Tag 4

Dieser Tag war besonders ereignisreich! Auch wenn das gar nicht ist verglichen mit dem, was noch kommen sollte, doch krass war es schon irgendwie. Auf der anderen Seite aber auch sehr, sehr schön: Unter anderem habe ich zwei Menschen kennengelernt, die noch meine engsten Freunde werden sollten – weit über den Camino hinaus, versteht sich. Doch wie immer: Erst mal eins nach dem Anderen!

 

Ich wachte von einem furchtbaren Gepolter auf und fiel fast aus dem Bett. Jemand war offensichtlich mitten in der Nacht in die Herberge gekommen und machte nun in der Küche einen Heidenlärm. Halt mal – in der Küche? Ich schaute auf die Uhr: Man, um halb zwei?! Ein kleine Lampe leuchtete hektisch hin und her. Langsam hob ich den Kopf, doch konnte nicht wirklich etwas erkennen. Hier stimmt doch was nicht! Es polterte weiter. Leise rollte ich mich aus dem Bett, ging ein paar Schritte nach vorne und sah plötzlich eine kleine Frau, die gerade um Töpfe und Pfannen herum wuselte und offensichtlich gerade Fisch zuzubereite. Zumindest roch es sehr danach – eher ekelig, um ganz ehrlich zu sein. Leise summte sie vor sich hin, während sie mit einem Holzlöffel in einem Topf rührte. Je näher man der Küche kam, desto unangenehmer wurde der Geruch. Vorsichtig trat ich noch ein Stückchen näher und murmelte ein semi-höfliches “Ehm…hello?“. Sie erschrak fürchterlich und fuhr, mit ihrem tropfenden Kochlöffel in der Hand, auf der Stelle herum und blinzelte mich an. Offensichtlich hatte sie gar nicht gemerkt, dass ich im Bett ganz am Rand schlief. Wir stellten uns vor und plauderten ein wenig: Sie war eine französische Pilgerin, die jedoch seit einigen Tagen schon hier wäre, da ihr es hier sehr gefiel. Sie sagte, dass sie gerade dabei wäre Muscheln auszukochen, die sie am Strand gefunden hätte, um sie dann morgen früh zu essen. Mir wurde bei der Vorstellung schon ganz übel. Ich wusste nicht ganz, was ich sagen sollte und entschied mich für ein neutrales “Mmmhm“. Recht schnell verabschiede ich mich dann wieder – ich war echt hundemüde – und rollte mich zurück in meinen Schlafsack. In der Küche wurden glücklicherweise recht bald alle Muschelfleisch-Zubereitungsversuche eingestellt und die Lichter wieder ausgeschaltet. Marie (zumindest glaube ich mich dunkel daran zu erinnern, dass das ihr Name war) lag zwei Betten gegenüber und wollte mir noch allerlei Fragen über meine Reise stellen, doch irgendwann bin ich einfach wieder eingeschlafen.

 

Etwas klackert uncool.

Tok-tok-tok.

Hach, ist das gemütlich hier...ich drehe mich nochmal rum.

Tok-tok-tok.

Mmh, nein, noch nicht aufstehen...bitte sei leise....

Tok-tok. Tok!

Das nervige Geräusch bort sich langsam in meine Birne – nein es ist zwecklos, jetzt bin ich wach.

Oh, was ist denn jetzt los? Verdammt nochmal!

Tok-tok-tok.

 

Ich schäle mich aus meinem Schlafsack, stoße mir gewaltig den Kopf am Gestell des Doppelstockbettes und schiele in den Saal. Niemand zu sehen – bis auf die französische Mitternachtsköchin, die friedlich schlummert. Die blassen Morgensonne fällt durch die Fenster und taucht den Schlafsaal in ein schummriges Licht. Moment mal: Da hängt ja ein Vogel neben dem Fenster und pickt gegen den Rahmen. Das soll das denn sein – ein Wecker für Arme? Ich fluche leise über den Vogel, stehe dann aber doch auf und husche erstmal ins Bad. Während ich anschließend bereits wieder in meinem Rucksack wühlte, steht auch meine Schlafsaalgenossin auf und kurze Zeit später sitzen wir am Küchentisch und essen. Ich breite aus, was ich gestern noch im Dorfladen um die Ecke gekauft habe: Kekse, ein paar kleine Kuchen und Bananen. Aus meinem Rucksack fördere ich zudem mein kleines Tee-Päckchen (ja, genau: Earl Grey!) zutage, das ich mir sicherheitshalber in Leipzig noch eingepackt habe. Zum Glück: Diese Sorte habe ich in Portugal und Spanien nämlich weder in Cafés, noch in Supermärkten gefunden. Natürlich wird es diese und weitere Teesorten wie bei uns in großen Einkaufszentren geben, aber in ein solches bin ich nur einmal kurz auf der Suche nach einem Geldautomaten reingestolpert. Jedenfalls freute ich mich über meine dampfende Tasse frischen Earl Greys. Neben mir wurde derweil bestialisch stinkendes Muschelfleisch, etwas Obst und ein Schokoriegel geräuschvoll verdrückt.

Wann sie eigentlich weiter pilgern möchte, fragte ich sie. Ach, meinte sie, heute würde sie sich nur an den Strand legen und ein wenig baden, da es hier so schön sei und sie noch nicht weg wolle. Laut schnurpste eine Muschelschale zwischen ihren Zähnen, die sie versehentlich mitgegessen hatte. Wo sie Recht hat, hat sie Recht! Ich schaue wieder auf ihr Muschelfleisch und muss plötzlich wieder an die Drachenfinger denken. Sie lachte und sagte: „Keine Angst, ich habe einen starken Magen!“ Als ich gerade meinen Tee austrank, rezitierte sie einige katholische Gebete auf Latain und in französisch und fragte mich lächelnd aber eindringlich, ob ich nicht eines davon auswendig lernen wolle („so, wie wir Katholiken das tun“). Das war in meinen Augen der ideale Zeitpunkt, um aufzubrechen!

