realistisch betrachtet, höchstens eine Packung Toastbrot zu Tragen imstande war. Hach, dabei hätte es so gut laufen können! Doch wie sollte es anders sein, der Rat meiner beiden Pilgerfreunde von gestern Abend („Du solltest eigentlich besser zwei Rollen verwenden…“) stellte sich als goldrichtig heraus. Dennoch - welch unsportlicher Wink des Schicksals! Plötzlich sehr schlecht gelaunt und mit grimmigem Blick machte ich mich daran, meinen Rucksack wieder loszubinden. Dann eben nicht! Pah, ist auch kein Problem, dann würde ich eben ganz normal weiter laufen!

Da ich mir beim Festbinden und –knoten richtig viel Zeit gelassen hatte und dabei ziemlich gründlich vorgegangen war, zog sich das nun ein wenig hin. Tolle Lösung eines Problems, dass ich mir eben selbst geschaffen habe, dachte ich mir.

Bald wurde mir bewusst, wie viel Zeit ich dort nun schon auf diese Weise verbaddelt hatte, also beeilte ich mich und rupfte hektisch die Schnüre auseinander. Hatte ich nicht eine kleine Schere dabei? Achso, die liegt ganz unten im Rucksack, den ich ja vorher erst einmal losbinden muss. Prima! Nachdem nun auch das geschafft war, schmiss ich die Holzreste wieder auf den Haufen, von dem ich sie gestern genommen hatte, die Schnüre und die blöde Muffe (das Wort ist jetzt nicht mehr lustig) landeten im Müll. Oder halt, vielleicht könnte jemand das Teil ja noch gebrauchen, überlegte ich, griff danach und stellte es auf einen Fenstersims. Wenn mal ein Rohr repariert werden muss, wäre nun gleich eine schöne Muffe zur Hand!

 

Der Regen hatte mittlerweile nachgelassen und einen nebligen Dunst auf Felder und Wiesen gelegt. Zügig und mit dem unguten Gefühl, sehr spät dran zu sein, lief ich die steile Straße links der Herberge hinauf, vorbei am um diese Zeit verwaisten Restaurant und stets den gelben Pfeilen nach. Ab und zu tröpfelte es noch ein bisschen aus den tief hängenden Wolken, doch insgesamt eignete sich dieses trübe Wetter sehr gut zum Wandern. Nicht so drückend heiß, wenig Sonnenbrand-Gefahr und die Luft frisch und klar.

Es dauerte nicht lange, da lag Rates schon hinter mir und ich betrat einen dichten, geheimnisvollen Wald. Die alten knorrigen Bäume standen dicht an dicht und es roch angenehm nach Fichtennadeln. Bis auf ein paar Pfützen, über die ich versuchte möglichst geschmeidig zu hechten, war der Weg angenehm zu laufen und alles andere als beschwerlich. Nur etwas fehlte noch - Musik natürlich! Also angelte ich meinen kleinen schwarzen MP3-Player hervor, wählte blind einen Song aus meiner „Wanderplaylist“ und schlurfte vorwärts. Weit und breit war kein Mensch zu sehen und ich fühlte mich ganz alleine. Es war jedoch kein Gefühl von Einsamkeit, mehr eine angenehme innere Ruhe. Der Wald als solcher, so dunkel er auch wirkte, strahlte auf positive Art eine geheimnisvolle Spannung aus. Wenn ich mich daran zurück erinnere, kommt mir immer der Begriff Zauberwald in den Sinn. Wenn es auf der Welt verwunschene, „magische Ort“ gibt – das hier ist so einer!

An diesem Punkt bekam ich plötzlich Lust auf eine Prise und suchte in meinem Schnupfbeutel nach einem kleinen Fläschchen mit der Aufschrift French Carotte. An dieser Stelle erlaube ich mir einen ganz kurzen Ausflug in die Schnupftabakgeschichte, denn natürlich hat diese Sorte nichts mit Gemüse zutun! Vielmehr handelt es sich um das Überbleisel einer sehr alten (und leider nur noch wenig angewandten) Art der Schnupftabakherstellung. Also pass auf: Vor langer Zeit wurden die Tabakblätter in Bündel gerollt, mit geheimen Aromen beträufelt („gesaußt“, je nach Sorte) und ganz fest mit Schnüren zusammen gepresst: So entstanden die länglichen „Karotten“, welche während einer bis zu acht Jahre dauernden Reifephase mehrfach nachgesaußt und wieder gepresst wurden. Diese traditionelle Herstellung ist natürlich sehr aufwändig, teuer und zeitintensiv und daher beinahe ausgestorben: Die „Schnellmethode“, in der das Fermentieren des Tabaks nur einige Wochen benötigt, hat sich anstelle der althergebrachten durchgesetzt. Doch in der schon seit 1736 bestehenden Tabakmühle von Wilsons of Sharrow wird für die Sorte French Carotte das alte Verfahren noch angewandt. Ein klein wenig mehr muss man dafür schon bezahlen, aber dafür kann man sich anschließend direkt in die Vergangenheit schnuppern. Der Geruch erinnert entfernt an Orangenschalen und Nelken, verbunden mit hellen Tabaksorten – wirklich schwer zu beschreiben. Aber sehr angenehm!

