Tag 2

Wow, was für eine sinnlose Aktion. Eher würde ich einer Kuh das Tauchen beibringen, als es zu schaffen, hier mal für ein Stündchen ein Nickerchen zu halten. Immer, wenn sich der Typ im unteren Bett schwungvoll auf die andere Seite warf, hüpft meine Matratze leicht nach oben, begleitet von einem lauten Knarzen und Rattern. Sein Kumpel im Bett gegenüber war offensichtlich ziemlich erkältet und wollte nun die anderen Gäste an dieser Erfahrung teilhaben lassen: Wie ein Berserker hustete er in die Nacht, nur unterbrochen von mitleiderregendem Schniefen.

Ich schaute nach links aus dem Fenster und sah Porto in leichten Nebel gehüllt. Die Sonne ging gerade erst auf – also noch viel zu früh! Ein paar Minuten versuchte ich vergeblich ein wenig zu schlummern, doch das hatte hier wenig Sinn. Als ich noch auf der Treppe des Doppelstockbettes stand, bemerkte ich, dass der Schnarcher im Bett unter mir (ein Kerl in meinem Alter) einen kleinen Teddybären beim Schlafen umarmte. Sein Kumpel im Bett gegenüber lag, die Arme und Beine weit ausgestreckt, irgendwo in der zerwühlten Bettwäsche und knarzte gleichermaßen dröhnend in sein Kopfkissen. Im Bett darüber lag ein asiatisch aussehendes Mädchen auf dem Rücken und starrte mit weit aufgerissenen Augen auf die Zimmerdecke. Das sah ziemlich gruselig aus! Lebte sie noch? Doch, ja, sie atmete. Sie war scheinbar nachhaltig erschüttert von dieser kurzen & unruhigen Nacht und ignorierte mich völlig. Na egal.

Ich huschte aus dem Zimmer und öffnete die Badezimmertür am Ende des kleinen Flures. Beim Anblick des Raumes verging mir zunächst die Lust auf das Frühstück; jemand hatte offensichtlich in der Nacht versucht, das Set eines Katastrophenfilmes nachzustellen. Ich ging also lieber eine Etage tiefer. Das anschließende Frühstück neben der Küche im Erdgeschoss war etwas karg aber ok. Viele Gäste des Hostels waren junge spanische Touris, die die Stadt erkunden und shoppen wollten. Drei Frauen saßen neben mir am breiten Tisch und kreisten mit einem roten Stift auf einer kleinen Karte jene Orte ein, die heute für sie auf dem Plan standen. Mit dem sehr starken Kaffee kamen meine Lebensgeister langsam wieder zurück. Kurze Zeit später lief ich die Treppen zurück nach oben und zurück in mein Zimmer, um meinen Rucksack zu packen und dann zu starten! Die Mischung aus mangelndem Sauerstoff und dem Geruch alter Socken und trieb mir fast die Tränen in die Augen. Dennoch herrschte hier bereits Betrieb: Der Schnarcher packte seine Sachen (sein Teddy war bereits verschwunden), der Huster hackte auf seinem Smartphone rum und die Asiatin schminkte sich ausgiebig. Mehrere Schichten von Salben und diversen Pasten wurden aufgeschmiert, bis ihre Haut seltsam glänzte. Irgendwann, mit dem Ergebnis offensichtlich zufrieden, warf sie ihre Schminksachen in eine kleine Tasche und ging in den Frühstückssaal, ohne den Schnarcher, den Huster oder mich eines Blickes zu würdigen. Ich versuchte derweil meinen Rucksack möglichst sinnvoll zu packen, um die Sachen, die ich häufig brauchen würde (Geld, Karten, Knabberkram, Pilgerausweis und natürlich den Pilgerblock) möglichst oben zu finden. Alles bereit! Auf die Schultern wuchten, Gurte festziehen, nett lächeln und loslaufen! An der Rezeption gab ich den Schlüssel ab, ging hinaus auf die Straße und lief los in Richtung Westen. Jippie, ick freu mir! Nur das Gefühl nicht zu wissen, wo man heute Nacht wohl unterkommen wird, war sehr ungewohnt. Schnell kaufte ich mir noch einen original portugiesischen Strohhut…

… und war nach wenigen Minuten schon auf der Promenade, hinter mir die berühmte Brücke Ponte Dom Luís I. Von jetzt an musste ich für die nächsten Tage eigentlich nur nach Norden am Strand entlang laufen, bevor der Hauptweg ab der Küstenstadt Vila de Conde weiter ins Landesinnere führte. Alternativ könnte man natürlich auch auf dem Küstenweg bleiben, der allerdings von vergleichsweise wenigen Pilgern genutzt wurde – wer also eher die Einsamkeit sucht, sollte diese Route wählen. Ich fühlte mich bei diesem Gedanken jedoch nicht ganz so wohl und entschied mich schon während der Reisevorbereitung für den Hauptweg. Apropos Pilgerweg: Ich habe ständig von „folgen sie den gelben Pfeilen“ gelesen / gehört. Wo sind jetzt eigentlich die gelben Pfeile? Bis jetzt hatte ich noch keine gesehen. Sicherheitshalber warf ich noch einen prüfenden Blick auf die Karte … ich war richtig, müsste eigentlich stimmen. Ich lief mittlerweile über eine kleine Brücke mit ziemlich viel Verkehr und inhalierte meine erste Portion Dieseldreck auf dem Jakobsweg. Wieder auf der Promenade angekommen sah ich einen Hubschrauberlandeplatz auf einer kleinen im Wasser schwimmenden Plattform. Das muss echt Spaß machen so ein Ding zu fliegen.