 

Ich machte das Bett, stopfte meine Sachen zurück in den Rucksack und warf den Schlüssel zur Herberge mit etwas Geld in einen kleinen Kasten, der neben der Küche an der Wand hing. Nach der Verabschiedung erhielt ich noch einen kurzen Spruch auf Französisch ins Ohr gedrückt, den ich nicht verstand, lief über den Hof und wollte das große Eingangstor öffnen. Ich drücke, rüttel, haue dagegen und gucke doof: Komisch, geht gar nicht auf. Versteh‘ ich nicht. Was war los? Wie sich herausstellte, war der kleine Kasten in der Herberge für Spenden, nicht jedoch für Schlüssel gedacht. Dieser müssen nämlich in einen Briefkasten geworfen werden, der vor der zur Straße zeigenden Seite der Grundstücksmauer steht. Diese Seite erreicht man natürlich nur, wenn man den besagten Schlüssel noch bei sich trägt um das Tor aufzuschließen und diesen vorher nicht, so wie ich, verpeilt in den falschen Kasten wirft. Ich hätte vielleicht das Hinweisschild im Schlafsaal beachten sollen. Zum Glück werkelte an diesem Morgen bereits ein älterer Herr im Museum herum, der mir kopfschüttelnd, aber lächelnd das Tor aufsperrte und mir einen guten Weg wünschte. Die französische Pilgerin schaute sich das Ganze belustigt von der Tür des Schlafsaales aus an und winkte nochmal zum Abschied.

Ich habe sie nie wieder gesehen. Hoffentlich hat ihr besonderes Frühstück keine unangenehmen Folgen gehabt und es geht ihr gut. Also, weiter gehts! Mal sehen, was der heutige Tag wohl so bringt.

Keine Wolke ist am Himmel zu sehen, als ich nach kurzer Zeit mehrere Pilger in eine Straße einbiegen sehe, die wieder in Richtung Promenade führt. Also hinterher! Mehrere Hühner auf den Grundstücken um mich herum gackern laut, das Meer rauscht in der Ferne und dazu das gleichmäßige Stapfen meiner Schuhe: Der frühmorgentliche Pilgersound in Stereo! Dennoch war ich nicht cool drauf. Ich lasse das Restaurant hinter mir, passiere den Campingplatz zu meiner Rechten und laufe dann für ein Weilchen nur stupide den Pfeilen nach, ohne groß auf meine Umgebung zu achten. Nach einer halben Stunde geht mir echt alles auf den Sack: Das ‘klonk klonk klonk‘ meines Wanderstabes, die kläffenden Hunde in den Vorgärten, mein blöder Rucksack und die jetzt schon brütende Hitze.

Warum gerade der Rucksack? Nicht nur weil er einfach schwer ist, haha, lustig – war ja zu erwarten. Nein, ich habe beim Vergleich und der Auswahl des Rucksacks in erster Linie darauf geachtet, dass er mit den Handgepäckvorschriften der Lufthansa übereinstimmt und nicht, ob er auch zu MIR und meiner Körpergröße passt! Mit dem Ergebnis, dass der Hüftgurt viel zu hoch liegt, sich aber nicht verstellen lässt! So drückt das Teil seit zwei Tagen in meinen Bauch, was nicht unmittelbar unangenehm ist, auf lange Sicht aber sehr wohl zu Problemen führt. Ich habe das am Anfang überhaupt nicht richtig gemerkt – nicht nur, weil ich zu dem Zeitpunkt echt keine Ahnung hatte, sondern auch, weil die schlechte Qualität bzw. die, sagen wir, schlichte Ausführung auch erfahrenen Pilgern erst bei sehr genauem Hinsehen richtig aufgefallen ist. Um das Problem also zu umgehen, drückte ich ab heute die ganze Zeit mit meiner rechten Hand den Hüftgurt nach unten, etwa auf die Höhe meines Gürtels, was auf Außenstehende wohl eher einen prolligen Eindruck machte. Das war aber echt nicht beabsichtigt, doch war ich zu stur, mir einfach einen neuen Rucksack zu kaufen und abgesehen von dem blöden Gurt funktionierte es ja auch irgendwie. Ich bin mit dem Mistding hierher gekommen und werde diesen Ort auch damit wieder verlassen!

 

Wie ist es nur möglich, dass es um diese Zeit schon so heiß ist?! Es ist immer noch früher Vormittag, als ich wieder auf die Holzstege entlang der Dühnen treffe und nach einer guten Stunde, von Kopf bis Fuss durchgeschwitzt, vor einem Kiosk stehe. Die erste winzige, aber eisgekühlte Flasche Wasser gieße ich direkt über meinem Kopf aus und gebe dabei ein leises “aaaah...“ von mir. Aber um mich aufzumuntern, kaufe ich mir (neben mehr Wasser) ein leckeres Eis und packe meine Kopfhörer aus. Jetzt brauche ich wirklich etwas starkes! Mit AC/DC auf den Ohren laufe ich Eis-schleckend weiter. Die Laune steigt wieder! Nur leider schmilzt das Eis ziemlich schnell und der Rest flutscht mir über die Hand. Eis auf Straße, nett! So klebrig kann meine Kralle nicht bleiben, sonst schmiere ich meinen Wanderstab voll. Das Wasser widerrum brauche ich zum Trinken, also ziehe ich Schuhe & Strümpfe aus und gehe zum Strand.

Als ich im Meerwasser die Hände abspüle und mich danach wieder aufrichte, folge ich mit den Augen dem Steg, der in einem langgezogenen Bogen nach links führt und in der nächsten größeren Stadt mündet: Vila do Conde. Ich könnte doch einfach am Wasser weiter laufen, denke ich, denn die Richtung stimmt ja und der Ausblick ist umwerfend. Man kommt zwar nicht sonderlich schnell voran, aber der kühle Wind ist wahnsinnig erfrischend. Also binde ich meine Schuhe am Rucksack fest und laufe frohen Mutes ein Weilchen am Wasser entlang. Das ist wirklich klasse! Ich mache ein paar Fotos und drehe mich von Zeit zu Zeit um: Auch der Blick Richtung Süden mit meinen im Sand hinterlassenen Fusstapsen sieht sehr schön aus und wenn man genau hinsieht, erkennt man die kleinen Löcher, die ich in regelmäßigen Abständen mit meinem Wanderstab in den Sand rechts von mir gestapft habe. Ab und zu halte ich an, um eine schöne Muschel oder einen lustig geformten Stein einzupacken.

Der Sand unter meinen Füßen gibt leicht nach, was sehr viel angenehmer als geteerte Straßen oder Holzstege ist, zudem tut das kühle Meerwasser gut. Ein paar Spaziergänger kommen mir entgegen, von denen die Meisten freundlich grüßen; der Labrador einer sehr netten und ausgesprochen sympatischen jungen Dame sabbert mir sogar interessiert auf die linke Hand. Für ein Stündchen tippel ich also weiter von Welle zu Welle und stelle fest, dass das Laufen hier zwar sehr angenehm ist, man aber leider kaum voran kommt: Der Abstand zur Stadt vor mir scheint sich kaum verändert zu haben. Zum Abschied tunke ich ein letztes Mal meinen großen Zeh ins Wasser und laufe wieder den Strand hinauf zur Promenade.