Sozusagen immer der Nase nach entdeckte ich den Zauberwald und machte von Zeit zu Zeit ein paar Bilder von der atemberaubenden Umgebung. So mancher Ausblick hätte locker aus einem Fantasy-Film stammen können:

An einer Gabelung warf ich einen kurzen Blick auf meine Karte und sah zum ersten Mal ein Paar zurückgelassene Wanderschuhe, die auf einer niedrigen Steinmauer standen. War ihr ehemaliger Besitzern etwa barfuß weiter gelaufen? Keine Ahnung. Könnte jedoch ziemlich schmerzhaft gewesen sein, denn der Weg war übersäht von spitzen, kleinen Steinchen.

Hier sah ich auch die kleinen Häufchen aufgeschichteter Steine, unter die hier und da ein kleiner Zettel gesteckt worden war. Ich fasste sie nicht an, ging aber davon aus, dass sie Fürbitten oder Gebete der Pilger enthielten. Das bewegte mich schon ziemlich. Ein paar Tage später erklärte mir ein polnischer Freund, dass insbesondere katholische Pilger traditionell einen Stein, den sie vor ihrem Haus aufgelesen haben, während ihrer Reise an einem besonderen Ort zurück lassen, um sich somit symbolisch ihrer Sünden zu entledigen. Wieviele solcher Steine kann ein Mensch wohl tragen, fragte ich mich? So begnügte ich mich an diesem Tag damit, einen Stein vom Wegesrand aufzulesen und an einer geeigneten Stelle dazuzulegen.

Das Geröll auf dem Weg wurde nun äußerst glitschig, was das Laufen mühsam machte. Ich kam immer langsamer voran und fiel einmal auch der Länge nach auf die Nase. Als ich mich fluchend wieder aufrappelte, sah ich in einiger Entfernung ein dunkles, quadratisches Etwas in einer der Mauern links des Weges, was sich beim Näherkommen als ein dem heiligen Jakobus geweihten Schrein herausstellte, der über die Jahre von Pilgern mit vielen kleinen Stoffstreifen behangen worden war. Ich nahm mir etwas Zeit um dieses friedliche Bild zu betrachten, machte ein Foto und knotete danach meinerseits ein Stückchen Stoff dazu. Fühlte sich gut an!

Von Zeit zu Zeit kam ich an einigen halb verlassenen Dörfern vorbei, aus denen zaghaft das ein oder andere Huhn krähte oder mal ein Hund bellte, doch lange war keine Menschenseele zu sehen. Ohne die gut sichtbar an Mauern oder große Steine gemalten gelben Pfeile hätte mich bald gefragt, ob das hier auch wirklich noch Teil des Jakobsweges war. Auf der anderen Seite: Ich war ja verdammt spät dran und die Anderen schon weit voraus.

Moment. Moooment mal! Mir fiel ein, dass ich meine nassen Sachen in der Herberge hängen gelassen hatte! Junge, oh Junge. Man konnte wirklich nicht sagen, dass dieser Tag besonders gut losging.

Stoisch lief ich weiter, bis der Weg plötzlich steil bergauf zu den Ausläufern eines Dorfes führte. Es nieselte weiter leicht vor sich hin und die Steine wurden nun so rutschig, dass ich im zig zag nach oben hechelte und mich ab und zu an einigen moosbewachsenen Mauersteinen festhielt, um nicht gleich wieder nach unten zu schlittern. Oben angekommen sah ich zum ersten Mal an diesem Tag vor mir wieder andere Pilger: Eingepackt in blaue Regenponchos traten sie deutlich erkennbar aus der grün-grauen Umgebung hervor. Sie waren nicht sonderlich schnell unterwegs, wie ich auch, dennoch hielt ich mein Tempo bei und versuchte nicht, zu ihnen aufzuschließen. Irgendwie war mir gerade nicht nach Konversation. Dabei hatte ich wie gesagt eigentlich keine schlechte Laune, aber im Moment wollte ich einfach nur gemütlich alleine vor mich hintapsen, etwas gedankenverloren vielleicht, nur unterbrochen von einem gelegentlichen leisen Singsang.

Noch einmal ging es steil bergauf und einen kleinen Trampelpfad entlang, bis zu einer etwas breiteren Teerstraße, auf der es sich am Seitenrand bestens laufen ließ. Auch wenn nun wieder etwas mehr Zivilisation zu sehen und das ein oder andere Auto zu hören war, verlor der Wald zu meiner rechten nichts von seiner geheimnisvollen Ausstrahlung. Apropos Auto: Als der Weg etwas später um eine enge Kurve führte, sah ich ein ziemlich großes Schild, auf dem eine Jakobsmuschel und ein paar Warnhinweise abgebildet waren. Später lernte ich, dass dies ein Warnhinweis für Autofahrer war, bitte auf die Pilger zu achten und sie nicht umzunieten!

 

Im Laufe meiner Reise hörte ich tatsächlich Geschichten von angefahrenen Pilgern und Unfällen auf stark befahrenen Straßen. Das erste Fahrzeug, was ich an diesem Tag jedoch sah, war ein uralter roter Traktor, der mir in kaum wahrnehmbarer Geschwindigkeit entgegen kam. Noch langsamer und er wäre den Hügel wieder herunter gerollt. Aufgrund meines Anti-Highspeed-Laufstils glich sich das Gefahrenpotential jedoch wieder aus. Der Fahrer grüßte sehr freundlich, wünschte mir einen guten Weg (Bon Camino!) und zuckelte langsam an mir vorbei. Dabei wackelte er auf seinem Sitz fröhlich vor sich hin und blies kleine Rauchwölkchen aus seiner kurzen Pfeife in die Luft. Ich hielt an, nahm meinen Rucksack ab und trank den Rest meines Wassers. Mist, schon wieder alle! Bei dieser Gelegenheit betrachtete ich auch den blöden Rucksack, der noch mitgenommener aussah als am Morgen. Der linke Schultergurt würde es sicher nicht mehr besonders lange machen, wenn ich ihn nicht irgendwie flicken oder doch noch ein Gestell bastelen würde – diesmal aber optimiert! Oder? Nein, blöde Idee. Bei dem Gedanken bekam ich gleich wieder schlechte Laune, dachte an die morgendliche Katastrophe und machte mich wieder auf den Weg.

Die Asphaltstraße machte ein paar Knicke und führte mich an einem düsteren, verlassenen Haus vorbei, das wohl einem Gruselfilm entsprungen zu sein schien:

 

Da würde ich ja eigentlich gerne mal reinschnuppern, zumal es bei besserem Wetter sicherlich nicht mehr so abweisend wirken dürfte. Aber dafür hatte ich leider keine Zeit, machte stattdessen ein paar Fotos und verließ nach kurzer Zeit den Wald auf einem schmalen Schotterweg in Richtung der Kleinstadt Rua Nova.

Nach ein paar hundert Metern drehte ich mich nochmal um und betrachtete die Nebelschwaden, die über dem Wald hingen. Wer weiß, vielleicht würde ich ja nochmal zurück kommen und mir dann mehr Zeit für die anderen Waldwege nehmen.

Doch nun ging es weiter, vorbei an einigen halb verfallenen Bauernhäusern, bis zu einer breiten Landstraße, vor der aus man linker Hand nach nur ein paar Laufminuten bergauf ein gemütliches Pilgercafé anfinden kann.

Ich betrat den holzgetäfelten Raum und sah sofort die vielen kleinen Andenken und vollgekritzelten Fähnchen an den Wänden, die Pilger aus allen möglichen Ländern über die Jahre zurück gelassen hatten. Solche kleinen Dinge machten aus dem Café einen ganz besonderen Ort; außerdem wird man erneut an die schiere Zahl der Menschen erinnert, die diesen Weg über die Jahre gegangen sind, und die Bekanntheit, die der Camino international gewonnen hat. Sogar aus Südkorea und Australien kamen manche! Im Schankraum traf ich überraschend die polnische Familie wieder, die offenbar eine längere Pause eingelegt hatte und gerade Kuchen aß. Kuchen? Oh das wäre jetzt genau das Richtige! Ich wand mich an eine etwas gestresst wirkende Bedienung und bestellte zwei große Stückchen Kuchen, Kräutertee und eine Flasche Wasser. Der Kuchen war ziemlich groß, sodass ich ein Weilchen daran zu kauen hatte. Die Augen waren mal wieder größer als der Magen. Aber ich mampfte fröhlich vor mich hin und unterhielt mich dabei mit der Familie. Wo mein tolles Tragestell wäre, wollten sie wissen. Ich konnte nicht darüber reden. Ihre junge Tochter sprach dann über ihre Zeit in Deutschland, als sie ein halbes Jahr als Austauschschülerin in Nürnberg lebte. Als wir so dasaßen und uns unterhielten, fiel mir während dieser Ruhepause erst so richtig auf, wie sehr meine Muskeln schmerzten. Wenn man sonst immer in Bewegung ist, spürt man das nicht so stark. Also: Am besten nicht zu lange hier bleiben! Bevor es wieder los ging, spielte sich aber noch eine etwas merkwürdige Szene ab:

Ein Gast, gemessen an seinem großen Rucksack wahrscheinlich auch ein Pilger, kam ungewöhnlich schnell von der Toilette wieder zurück, bezahlte und machte sich blitzschnell wieder davon. Kurz darauf drang ein erschütternder Gestank zu uns herüber, woraufhin die beiden Bedienungen mit einem Eimer Wasser zur Toilette rannten, wieder kamen, den Eimer füllten, zurück rannten, wieder kamen… und so weiter. Offenbar hatte der hektische Pilger ein ziemliches Inferno auf dem Klo angerichtet. Ich musste an meine erste Nacht in Porto und das verwüstete Badezimmer auf unserer Etage denken. Erschütternde Bilder, die man nicht vergisst. Als die Notsituation wieder unter Kontrolle war, bezahlten wir und brachen auch auf.

Der Nieselregen hatte zum Glück wieder etwas nachgelassen und die Sonne schaute vorsichtig hinter ein paar Wolken hervor. Herrlich! Der Weg führte stetig den Berg herauf und unsere Gruppe zerstreute sich bald: Die polnische Familie ganz vorne, ich in der Mitte (erstaunlich!) und drei ältere Damen ganz hinten, unter ihnen auch die mit dem geschwollenen Fuß, die ich am letzten Abend in Rates traf.