 

Dort patsche ich ein Weilchen den Sand von meinen Füßen, ziehe Socken & Schuhe an und trinke den Rest meines Wassers aus. Mist, schon wieder alle! Die nächste Strandbar liegt in einiger Entfernung... man, bis dahin bin ich doch schon zweimal verdampft! Kein Grund zur Panik, denke ich, als ich mich umdrehe und nur ein paar hundert Meter hinter mir ein im Wind wedelndes Eis-Werbeschild sehe. Da muss es Wasser geben! Erleichtert drehe ich um und mache mich auf den Weg, bis ich nach wenigen dutzend Metern zwei junge Pilgerinnen auf der niedrigen Mauer sitzen sehe, welche die Promenade von den Dünen abgrenzt. Sie sitzen in der prallen Sonne, wuseln in einem ihrer Rucksäcke herum und machen offensichtlich gerade eine Pause; fröhlich rufen sie mir „Hey!“ entgegen und ich setze mich kurz zu ihnen. So traf ich Concetta aus Italien und Andrea aus Indien (in Kanada lebend). Wir beschlossen für ein Weilchen zusammen weiterzulaufen, aber vorher in der Bar hinter uns Wasser zu kaufen, da keiner von uns mehr welches dabei hatte. Laut schnatternd liefen wir das Stücken bis zu dem kleinen Häusschen, nur um zu sehen, dass es geschlossen hatte. Keine Siesta – alle Seiten waren mit Brettern vernagelt; da es in der näheren Umgebung nichts mehr gab, mussten wir wohl also oder übel zunächst ohne Wasser weiter. Doch es zeigte sich: Dehydration ist in der Gruppe besser zu ertragen als allein! Ich fühlte mich in der Nähe meiner neuen Pilgerfreunde sehr wohl und genoß unsere gemeinsame Zeit, die hier ja gerade erst begann. Wie wichtig die Beiden mir werden und ans Herz wachsen würden, wusste ich da natürlich noch nicht. Ohne meinen kurzen Strandausflug hätte ich Andrea & Concetta wohl nicht kennen gelernt.

 

Kurz vor Mittag erreichten wir, hechelnd und das letzte Bissschen Feuchtigkeit verschwitzend, was unsere Körper noch entbehren konnten, die nächste Bar. Rechts von einer kleinen Treppe, die in das kleine Häusschen führte, saßen drei braungebrannte Strandexperten träge auf Hockern, vor ihnen ein Körbchen, in dem ein riesiger Hund schlief und alle Beine von sich streckte. Wir grunzten nur kurz zur Begrüßung und begaben uns dann so schnell wie möglich in den klimatisierten Innenbereich. In einer Ecke, von der aus man durch die hohen Fenster den weiteren Verlauf des Jakobsweges sehen konnte, ließen wir uns auf zwei Sitzbänken nieder, wobei ein jeder seinen individuellen Entspannungssound („Aaaah...“, „Uhmp!“, „Pfffff“) zum Besten gab. Keiner wollte sich hier so schnell wieder weg bewegen – wozu auch. Also machten wir uns daran, die Vorräte der Bar an Limonade und Cesar Salad zu reduzieren - mit großem Erfolg. Ein Blick aus dem Fenster zeigte uns, dass der Jakobsweg ziemlich genau hinter der Strandbar nach rechts bog und ins Landesinnere führte. Irgendwo in der Stadt wartete laut Pilgerführer eine Gabelung auf uns: Küstenweg nach links, Hauptweg nach rechts. Concetta und Andrea wollten den Küstenweg nehmen und ich war bereits etwas geknickt bei dem Gedanken, dass wir uns schon bald wieder trennen mussten. Doch ich versuchte, noch nicht daran zu denken.

Nach einer Stunde nickte Andrea kurz ein und ihr Kopf sackte leicht nach vorne, sodass Concetta und ich uns flüsternd weiter unterhielten. Mittlerweile war unser Tisch übersät mit leeren Limoflaschen, Tellern und Eisverpackungen, sodass wir irgendwann entschieden, uns besser langsam wieder auf den Weg zu machen. Jeder ging nochmal ins Bad und klatschte sich kühles Wasser ins Gesicht, bevor wir unsere Rucksäcke schulterten und uns zurück in die brütende Hitze wagten. Bei dieser Gelegenheit merkte ich, dass mein Rücken bis hoch zum Hals ziemlich verbrannt war und beim Aufsetzen des Rucksacks mächtig schmerzte – beim mit-Sonnencreme-einschmieren war ich hier wohl etwas zu sparsam. Dies kommunizierte ich über ein lautes Jaulen an meine Umwelt, die das jedoch nur mäßig interessiert zur Kenntnis nahm - abgesehen von meinen neuen Freunden: Andrea & Concetta!

 

Wir gingen die Treppe hinunter vorbei an dem Hund, der noch immer in seinem Körbchen lag und uns müde anzwinkerte. Concetta kraulte ihn am Hals und erzählte uns von ihrer Hündin Selda, die sie sehr vermisste. Sie holte ihr Handy aus der Tasche und zeigte uns ein Bild, während wir um die Ecke bogen und der Straße zum ersten Vorort von Vila do Conde folgten, das Meer und den Strand nun hinter uns lassend. Da ließ ich mich natürlich nicht lumpen und präsentierte ein Bild meiner beiden Katzen Iri & Isis! Beim Anblick des Meeres dachte ich, dass dies in unserer Dreierrunde vorerst vielleicht der letzte Ausblick auf den Atlantik auf dieser Reise war und quakte daher irgendwas Philosophisches. Wir passierten die ersten Vorgärten, kleine Häusschen und ein paar verfallene Fabrikanlagen und jeder sagte ab und zu mal ein paar Sätze, doch im Prinzip schwiegen wir hier für eine Weile. Es war jedoch auch nicht unangenehm, einfach nur schweigend nebeneinander her zulaufen und sich ganz dem schönen Moment hinzugeben – im Gegenteil. Es war ein sehr friedlicher Moment und keiner hatte das Gefühl, unbedingt ständig etwas sagen zu müssen. Das erinnerte mich wieder an den ersten Tag, als ich auch dieses Vertrauen und die Offenheit jenen Menschen gegenüber gespürt habe, die ich ja gerade erst kennen gelernt hatte. Ich kann gar nicht anders, als verdammt darüber dankbar zu sein.

Knapp einen Kilometer entfernt vom Stadtzentrum sahen wir eine uralte, halb verfallene Kapelle, vor der wir ein paar gemeinsame Bilder machten:

Falls es nicht gleich ersichtlich wird – ich musste auch mehrmals hingucken – ja, der Onkel da links im Bild bin ich. Mit zunehmend gestörtem Wasserhaushalt im Körper sinkt scheinbar meine Fähigkeit, einigermaßen normal in die Kamera zu lächeln.