Hier noch ein paar Impressionen entlang des Weges:

 

Links tauchte bald wieder ein Handwerkerladen auf und ich kam ins Grübeln: Soll ich es wohl noch einmal versuchen und ein Nachfolgemodell des PEREGRINO 2000 bauen? Ich weiß nicht. Aber, warte mal: Was wäre denn, wenn das Gestell schon fertig wäre (nicht aus Holz!) und der Rucksack nur daran festgemacht werden müsste? Ja, das könnte klappen. So in der Art wie ein Einkaufstrolley! Ich ging also herein und traf dort eine sehr nette Verkäuferin, deren schwarze lockige Haare ihr bis zum Arm fielen (denn Arsch sagt man nicht!), doch auch sie hatte nichts Brauchbares im Angebot. Wir unterhielten uns für ein paar Minuten über dies und das, dann verließ ich ihren Laden und lief weiter. Dunkles Grollen in der Ferne kündigte einen erneuten apokalyptischen Regenguss an, daher legte ich einen Zahn zu und hielt nach einer ganz bestimmten Weggabelung Ausschau, die ich nicht übersehen durfte: Der erste, neuere Weg führte nach links über einen dicht bewachsenen Berg und versprach dabei an einigen Stellen einen recht steilen Aufstieg, der zweite Weg führte rechts am Berg vorbei, war schon ziemlich alt und deutlich kürzer. Da das Wetter bald umzuschlagen drohte und ich daher in der Nähe von Unterschlupfmöglichkeiten bleiben wollte, entschied ich mich für den rechten Weg, der nach kurzer Zeit sogar an einem Supermarkt vorbei führte. Hier kaufte ich ein paar eingeschweißte Croissants (oder, wie der Sachse sagt: Krossongse), Würstchen und frisches Obst. Beim Herausgehen sah ich in einer Reihe aufgestellte Einkaufskörbchen mit je zwei Rädern und einem Griff und überlegte, ob man die nicht vielleicht… doch eine Azubine in meiner Nähe informierte mich charmant aber deutlich darüber, dass sie nicht zum Verkauf stünden. Ich hab' aber auch echt kein Glück! Also trottete ich von dannen und folgte wieder dem Lauf der Straße. Als ich dann an einer Quelle ganz in der Nähe meine Trinkflasche auffüllten wollte, kam schon der Platzregen aus den Wolken geschossen und ich huschte gerade noch rechtzeitig unter das Vordach einer kleinen Kapelle, während um mich herum alles im Regen versank.

Jetzt kann ich genauso gut eine Mittagspause machen, dachte ich mir, und verputzte meine Essensvorräte. Glücklicherweise dauern diese Regengüsse meistens nicht sonderlich lange, sodass ich nach ungefähr 15 Minuten meinen Weg fortsetzen konnte. Die Luft war klar und frisch, ganz in der Ferne waren wieder einige blaue Flecken am Himmel zu sehen und ich war guter Dinge! Bald schon ging es scharf nach links, über einige Hügel, von denen man einen tollen Ausblick hatte, und vorbei an einigen seit langer Zeit verlassenen Häusern. Neugierig schaute ich durch ein kaputtes Fenster in die Küche eines halb eingestürzten Farmhauses, dass über und über mit Efeu bewachsen war. Natürlich hatte über die Jahre auch der ein oder andere Dödel seinen Müll durch das Fenster geworfen oder im Garten einen alten Fernseher abgestellt, aber ein großer Teil der Einrichtung aus den zwanziger oder dreißiger Jahren war noch da. Leider hatte ich keine Zeit, mir alles etwas genauer anzusehen.

Ich umrundete also den Berg links von mir, genehmigte mir noch ein ausgiebiges Päuschen vor einer weiteren kleinen Quelle, wo ich auch den Rest meines kargen Proviants wegfutterte, und gelangte nach einigem Hin und Her wieder auf den Hauptweg, der nun steil bergab in ein größeres Dorf führte. Ein Optimist würde von einer Kleinstadt sprechen! Aber wir wollen mal nicht übertreiben. In einem Tante-Emma-Laden kaufte ich ein paar schrumplige Bananen, die ich mir sogleich in die Figur stellte. So gestärkt riss ich noch ein paar weitere Kilometer ab und traf bald hinter einer Kurve eine kleine weiße Katze, die, als sie mich sah, fiepend und mit erhobenen Schwänzchen auf mich zuhopste. Da freute ich mich natürlich, erwartete aber schon fast wieder viele tanzende Flöhe in ihrem Fell. Und tatsächlich: Ich erhob gerade die Hand zum Begrüßungskraul, als mir mehrere Dutzend Flöhe verdutzt entgegen sahen. Schnell machte ich mich wieder auf den Weg und sah die kleine Katze noch für ein paar Meter hinter mir herlaufen, bevor sie sich wieder auf den Bordstein setze und mir geknickt nachsah.

 

Ich verließ also das Kaff, dessen Namen ich schon gar nicht mehr genau wusste, da ich schon seit einer Weile nicht mehr auf die Karte geschaut hatte. Im Grunde orientierte ich mich nur an zwei Pilgern, die in einigem Abstand vor mir gingen, und den gelben Pfeilen an den Seiten des Weges. Ein Schild informierte über eine sehr alte Kapelle, die in wenigen hundert Metern linker Hand auftauchen sollte. So, endlich mal wieder ein wenig Kultur! Ich war schon ganz gespannt, doch leider war sie nicht zugänglich. Püh, dann eben nicht! Ein Weilchen ging es wieder über diverse Pfade, Kopfsteinpflaster und mehr oder weniger stark befahrene Straßen, auf denen ich es mit großem Erfolg schaffte, nicht überfahren oder von LKWs zerquetscht zu werden. Eine breite Asphaltstraße führte in einem weiten Bogen aus der Botanik heraus in einen kleinen Vorort: Barcelonhos, der letzte Ort vor meinem Ziel. Hey, dachte ich, es ist also gar nicht mehr weit! Voller Freude und dementsprechend breit grinsend suchte ich zunächst den erstbesten Laden und kaufte noch mehr Wasser. Es war zwar nicht mehr so heiß, aber mein Wasserverbrauch hatte sich komischerweise überhaupt nicht verringert.

Bei dieser Gelegenheit machte ich die Bekanntschaft zweier junger Studentinnen, die gerade auf ihren Bus warteten und mich in ein nettes Gespräch verwickelten. Da sie nach Braga wollten und ihr Bus nach nur zehn Minuten schon angetuckert kam, war unser Plausch von recht kurzer Dauer. Die Abschiedstränen waren kaum getrocknet und ich hatte mich gerade erst wieder in Bewegung gesetzt, als ich auf der rechten Straßenseite erneut einen sehr interessanten Laden erblickte. Der gewiefte Leser weiß schon, was ich meine. Na klar, Heimwerkerbedarf! Natürlich könnte ich auch einfach weiter gehen. Aber ich bin eben ziemlich stur! Doch in Wirklichkeit war der Laden nicht größer als meine Küche, also winzig, der Besitzer jedoch ein im ersten Moment furchteinflößender wettergegerbter Schrank, der so aussah, als würde er zum Reinschlagen von Nägeln seine geballte Faust benutzen - oder auch wahrweise seine Stirn. Freundlich grunzte er mir in einer Mischung aus Englisch und Portugiesisch, quasi Englisisch, zu, dass er keinen Trolley oder etwas in dieser Art zum Verkauf hätte, schrieb mir jedoch zwei portugiesische Wörter auf einen kleinen Zettel, den ich im Baumarkt auf der anderen Seite der Stadt jemandem zeigen solle. Nach allem was ich verstand, müsste das Tragegestell bedeuten. Da ich bekanntermaßen die Sprache nicht beherrsche, hätte es aber auch Doofer Sack oder Saurer Apfel sein können. Das wäre natürlich klasse und müsste sich in etwa so anhören:

„Ehm, Verzeihung, hätten sie möglicherweise einen doofen Sack für mich? Mit Tragegriff und zwei Rollen, bitteschön.“

 

Die Pfeile führten mich über über einige graue Seitenstraßen und zu einem sehr belebten Kreisverkehr, den ich hastig überquerte. Dahinter erstreckte sich eine lange, auf beiden Seiten von Palmen gesäumte Straße, in der es einige imposante Gebäude aus dem späten 19. Jahrhundert zu bewundern gab. Abgesehen von der schönen Architektur war davon jedoch nichts wirklich aufregend: Ein Verwaltungsgebäude, hier eine Anwaltskanzlei, dort eine Schönheitsklinik – das Übliche. Am Ende der Straße jedoch erblickte ich, hinter dem nächsten unvermeidlichen Kreisverkehr, im Erdgeschoss eines grauen Bürogebäudes einen Friseurladen, vor dessen Fensterscheiben ich kurz stehen blieb: Hm, ich könnte mir natürlich jetzt noch 'ne Kopfmassage verpassen lassen... oder vielleicht sogar die Haare schneiden lassen? Wow, beim Friseur die Haare schneiden lassen, darauf ist bestimmt noch niemand gekommen! Hey, wo steht denn bitte, dass man sich als Pilger nicht ordentlich die Haare schneiden und bei der Gelegenheit den Kopf massieren lassen darf? Na siehste, eben. Während ich so für ein paar Sekunden überlegte, bemerkte ich, dass die Friseurinnen und ihre Kunden mich wortlos anstarrten. Man, sehe ich denn wirklich so mitgenommen aus? Also bitte! Ich ging herein und fragte eine der eifrig herumschnippelnden Damen, ob sie vielleicht Zeit für mich hätte. Sie sah mich freundlich an, schien mich jedoch nicht zu verstehen.

„Do you speak English?“ Wortlos sah sie mich an.

„Ehm, do you speak English? Or German? Hm...or…Russian, maybe?“ Keine Reaktion.

Mir gingen gerade die Sprachen aus! Ich machte also mit Zeige- und Mittelfinger Schneidebewegungen in Richtung meiner Haare, die sich zu diesem Zeitpunkt noch ängstlich unter meinem Hut versteckten, und imitierte einen Rasierer, indem ich mit meiner Faust den Hinterkopf hochfuhr und leise sssssst machte. Das fand sie offenbar furchtbar komisch und prustete los. Ich starrte sie wortlos an, doch sie hatte mich wohl verstanden. Immer noch vor sich hin giggelnd bugsierte sie mich auf einen Stuhl und legte los, nachdem ich ihr mit Händen und Füßen „bitte überall etwa die Hälfte kürzer“ verständlich machte. Ich hatte keine Ahnung welche Frisur sie eigentlich im Detail zaubern wollte, aber das würde sie bestimmt besser wissen. Notfalls kann ich ja meinen Hut weiter nach unten drücken, falls es mir gar nicht gefällt. Zunächst wusch sie dreimal hintereinander meine Haare, was mich ein wenig wunderte, und schnippelte dann fröhlich drauf los. Über eine halbe Stunde war bereits vergangen und ich war erstaunt darüber, wieviel Zeit sie sich für mich nahm. Aus dem wilden Gewuschel wurde langsam eine Frisur heraus gearbeitet, die mir ganz gut gefiel: Seitenscheitel, deutlich kürzer und zuletzt noch mit Gel schief nach rechts geklebt. Vorher bekam ich als i-Tüpfelchen eine kurze Kopfmassage (ganz wichtig!), bei der ich leicht schielend sanft einzudösen drohte. Gefühlt hatte sie nun fast eine Stunde an meinem Kopf herumgemeißelt und ich fragte mich, was sie dafür wohl berechnen würde.