Nur ein paar hundert Meter weiter machten wir wieder halt – diesmal jedoch, um einen kleinen Laden zu bestaunen, in dem eine Menge großer, faszinierender Steinskulpturen standen. Sie waren wirklich mit viel Liebe zum Detail bearbeitet worden, doch seltsamerweise war hier außer uns niemand. Der ganze Laden war leer, obwohl die Tür weit offen stand. Ob der Inhaber ein Nickerchen hält? Ziemlich leichtsinnig, möchte man meinen. Auf der anderen Seite – man kann die Skulpturen ja wohl kaum einfach mal eben unbemerkt mitnehmen!

Es ist angenehm kühl hier und so nehmen wir uns extra viel Zeit, um alles in Ruhe anzuschauen. Nach 15 Minuten haben wir jede Figur mindestens zweimal betrachtet, nachdenklich den ein oder anderen altklugen Kommentar geäußert („Diese Figur stellt auf interessante Weise die innere Zerissenheit des Künstlers dar“) und haben uns wohl oder übel wieder auf den Weg gemacht. Gleich neben diesem Häusschen ging es auf eine große Brücke, von der aus man einen herrlichen Ausblick hatte:

Das auf einer Anhöhe gelegene, imposante Haus auf der anderen Uferseite ist das ehemalige Karmeliterinnenkloster Santa Clara, welches nun als Herberge dient. Laut Aussage einiger Pilger soll es dort echt urig sein: Alles eher traditionell eingerichtet, sauber und gepflegt und mit einem angrenzendem Museum. Andrea und Concetta waren heute ja schon länger als ich unterwegs und wollten in einer ganz in der Nähe liegenden Unterkunft übernachten. Sie sind ja viel früher aufgestanden und hatten generell auch ein strafferes Tempo als ich; außerdem hatte der Abstecher zum Strand mich zeitlich auch ziemlich zurück geworfen. Daher wollte ich hier noch nicht bleiben, sondern noch ein paar Kilometer abreißen – ich war mir sicher, dass ich der großen Hitze & hohen Luftfeuchtigkeit noch für ein Weilchen standhalten könnte. Meine Wasserflasche war zwar schon wieder leer, aber sicher würde schon bald ein Laden kommen. Am Ende der Brücke verabschiedeten und umarmten wir uns, tauschten unsere Nummern aus und gingen unserer Wege. Morgen oder übermorgen wollten wir uns wieder sehen. Ich wusste zwar noch nicht genau, wo ich heute Abend bleiben soll, aber ich werde schon etwas finden, dachte ich mir! An diesem Punkt verwechselte ich zum ersten (und wieder nicht zum letzten!) Mal Optimismus und eine positive Grundeinstellung mit Leichtsinn. Doch zunächst dachte ich: Es ist Nachmittag, die Sonne steht nicht mehr im Zenit, ich bin gut drauf – was kann schon passieren? Easy bleiben!

 

Wir machten noch ein paar Fotos, sie folgten der Straße nach links hinter der Brücke, ich nach rechts. Mayestätisch tronte das riesige, ehemalige Kloster auf dem Hügel vor einer schmalen Straße, die sich langsam nach oben schlängelte. Rechts dieser Straße lag ein kleiner Stadtpark, in dem ich eine kurze Pause einlegte.

Vor hier aus nahm ich mir ein paar Minuten Zeit und bewunderte das wunderschöne Ufer auf der anderen Seite. Dann sah ich aus den Augenwinkeln, dass mich ein komischer Typ, der auf einer Parkbank saß und qualmte, die ganze ganz komisch anstarrte, und machte mich wieder auf die Socken. Die Straße wurde steiler und steiler und die in recht großen Abständen gepflanzten Bäume boten eher wenig Schatten. Nach einem Kilometer lief mir bereits der Schweiß vom Gesicht herunter, mein Hemd war patschnass und mir wurde langsam etwas schwindelig; mein Herz wummerte wahnsinnig schnell. Verdammt, so kann’s nicht weiter gehen! Leider ging es weiter, gefühlt eine Ewigkeit steil schräg links nach oben. Ich musste mittlerweile ganz langsam gehen und hatte das unbefriedigende Gefühl, kaum voran zu kommen. Was würde ich jetzt für einen Pool geben, dachte ich, oder wenigstens einen plätschernden Stadtbrunnen, in den ich kurz meinen Kopf tauchen kann. Bis auf eine verfallene alte Schule links und ein noch verfalleneres, altes Herrenhaus rechts von mir war jedoch nicht viel zu sehen.

Wie gesagt: Ich war mir vorhin sicher, dass ich noch ein paar Kilometer schaffe. Schon komisch, wie schnell sich dieses Gefühl doch ändern kann und man plötzlich gezwungen ist, seine Selbsteinschätzung besser nochmal zu überdenken. Die Sonne war eben viel intensiver, als ich es gewohnt war, und ich hatte kein Wasser mehr. Hinter der nächsten Kurve wird schon ein Laden kommen, sagte ich mir! Irgendwann öffnete sich die Straße dann auch zu einer großen Kreuzung, über die Straßenbahnen ratterten. Ich tippelte langsam auf den nächsten Baum zu, lehnte mich mit dem Rücken dagegen und verharrte dort für ein paar Minuten im Schatten. Plötzlich hatte ich irre Kopfschmerzen, spürte meinen Magen rummoren und bekam ein komisches Muskelzittern. Irgendwie drehte sich auch alles vor meinen Augen. Was soll das denn jetzt – ist das sowas wie ein Hitzeschlag? Ich peilte die Lage und kam leider zu dem Schluss, dass sie nicht cool war. So konnte ich unmöglich weiter laufen. Ok, was mache ich jetzt... Erster Schritt: Erstmal abkühlen und wieder easy werden, dann sehen wir weiter. Denn eins war klar: Zurück wollte ich nicht gehen, auf gar keinen Fall. Ich gehe vorwärts oder bleibe notfalls kurzzeitig, wo ich gerade bin. Aber denselben Weg wieder zurück zu laufen, den ich gerade so mühsam bestritten hatte...nö. Jeder Meter war schließlich harte Arbeit!