Bereit zum Aufbruch zog ich wenig später ein paar Scheine aus der Hosentasche und war baff, als sie mir ihren Preis nannte: 12 Euro. Wie – insgesamt? Oder pro Minute? Das hätte ich nach diesem Rundumprogram wirklich nicht gedacht. Ich gab ihr also einen Zwanziger, denn sie hatte wirklich mehr verdient, und wurde mit vielen Bon Caminos freundlich verabschiedet. Zehn Minuten später kam ich zurück gerannt, da ich meinen Wanderstab vergessen hatte, doch danach ging es wirklich weiter!

Jetzt war ich bereits nicht mehr weit von Barcelos entfernt! Guter Dinge und betont entspannt erreichte ich diese schöne kleine Stadt am späten Nachmittag, als bereits wieder ein leichter Nieselregen einsetzte.

Den Pfeilen folgend, bog ich in eine schmale Gasse ein, die steil bergab führte und den Blick auf eine wunderschöne Brücke und die halb verfallene Burg am anderen Ufer öffnete. Plötzlich waren überall Polizisten zu sehen, die Absperrungen anbrachten und die Brücke und weitere Straßen abriegelten. Einsatzwagen kamen hier und da quietschend zum Stehen. Was zum Geier…? Doch alles war halb so wild: Wie ich von einigen Passanten erfuhr, fand gerade ein bedeutendes Motorradrennen statt, welches durch einen Teil der Altstadt führen sollte – dafür die Absperrungen. Offensichtlich kam ich gerade nicht so einfach auf die andere Seite, also schaute ich mich ein wenig um und fand an einer Hausecke kurz vor der Brücke tatsächlich ein schnuckliges Pilgerhostel, in dem eine alte Gitarre an der Wand im Aufenthaltsraum hing. Gitarre an der Wand? Ganz klar, hier bin ich richtig! Passenderweise war genau noch ein Raum frei (kein Scherz), nämlich ein Vierbettzimmer im Dachgeschoss. Das hätte jedoch niemand für heute gebucht, erklärte mir der junge Kerl mit den buscheligen schwarzen Haaren bei der Anmeldung, also hätte ich den Raum ganz für mich und müsste auch nicht extra drauf zahlen. Das ließ ich mir natürlich nicht zweimal sagen, bezahlte gleich und nahm den Schlüssel entgegen. Ich wunderte mich zwar ein wenig, dass der Rest des Hostels komplett ausgebucht war und ich nun alleine in einem Vierbettzimmer nächtigen sollte, aber wer weiß. Vielleicht waren ja vier Leute nach der Reservierung kurzfristig abgesprungen. Nach so einigen Stufen, die schnaufend erklommen werden mussten, war ich endlich da - es war klasse: Ein sauberes Bett, ein kleines Badezimmer und sogar ein Balkon mit Blick auf die Burg (und eine formschöne Solaranlage):

Ich weiß, die Baustelle im Bild sieht jetzt vielleicht nicht besonders sexy aus, aber das machte für mich keinen Unterschied. Alles war prima! Nach einer heißen Dusche ließ ich mich auf das Bett fallen, von dem aus ich ein wenig aus dem Balkonfenster schauen konnte, und lauschte für eine Weile dem Klicken meiner Armbanduhr. Bald kam drohend das Geräusch vieler dutzend jaulender Motorräder herüber, die offenbar durch die vorhin gesperrten Straßen sausten. Irgendwie hat der Klang vieler gleichzeitig beschleunigender Zweitakter etwas bedrohliches, wie ein nicht endendes Gewitter. Ich stand auf und sah dem Spektakel kurz zu, fand es aber nicht besonders aufregend. Fahrende Motorräder eben. Was ein mancher wohl an Motorradrennen im Fernsehen so interessant findet? Aber egal, jedem seins. Während der Hühnerschreck-Konvoi seine Kreise zog, wusch ich meine Wäsche, die sich nach ein paar Tagen des Wanderns bereits in einem verheerendem Zustand befand. Übrigens: Da das Wasser offensichtlich ziemlich hart war und sich meine Waschkünste auch wirklich in Grenzen hielten, fand ich meine Wäsche am nächsten Morgen so steif vor, dass ich jemand damit hätte erschlagen können. Man musste Hemd & Hose vor dem Anziehen erst wild durch die Luft wirbeln, damit sich die Fasern etwas lösten. Ein unvergleichliches Tragegefühl und eine Wohltat für die Haut! Wie auch immer: Ich bereitete mich kurz danach auf einen kleinen Stadtausflug vor, packte etwas Geld und meine Kamera ein und humpelte die Stufen herunter.