Ich schaute auf mein Handy, ob es in der Nähe ein Restaurant, eine Bar oder etwas ähnliches gab, aber das Mistding bekam wieder kein Signal. Bah, dann eben nicht – ich schaffe es auch so! Die gelben Pfeile führten über die Kreuzung auf eine Seitenstraße, die von ein paar kleinen Häusern gesäumt wurden. Dort musste es doch etwas geben, vielleicht einen Kiosk. Also machte ich mich auf den Weg und versuchte, irgendwie möglichst im Schatten zu bleiben. Als ich um die Ecke biege, sehe ich gerade ein paar Rentner gemütlich aus einem Haus schlendern, jeder ein Fläschchen Wasser in der Hand. Hey, ist das etwa ein Café? Mein Herz macht einen kleinen Sprung, als ich davor stehe und in dem Raum tatsächlich mehrere Tische und Stühle, eine Küchentheke und einen Getränkeautomaten in der Ecke stehen sehe. Gerettet! Ich wanke hinein und gebe lallend eine Bestellung auf: Zwei Bleikuchen, denn ich brauche Energie, sowie eine große Wasserflasche, denn ich brauche...na, Wasser eben. Danach stelle ich meinen Rucksack & Wanderstab in eine Ecke, lasse ich mich auf einen Plastikstuhl fallen und grüße kurz die vier Rentner, die an einem großen Tisch sitzen und Karten spielen. Sie nicken kurz in meine Richtung und wenden sich dann wieder hochkonzentriert ihrem Spiel zu. Eigentlich echt gemütlich hier drin! Wenn es mir nur nicht so mies gehen würde. Zwar war es hier auch nicht gerade besonders kühl, aber immer noch im Welten besser als draußen in der prallen Sonne. Nach zehn Minuten wird mir erstmal richtig bewusst, dass mein Shirt ist so durchgeschwitzt ist, dass ich es hätte auswringen können, daher ziehe ich mir statt dieses nassen Lappens kurzerhand mein blaues Lieblingsshirt über (total zerknittert, aber sonst ok). Immerhin wird mir beim Aufstehen nicht mehr schwarz vor Augen – ist doch schon ein Fortschritt.

Um mich ein wenig abzulenken und nicht auf das Ächzen meines Körpers zu achten, folge ich der portugiesischen Seifenoper, die gerade über den auf einem kleinen Podest stehenden Bildschirm flimmert: In dieser Folge kauft die demente Großmutter eines weichgespülten Schönlings irgendwelche Medikamente, was sie aber offensichtlich gar nicht darf, denn er dreht daraufhin total durch und brüllt sie an, bis seine geföhnte & durchgestylte Freundin ihn wieder beruhigt und in einer Nahaufnahme & in Zeitlupe küsst. Bevor es deftig wird, schwenkt die Kamera zur Seite, während das Bild langsam, auf eine brennende Kerze gerichtet, mit schmalziger Klaviermusik ausblendet. Na super!

 

Sowas kann ich mir nicht lange anschauen ohne durchzudrehen, daher packe ich mein Handy aus und schließe es an mein Solarladegerät an. Immerhin hat die Sonne dafür gesorgt, dass die Akkus komplett geladen sind. Glücklicherweise hat fast jedes auch noch so kleines Café oder Restaurant in Portugal & Spanien kostenloses WLAN, also wählte ich mich ein und schaute nach, ob und wo es in der Nähe ein Hostel gab (die nächste Herberge war laut Pilgerführer noch recht weit entfernt, vorausgesetzt natürlich, ich gehe NICHT rückwärts!). Die Auswahl an Unterkunftsmöglichkeiten war hier leider nicht besonders groß, um es nett auszudrücken, zumindest wenn man nicht gerade 150 € und aufwärts ausgeben wollte. Sollte ich vielleicht hier meine Hängematte-Notfall-Option austesten? Nur wird sich hier im Umkreis kaum eine wirklich ruhige Stelle finden – also besser nicht. Ich peilte nochmal die schiefe Lage: In einem zwei Kilometer Radius gab es nichts passendes, also vergrößerte ich den Suchbereich auf insgesamt fünf Kilometer. Dabei war ich mir nicht wirklich sicher, ob ich es überhaupt die nächste Straße herunter schaffe, so fix und alle, wie ich war. Mein Herz ballerte noch immer in einem irren Tempo. Aber notfalls kann ich meine Hängematte ja immer noch irgendwo auf dem Weg langziehen. Ha, hier steht was Interessantes: 30 € für ein kleines Zimmerchen in einer Stadt namens Povoa de Vazim, vier Kilometer von hier. Warte mal – Povoa de Vazim? Das liegt doch auf dem Küstenweg. Verdammt, da will doch gar nicht hin. Die direkte Route dorthin führt im Grunde zwar in die richtige Richtung, also nach Norden, auf einer mehrspurigen, schnurgeraden Bundesstraße. Dies aber weder auf dem Haupt-, noch dem Küstenweg, sondern quasi dazwischen: Eine herrliche Strecke durch Industrieanlagen, hohe Wohnblocks und entlang einiger Bauruinen. Schließlich hatte ich ja auch seit einer ganzen Stunde schon keine Dieselabsage mehr inhaliert! Ich war trotzig: Na klar schaffe ich das, notfalls mache ich eben so viel Pausen, dass ich erst spätabends ankomme. Aber rocken werde ich‘s schon irgendwie! Langsam fasste ich also wieder ein wenig Mut und buche direkt das Zimmer.

Ich saß noch für eine gute halbe Stunde in dem Café, entspannte mich ganz langsam wieder, aß einen weiteren Kuchen, trank noch mehr Wasser & kaufe zwei eiskalte Flaschen für den Weg. Im Bad klatschte ich mir ausgiebig kaltes Wasser ins Gesicht und trug eine weitere Schicht Sonnencreme auf.

Ach man, wäre ich doch nur bei Concetta und Andrea geblieben. Aber das nützt jetzt auch nichts mehr, also: Ein schiefes Grinsen aufsetzen & loslaufen! Ich bezahlte, schnappte meine Sachen und trat wieder in die Sonne. Es war unverändert bullig und drückend, dennoch fühlte ich mich ein wenig besser als noch vor einer Stunde, wenn auch auf einem niedrigen Level. Die Karte oder mein Handy (was ohnehin nicht richtig funktionierte) brauchte ich hier ganz bestimmt noch nicht, denn die Straße nach Povoa de Vazim führte wie mit dem Lineal gezogen nach Norden, vierspurig und mit Bahngleisen in der Mitte, sodass selbst ich mich nicht verlaufen konnte. Ohne groß nachzudenken setzte ich also einen Fuß vor den Anderen, dachte an die eiskalte Dusche, die ich mir am Ende des Tages gönnen wollte, nippte an meiner Wasserflasche und sah nach kurzer Zeit von Weitem eine imposante Kirche, vor die man in nur ein paar Metern Entfernung ein Einkaufszentrum gebaut hatte.

Ein eigenartiger Anlblick! Ich dachte mir, ein klein wenig Kultur kann ja nicht schaden und lief die Nebenstraße hoch, auch wenn das einen Umweg bedeutete (ganz nebenbei wollte ich auch noch ein paar Schokoriegel kaufen). Der Aufstieg war nicht einfach: Nicht wegen der Steigung, sondern weil es in dieser Straße fast windstill war und es zudem keinen Schutz vor der Sonne gab. So stand ich schweißüberströmt ein paar Augenblicke später vor der großen (geschlossenen) Kirchenpforte und hörte einige Leute von drinnen singen. Ein kleiner Aushang an der Tür informierte unmissverständlich darüber, dass hier eine Trauerfeier stattfand. Oh, da wollte ich wirklich nicht stören. Leise machte ich mich wieder aus dem Staub und kaufte ein paar Knabbersachen und mehr Wasser im Supermarkt um die Ecke. Zwischen den beiden so unterschiedlichen Gebäuden stand eine lustige Skulptur, an die ich ganz easy meinen Wanderstab lehnte, bevor ich einkaufen ging:

Hehe. Sehr gut, also weiter. Wieder an der großen Straße angekommen überraschte mich ein deutscher Pilger, der hochrot im Gesicht und so verschwitzt war, als ob er gerade aus der Sauna kommt und mich fragte, wo eigentlich der Jakobsweg ist, da er sich verlaufen hatte. Ich wies ihm den Weg: Um zur Hauptroute zu kommen, musste man nämlich der Seitenstraße folgen, in der das kleine Café lag – dort war ich vor einer Stunde ja noch und hatte auch die gelben Pfeile gesehen. Er nickte kurz zum Dank und setzte sich mit einem entschlossenen Blick wieder in Bewegung.

 

Ich folgte weiter meiner „Alternativroute“ und stand nun direkt vor den Ruinen eines römischen Aquädukts. Das war wirklich beeindruckend! Riesige Pfeiler ragten in den Himmel und stützten hier und da noch die Reste der ehemaligen Wasserführung. Also hat die Aktion ja doch etwas Gutes: Wenn ich diesen Umweg nicht gewählt hätte, wäre mir dieser toller Anblick wohl verborgen geblieben. Aus einem der schönen Einfamilienhäuser links von mir drangen laute Musik und Gelächter herüber, der Eingangsbereich und die Fassade waren bunt geschmückt; offensichtlich fand da gerade eine Einweihungsfeier statt. Muss auch nicht schlecht sein, wenn man jeden Morgen bei einem Tässchen Tee auf ein so ein riesiges antikes Relikt schauen kann.

Doch nach weiteren fünf oder zehn Minuten hatte ich leider ein Problem. Nahe einer der Säulen des Monuments setze ich mich auf die Wiese in den Schatten und musste für ein Weilchen erstmal tief durchatmen. Oh man, ich schaffe es nicht, dachte ich mir. Vielleicht war der kurze Umweg zu der Kirche doch ein Fehler. Ich hatte wirklich das Gefühl, dass ich einfach nicht weiter komme und zu erschöpft bin. Es war so heiß und schwül, der Rucksack fühlte sich mit jedem Meter schwerer an und überhaupt war doch alles einfach nur noch kacke. Ich war verzweifelt: Zum zweiten Mal an diesem Tag war ich körperlich und mental wirklich an meinen Grenzen, wahrscheinlich eher darüber hinaus. Ich sehe die Straßenbahnen hin und her fahren und denke an die Möglichkeit, einfach abzukürzen, direkt in Povoa de Vazim auszusteigen, ins Hostel zu laufen und sofort ins Bett zu fallen. Warum noch weiter quälen und darauf warten, dass ich einen richtig ernsten Hitzeschlag bekomme? Mann, in einer halben Stünde könnte ich schon da sein. Doch nach ein paar Sekunden verwerfe ich den Gedanken: Das wäre irgendwie einfach nicht richtig, hier auf dem Camino. Aber hey, ich gehe doch nicht den Jakobsweg, um anschließend die Bahn zu nehmen, wenn es mir zu anstrengend wird! Ich bin ja nicht hierher gekommen, um den Weg des geringsten Widerstands zu suchen. Noch habe ich soviel Kraft, meine Schnupfdose aus eigener Kraft zu öffnen und wieder zu schließen, also werde ich doch sicher auch noch weiter laufen können! Kurz überlege ich, ob das nicht doch eher etwas lebensmüde ist. Aber wenn ich langsam & easy weiter mache und meinen Körper schrittweise an die Belastung heranführe, kann doch eigentlich nichts sonderlich Schlimmes passieren. Oder? Die Idee, hier irgendwo meine Hängematte aufzuschlagen, kommt mir plötzlich auch eher dämlich vor. Also bleibt zunächst nichts anderes übrig, als es einfach weiter zu versuchen, so gut wie es eben geht.

Da fällt mir ein, dass ich ja schon seit einer ganzen Weile schon keine Musik mehr gehört habe; mit John Lee`s Wandering Blues sieht die Welt doch gleich ganz anders aus: Wie gewohnt tappt er beim Spielen mit seinen Schuhen auf dem Boden, hämmert einen eingängigen Riff auf seiner Gitarre und sing sich sofort direkt ins Herz – außerdem gibt er den perfekten Laufrhythmus vor. Also: Immer geschmeidig und ruhig nach vorne wuchten, denn jetzt kommt es noch weniger als sonst auf Geschwindigkeit an.

Und tatsächlich, nach ein paar weiteren, sich quälend in die Länge ziehenden hundert Metern: Obwohl es mir zum zweiten Mal vorhin mies ging, habe ich jetzt das Gefühl, dass es mit jedem Schritt immer ein bisschen geht – fast so, als ob sich mein Körper nun doch wohl oder übel bereit erklärt, weitere Energiereserven freizugeben. Ich kann mein Tempo leicht erhöhen, bis ich nach einem weiteren Kilometer einen Blick über die Schulter werfe und ein triumphierendes „Ha, haha!“ von mir gebe: Das Fleckchen Wiese, auf dem ich vorhin noch kauerte, sieht von hier aus nur noch ganz klein aus. Es geht vorwärts – ich bin stolz! Ein Opa läuft an mir vorbei und schaut fragend. Ich grinse breit und denke nur: „Alter, guck, ich bin bald in Povoa de Vazim, was sagste dazu? Das ist überhaupt kein Ding!“ Die nächste Straßenbahnhaltestelle lasse ich links liegen, konnte mir aber ein fröhliches Grunzen nicht verkneifen. Straßenbahn – pah!