Die Brücke war wieder passierbar und so stand ich recht schnell vor der Burg, guckte ein wenig hin und her …

…und fand am Fuße der alten Befestigung einen winzigen Keramik- und Souvenierladen – klar musste ich da reinschnuppern! Der Mann hinter der alten Kasse schien so alt zu sein wie die Mauern, die ihn umgaben. Er kommunizierte größtenteils über Grummeln und Murren, jedoch gelang es mir, zwei vergilbte Postkarten zu kaufen. Sie zeigten Barcelos von oben, die Brücke im Zentrum des Bildes; gemessen an den Automodellen, die gerade darüber fuhren, musste das Foto ungefähr Mitte der Achziger geschossen worden sein. Sah gar nicht schlecht aus! Außerdem entschied ich mich noch für vier bunt bemalte Gockel aus Plastik, nur ein paar Zentimeter groß, als Andenken. Moment mal – Gockel? Ja genau, denn weißt du, der sogenannte Galo de Barcelos ist das Wahrzeichen der Stadt. Nicht weit entfernt vom Park im Stadtzentrum steht ein fast zwei Meter großes Exemplar!

Der Ursprung hierfür ist die Sage des Hahn von Barcelos, die ich in eigenen Worten nun kurz interpretieren werde. Aufgepasst:

 

Vor langer Zeit lebte einmal ein gut aussehender, musisch hochbegabter und stets gut gekleideter Frauenschwarm aus Deutschland, der... ok, ich fange nochmal an.

Vor langer Zeit lebte einmal irgendein Typ vom Lande, der von Barcelos nach Santiago pilgern wollte. Da kam ein reicher Sack und sagte:

„Eh, du Typ vom Lande aus Barcelos, du hast meine silberne Schnupftabakdose geklaut - ein Kapitalverbrechen! Das geh‘ ich jetzt petzen.“

Dabei stimmte das gar nicht! Doch der reiche Sack, ein Milliardär, der sein Geld mit Heuhandel und einem Eselverleih gemacht hatte, war aufgrund seines Reichtums sehr einflussreich in der Stadt, also wurde der arme Typ vor Gericht gestellt und glatt zum Tode verurteilt. Die Sache war für ihn wirklich schlecht gelaufen! Am Tage der Hinrichtung sagte der Typ zum Richter, der anschließend Mittag essen wollte:

„Du, hör zu, ich hab nichts geklaut! Zum Zeichen meiner Unschuld wird das Brathähnchen, dass du gleich essen wirst, zum Leben erwachen und während meiner Hinrichtung laut krähen. Du Arsch!“

Die berüchtigte Hähnchenbeschwörung also. Jedenfalls lachte der Richter nur, ordnete die Vollstreckung des Urteils für den Nachmittag an und ging zurück in sein Haus, um das verdiente Mittagsmahl zu vertilgen. Als er gerade seine speckigen Füße auf den Tisch wuchtete und mit seinen hässlichen gelben Zähnen, von denen nur noch zwei in seinem Schädel steckten, an einem der Hähnchenschenkel knabbern wollte, machte es PAFF und sein scheiß Hähnchen war plötzlich gar nicht mehr knusprig und gold-braun gebraten, sondern voller Federn und quicklebendig! Zum Zeichen der Abneigung biss es ihm sogar in die Nase und krähte so laut, dass es ihm in den Ohren schmerzte. Da begriff er, dass der arme Typ recht hatte und wahrscheinlich gerade in diesem Moment gehängt würde! Schnell packte der das flatternde Flattervieh und warf es in die Luft, quetschte seinen fetten Hintern durch die Haustür und rannte wie ein Blitz auf den Galgenhügel zu. Der arme, arme Typ hatte da schon eine Schlinge um den Hals und bekam gerade die Augen verbunden, während die Bevölkerung laut skandierte:

„Stirb, Silberschnupftabakdosenentwender, stirb!“

Der Henker wollte schon abhenkern, als der Richter mit erhabener Stimme rief:

„Haltet ein, oh ihr Einzeller, denn dieser Mann ist unschuldig! Er hat nichts getan, er ist kein Schnupftabakdosenentwender! Man nehme ihm den Lappen von den Augen und lasse ihn frei.“

Da atmete der Typ auf, freute sich und konnte wie geplant seine Reise nach Santiago aufnehmen. Vom Richter hat man jedoch nie wieder etwas gehört. Der reiche Sack jedoch wurde von diesem Tage an von der Bevölkerung gemieden und bekam keinen Schnupftabak mehr verkauft! Niemand wollte mehr mit ihm Geschäfte machen und so verarmte er zusehens.

 

Warum er den armen Typ überhaupt erst verraten hatte, ob dieser seine Pilgerreise beenden konnte und was zum Geier nun anschließend eigentlich mit dem Hahn geschah, ist jedoch eine ganz andere Geschichte...

An einigen Stellen mag ich ein klein wenig übertrieben haben, aber der Kern stimmt! Der Galo de Barcelos ist also nicht nur ein Wahrzeichen der Stadt, sondern auch ein Sinnbild für die Moral vieler alter portugiesischer Gedichte und Legenden: Ein arme Bauer ist der Willkühr eines reichen Sackes ausgesetzt, kann sich aber durch eine glückliche Fügung, mit Humor und der Hilfe eines Wunders aus seiner misslichen Lage befreien und so den Klauen der imperialistischen, erzkapitalistischen Großaktionäre entkommen...oder so ähnlich. Du weißt schon. Aber im Ernst: Es ist eine schöne Sage, daher freute ich mich über die gerade erworbenen Miniaturgockel, die ich zu Hause an Freunde & Familie verschenken und dabei diese Geschichte zum Besten geben wollte.