Warum es mir so plötzlich besser geht, verstehe ich auch nicht ganz. Aber was es auch ist – es möge bitte so bleiben. In den wenigen Momenten, in denen sich mein Handy nicht aufhängt und ein GPS-Signal bekommt, kann ich einen Blick auf die noch zu bestreitende Distanz erhaschen; zudem zeigen mehrere kleine, blaue Dreiecke den Verlauf meiner heutigen Route an: Ein wildes Hin und her.

So unsexy die ganzen Fabriken links und rechts neben dieser staubigen Straße auch sind, so unerwartet bot sich mir ein weiterer Augenöffner: Es ging nun ganz leicht bergab, die meisten Industrieanlagen hatte ich hinter mir gelassen und man konnte nun die ersten Häuser Povoa de Vazims am Ende der Straße sehen! Es war vielleicht nicht die schönste Skyline aller Zeiten, aber irgendwie schon sehr imposant. Links neben der Straße stand ein großes rotes Etwas (ein Kunstwerk?).

Ich betrat die ersten Vororte, ließ ein paar Autohäuser und Wohnblocks hinter mir und musste mich nun durch die kleinen Seitenstraßen und Gassen zu meinem Hostel schlagen (welches sich natürlich am anderen Stadtrand befand). Leider gab mein dämliches Handy völlig den Geist auf und meine Minikarte brachte mich hier auch nicht weiter. Um eine lange Story kurz zu machen: Ich brauchte über eine Stunde, bis mich meine dampfenden Füße schließlich ans Ziel brachten: Einem kleinen, etwas herunter gekommenen Hotel, welches eingequetscht zwischen zwei Wohnblocks und ganz in der Nähe eines riesigen Casinos lag, nur ein paar hundert Meter von der Promenade entfernt. Vorher fragte ich in einem Friseursalon, einem Kiosk, einer Wäscherei und zuletzt einer Apotheke etappenweise nach dem Weg und war heilfroh, heute nicht mehr weiter herumirren zu müssen. Die Altstadt war wirklich sehr schön, sodass der letzte Kilometer insgesamt aber alles andere als reizlos war.

Als ich in das Foyer humpele, war ich überrascht: Hier drin sah es gar nicht mehr heruntergekommen aus, sondern vielmehr wie das Lesezimmer eines britischen Gentleman: Grünes Leder, dunkles Holz, gemütliche Sitzecken und eine kleine Bibliothek. Der Rezeptionist riss die Augen auf, als er mich sah und prüfte meinen Ausweis auf das Genaueste, bevor er mir die Zimmerkarte gab. Neben ihm stand sein pickliger Lehrling und starrte mich an. In den polierten Messingbeschlägen, die die Wand hinter dem Rezeptionstisch bedeckten, betrachtete ich mich kurz: In der Tat könnte ich jetzt eine Dusche gebrauchen, außerdem eine Mütze voll Schlaf und mehrere Infusionen. Nun war ich also angemeldet, ging ich in den Fahrstuhl (juhu!), fuhr in den vierten Stock, schnupperte in mein Zimmer herein und lies mich in voller Montur auf das weiche Bett fallen. Wahnsinn, ich habs geschafft! In Zeitlupe zog ich meinen rechten Schuh aus, nach ein paar Minuten auch den Linken. Mit dieser Geschwindigkeit ging es weiter, bis ich mich nach einer halben Stunde in die Dusche schwang und dort sehr, sehr lange unter dem kühlen Wasser stand. Welch unbeschreiblicher Luxus! Doch danach ging es noch weiter: Zwischen Dusche und Badspiegel hing ein kleiner Föhn an der Wand, ja, ein Föhn! Wahnsinn, seit Porto habe ich keinen mehr gesehen. Ich war so entzückt, dass ich schon meine Kamera holen wollte, um ein Bild davon zu machen. Dann dachte ich doch nochmal darüber nach und entschied mich dagegen. Vielmehr wunderte mich, dass offensichtlich jemand das Klo ganz vorne abgeklebt hatte:

Ist ja komisch. Das habe ich in Deutschland glaube ich noch nie gesehen. Aber warum nicht, ist eine nette Idee.

Ich wusch meine Wäsche, hängte den Kram kreuz und quer im Badezimmer auf, tütete mich in die letzten noch nicht zerknitterten Sachen ein und genoss den epischen Blick auf Piva de Vazim von meinem Hotelzimmer aus:

Wunderschön. So, jetzt würde sich doch noch ein kleiner Stadtbummel anbieten, außerdem brauche ich noch einige Dinge: Wasser, neue Blasenpflaster und Obst. Naja und ein gepflegtes Abendbrot, versteht sich! Zurück im Foyer sah mich der Rezeptionist kurz nachdenklich an: Offensichtlich erkannte er mich nicht gleich, so ausgeruht, in sauberen Sachen und ohne Strohhut! Ich nahm es ihm nicht übel.

Für ein Weilchen schlenderte ich durch die Gegend, schaute mal hier und dort, freute mich über die milde Abendluft und entspannte. In einer Einkaufsstraße waren in mehr oder weniger gleichmäßigen Abständen Lautsprecher an die Hauswänden angebracht, in vier oder fünf Metern Höhe, die gerade die Rolling Stones auf die Passanten rieselten. Eine tolle Stimmung – so muss das sein! Noch besser hätte die Atmosphäre wirklich nicht werden können.

In einem kleinen Tabakladen neben einem italienischen Restaurant fragte ich vorsichtig, ob hier vielleicht auch Schnupftabak angeboten wird. Es brauchte einige Anläufe, bis er mich verstand. Dann lachte er und deutete auf ein Geschäft direkt gegenüber, aus dem etwas komische Musik herüber schallte. Im Schaufenster lagen einige Wasserpfeifen und diverse Utensilien für den kleinen und großen Kiffer. Ich schaute den Sack missmutig und war ein wenig beleidigt; Junge, ich meinte Schnupftabak, kein Gras oder so einen Rotz! Das hat doch nicht das Geringste damit zu tun...ach egal. Sicherheitshalber schaute ich dennoch kurz in den Kiffertempel herein, doch wurde schnell enttäuscht. Was soll ich denn mit Hanf-Räucherstäbchen? Wie schon beschrieben – allerlei Utensilien für den gepflegten Rausch, für mich aber gänzlich uninteressant.

An dieser Stelle muss ich nun folgendes kundtun, entrüstet und zutiefst getroffen: Während meiner Streifzüge durch Portugal habe ich nicht ein einziges Geschäft gefunden, welches feinen Schnupf anbot! Alle Händler schauten mich mal unsicher, mal ablehnend, meistens jedoch fragen an, denn offensichtlich hat in diesem Land seit zig Jahrzehnten keiner mehr etwas von Schnupftabak gehört. Jawohl!

 

Um die angegriffenen Nerven wieder zu beruhigen, lief ich die schöne Straße, in der auch mein Hotel lag, in südlicher Richtung für ein paar hundert Meter herunter, bis zu einem kleinen Marktplatz, der mir schon auf dem Hinweg aufgefallen war. Hier hab es einen Supermarkt, in dem ich meine Besorgungen machte, sowie ein Restaurant auf der gegenüber liegenden Seite des Marktes. Im Schatten eines großen Baumes ergatterte ich einen freien Tisch, bestellte eine Blubberbrause und freute mich. Wer hätte gedacht, dass dieser verrückte Tag so schön ausgeht! Von Vila Cha über die Promenaden an den Strand, von dort mit meinen neuen Freunden bis Vila do Conde, mir dann in der irren Hitze die Birne weichgebraten und halb verzweifelt, einen kleinen Umweg eingeschlagen und bis nach Povoa de Varzim gerockt und nun zuletzt wohlbehalten und verpeilt grinsend hier, in der Altstadt.

Herrlich!

Nach einer Weile kam ich mit den Leutchen ins Gespräch, die um mich herum saßen. Ein echt netter älterer Herr, der sich als Besitzer des Restaurants herausstellte, setzte sich zu mir und nahm sich etwas Zeit, um mir ein paar Takte zur Geschichte seiner Stadt und zum Küstenweg zu erzählen. Glücklicherweise sprach er fließend englisch und beantwortete geduldig die ein oder andere naive Nachfrage meinerseits. So klärte er mich auch darüber auf, dass die Stühle, auf denen wir saßen, unmittelbar auf dem Küstenweg stünden, was mir vorher gar nicht aufgefallen war. Erst jetzt sah ich auch die gelben Pfeile, eine Informationstafel und die Bronzeskulptur eines Pilgers vor einer alt-ehrwürdigen Kirche; diesen Weg war ich während meiner Suche nach dem Hotel ja schonmal gegangen, war da offensichtlich aber so fix und alle, dass ich nichts mitbekommen habe. Da sagte der nette Wirt, dass ich wohl dringend eine Stärkung bräuchte, was ich nicht verneinen konnte. Es gäbe da ein tolles „Spezialgericht“, meinte er, was mich sicher wieder auf die Beine bringen würde. Mit viel Käse. Was, mit viel Käse? Das hätte ich gerne – keine Frage! Er stellte mir noch eine Brause vor die Nase und ging grinsend in die Küche. Kurz darauf wurde mir ein wahres Monstrum serviert, welches den hohen & breiten Teller weit überragte. Oh Gott, welcher Aufgabe muss ich mich nun wieder stellen? Vier Toastschreiben, dazwischen mehrere Fleischsorten, alles mit ordentlich Käse überbacken und zuletzt mit einer dicken Käsesoße überträufelt. Daneben stellte er einen Teller voller Pommes Frittes und ein Schälchen mit einem würzigen Dip. Der Wirt freute sich: „Du sagtest doch, dass Du hungrig wärest?“ Ja, stimmt. Ich dankte, sackte innerlich etwas zusammen: Das schaff‘ ich nie. Er setzte sich wieder mir gegenüber, wohl um erwartungsfroh meinen Fortschritt beim Essen zu begutachten. Also fing ich an zu spachteln und zu stopfen, während er munter weiter erzählte. Es war ein harter, erbarmungsloser Kampf, den das Käsemonstrum am Ende jedoch leider gewann. Mir war schon ganz flau im Magen, aber gut die Hälfte musste ich auf meinem Teller liegen lassen. Dafür futterte ich aber alle Pommes auf, denn ich hatte irgendwie Heißhunger auf etwas sehr salziges. Aus Nettigkeit bekam ich nun noch einen Bleikuchen, den ich auch noch verputzte. Wir unterhielten uns noch ein wenig, als hinter mir eine alte Frau aufstand, ihren offenbar schwerbehinderten Sohn vom Stuhl hochhob und langsam mit ihm die Straße runterlief. Die Sonne stand nun sehr tief und schien mir direkt entgegen, doch schemenhaft konnte ich erkennen, wie die Frau stehenblieb und offenbar nicht mehr weiter konnte – ihr Sohn war größer und auch um einiges schwerer als sie. Ich bat den Wirt, kurz auf meine Sachen aufzupassen und hupfte schnell über die Kreuzung und stützte den Mann, während sie sich dankend an eine Hauswand lehnte. Er war in der Tat sehr schwer und ließ sich leider nicht zum Gehen bewegen, sondern stand einfach nur steif und still da. Nur mithilfe einiger Passanten konnten wir ihn zum Hauseingang schieben, während seine Mutter die Tür öffnete und er dann doch langsam hinterher tippelte. Sie dankte sehr herzlich und ich lief wieder zurück zum Restaurant, zahlte und machte mich auf den Rückweg zum Hotel. Vorher entschied ich mich jedoch zu einem kleinen Schlenker über die Promenade, um so wenigstens noch ein bisschen mehr von dieser schönen Stadt zu sehen. Auch hier gab es allerlei herrliche Gebilde zu begucken (auch wenn ich nicht im Detail erkannte, was sie darstellen sollten):

Ich spürte nun jedoch ein seltsames Grummeln im Magen – das Spezialgericht war zwar lecker, kam aber offensichtlich nicht so gut an. Also nichts wie zurück zum Hotel, schnell! Zum Glück war dies jedoch das einzige Mal, dass ich leichte Magen-Darm-Problemchen auf der Reise hatte. Für einen Abschluss eines so verrückten Tages war das Abendbrot wohl etwas zu schwer; von diesem Tag an entschied ich mich für kleinere, dafür häufigere Mahlzeiten, insbesondere an so heißen Tagen.

Als ich endlich im Bett lag, konnte ich trotz einer jäh einsetzender Schnarchheit zunächst nicht sofort einschlafen. Alle Muskeln schmerzten, die vielen Eindrücke des Tages sausten mir durch den Kopf und die totale Stille & Dunkelheit standen in merkwürdigem Kontrast zum heute Erlebten: Kein Knirschen unter den Schuhen, keine Last auf den Schultern, auch kein Wind in den Ohren und niemandes Stimme oder das Geräusch eines knatternden Dieselmotors war zu hören. Mein Resümee: Ich war insgesamt schon recht stolz, alles soweit gemeistert zu haben, außerdem habe ich einiges über mich dazu gelernt! Am Ende wird doch alles irgendwie immer gut – auch, wenn man sich selbst in eine blöde Lage gebracht hat. Natürlich muss ich auch wieder an das denken, was Pilgerschwester Steffi am ersten Tag zu mir sagte.

Aber jetzt erstmal nur noch Ruhe, Stille und Coolheit, nur noch... *Schnarch*

 

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