 

Der Platz gegenüber der Burg wurde gerade abgesperrt, als ich wieder ins Freie trat, und Polizisten versammelten sich in recht großer Zahl. Ist heute ein besonderer Tag, oder warum ist hier nur so viel los? Als ich näher kam, sah ich einige Aufsteller und Plakate zu beiden Seiten des Platzes, die eine politische Veranstaltung ankündigten. Die Slogans verstand ich natürlich nicht, bis auf einen zumindest: Ein großes Euro-Zeichen auf einem der Schilder, mit rotem Stift durchgestrichen, daneben das Territorium Portugals deutlich hervortretend und ziemlich weit vom europäischen Festland entfernt. Aha, irgendwas nationalistisches vermutlich. Oder vielleicht sind sie ja wahnsinnig schlecht in Geografie? Jedenfalls: Liberale oder Grüne würden hier offensichtlich nicht auftreten.

 

Ich bog in eine der vom Platz abzweigenden Seitenstraßen ein und suchte einen Laden (nein - kein Heimwerkerbedarf!), der ein paar gute Wandersocken und Hemden zum Verkauf hatte. Schließlich war ich ja immer noch mit meiner einen Ersatzsocke unterwegs!

Wie gerufen kam da ein kleines Sportbekleidungsgeschäft, welches mir eingequetscht zwischen einem Restaurant und einer Diskothek entgegen lachte. Der Verkäufer hatte sich vermutlich vor kurzem einen riesigen Joint in die Birne geworfen und stellte mir ganz easy und mit sehr in die Länge gezogenen Worten drei Paar Spezialsocken vor. Uh, ziemlich teuer! Ich entschied mich für die Kunstfaservariante eines britischen Herstellers im mittleren Preissegment, drückte dem wankenden Sockenmann zehn Euro in die Pfote und wanderte noch ein wenig durch die Altstadt. Gefühlt wirklich 90 % aller Restaurantgäste und Passanten waren Pilger und schnell hatte sich wieder ein fröhliches Grüppchen gebildet, gemeinsam auf den Weg zum nächsten Restaurant suchend. Dieses fanden wir in einer Seitenstraße nicht weit von meinem Hostel entfernt, geleitet von einem gut gelauten und wahnsinnig netten Pilgerbruder. Stolz hatte er seinen alten Pilgerausweis, seine Compostela und ein paar Andenken seiner Reise an die Wand gehangen und bat jeden Gast, begleitet von einem Klaps auf die Schulter und einem breiten Lächeln, sich doch bitte in einem großen ledergebundenen Buch einzutragen. Ein toller Kerl! Leider muss ich gestehen, dass ich seinen Namen nicht mehr weiß. Dankend nahmen wir ihm das ziemlich schwere Buch ab und lasen nacheinander einige der vielen Danksagungen, Gedichte und lustigen Sprüche in allen möglichen Sprachen durch, bevor jeder von uns selbst einige Worte hinzufügte.

Noch ein Wort zur pilgertypischen Küche: Das traditionelle Pilgermenü besteht aus Krautsuppe und Brot, dazu Bier oder Wein. Klingt vielleicht erst einmal etwas karg, ist aber eigentlich völlig ausreichend und auch lecker (fand ich zumindest). Hier und da gab es zwar mal ein etwas anderes Rezept, hier mal mehr wässrig, dort etwas dicker, jedoch blieb diese „Hauptspeise“ im Grunde jeden Tag dieselbe. Der Vorteil war, dass diese einfache Speise bei Vorlage des Pilgerausweises ausgesprochen günstig angeboten wurde. Wer ab und zu auch mal etwas anderes essen wollte, einen gebratenen Hahn oder Bleikuchen, konnte natürlich jederzeit in eines der Restaurants oder Bistros gehen.

An diesem Abend hatten Brot und Suppe meinen Hunger auch eher angekurbelt und so sah ich kurz auf den gebratenen Fisch, der gerade am Nebentisch verspeist wurde. Sollte ich auch einen bestellen? Der Wirt musste meinen Blick gesehen haben, denn kurz darauf stellte er mir lächelnd einen großen Teller Fisch und Bratkartoffeln vor die Nase! Seine Aufmerksamkeit rührte mich und als ich ihn bezahlen wollte, hob er abwehrend die Hände und lehnte ab. Lachend klopfte er mir auf die Schulter und wuselte wieder zwischen der Küche und seinen Gästen hin und her. So ein lieber Mensch. Also mampfte ich meinen Fisch, genehmigte mir ein frisches Bier und plauderte mit meinen Freunden. Ja...wie glücklich wir sein können, wenn wir uns zusammen mit tollen Menschen diverse Destillate reindödeln können und an nichts schlechtes denken müssen! Noch ein fetter Grund, diese Reise niemals zu vergessen. Stimmts?

 

Bald jedoch überkam mich eine lähmende Müdigkeit und ich sehnte nach nichts mehr als meinem weichen Bett. Jetzt die geplagte Birne auf ein Kopfkissen legen...mmh. Ich verabschiedete mich und bedankte mich noch tausend Mal beim lieben Wirt, trottete zurück zu meinem Hostel und schaffte es nach einigen Anläufen sogar selbstständig, die Tür zum Eingang und zu meiner Dachkammer zu öffnen. Man, was für ein verrückter Tag! Im Halbdunkel sah ich die vier Betten in einer Reihe neben an der Wand stehen, steuerte auf irgendeines davon zu und ließ mich darauf fallen. Mein dumpfer Aufprall und das Knarzen des Bettgestells markierten das Ende dieses vollgepackten, tollen Tages.

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