Egal – ich setzte mich wieder in Bewegung, machte hin und wieder Fotos von kleinen Kirchen, schönen Villen und der tollen Umgebung, bis ich unter einer weiteren großen Brücke zwei nette Einheimische fragte, ob das auch WIRKLICH der richtige Weg ist (sicher ist sicher!). Sie tauschten sich kurz angeregt auf portugiesisch aus; auch wenn ich die Sprache nicht verstand, konnte ich mir im Nachhinein dennoch sehr gut vorstellen, wie das Gespräch ablief:

„Ist doch ganz klar, er muss nach rechts.“, sagte der Mann mit Schnurrbart.

„Quatsch doch nicht, der Jakobsweg ist da links irgendwo!“, krächzte sein schnurrbartloser Gegenüber.

„Nein man, rechts, da hinten laufen doch auch Pilger.“

„Ach, das sind doch Touristen, die wollen nur an den Strand!“

„Naja…trotzdem rechts!“

Noch eine Weile diskutierten sie miteinander, einigten sich schließlich und zeigten triumphierend nach rechts – glücklicherweise in jene Richtung, in die ich bereits unterwegs war. Ich bedankte mich, lief weiter und erreichte schon bald einen großen Park neben einer von riesigen Palmen gesäumten Straße.

Egal – ich setzte mich wieder in Bewegung, machte hin und wieder Fotos von kleinen Kirchen, schönen Villen und der tollen Umgebung…

…, bis ich unter einer weiteren großen Brücke zwei nette Einheimische fragte, ob das auch WIRKLICH der richtige Weg ist (sicher ist sicher!). Sie tauschten sich kurz angeregt auf portugiesisch aus; auch wenn ich die Sprache nicht verstand, konnte ich mir im Nachhinein dennoch sehr gut vorstellen, wie das Gespräch ablief:

„Ist doch ganz klar, er muss nach rechts.“, sagte der Mann mit Schnurrbart.

„Quatsch doch nicht, der Jakobsweg ist da links irgendwo!“, krächzte sein schnurrbartloser Gegenüber.

„Nein man, rechts, da hinten laufen doch auch Pilger.“

„Ach, das sind doch Touristen, die wollen nur an den Strand!“

„Naja…trotzdem rechts!“

Noch eine Weile diskutierten sie miteinander, einigten sich schließlich und zeigten triumphierend nach rechts – glücklicherweise in jene Richtung, in die ich bereits unterwegs war. Ich bedankte mich, lief weiter und erreichte schon bald einen großen Park neben einer von riesigen Palmen gesäumten Straße.

Eine Gruppe von Gärtnern stutzte gerade die Pflanzen; Äste und Gestrüpp landen in einem Container. Da kam mir eine Idee! Ich warf einen prüfenden Blick auf die verschiedenen großen und kleinen Äste und suchte mir einen passenden Wanderstab heraus! Der war zwar etwas krumm und sah eher etwas aus wie ein Langbogen, aber ich war zufrieden. Für die nächsten Tage sah so mein Schatten aus: 

Ich war gut drauf! In der Mitte des Parks befand sich ein kleines Café, in dem ich mir ein Eis kaufte und fröhlich weiter der Straße nach Norden folgte, das Meer immer auf der linken Seite. Die Sonne stand hoch am Himmel und brannte trotz der frischen Seebrise mächtig auf der Haut. Oh Mann! Ich hatte ja eigentlich an alles gedacht, nur die Sonnencreme vergessen: Die musste ich mir also gleich irgendwo besorgen. Ich kam auf einen langgezogenen Parkabschnitt neben der Strandpromenade, auf der eine sehr schöne, an Portugals Seefahrtradition erinnernde Skulptur stand. Hier hielt ich kurz an, setzte mich auf eine Bank und klebte zum ersten (aber nicht zum letzten!) Mal auf dieser Reise meine Zehen mit Hansaplast ab. Ein paar rote Stellen waren schon auf meinen großen Zehen zu sehen. Oh oh! Nach einem kurzen Blick auf meine Karte war ich ziemlich überrascht, dass ich schon fast acht Kilometer gelaufen war. Eigentlich bin ich meistens eher der Typ, der auch den Weg zum Bäcker mit dem Auto fährt (mein Bäcker ist auf der anderen Straßenseite!). Gemessen daran war das doch heute schon echt ordentlich, auch wenn mich bisher alle anderen Pilger recht schnell überholten. Egal, Rucksack wieder auf den Rücken wuchten und weiter geht‘s. Hinter dem Park bog ich nach rechts in eine Seitenstraße und sah auch sofort eine kleine Apotheke – leicht erkennbar an der grün blinkenden Leuchttafel. In dem winzigen Laden – kaum größer als meine erste Studenten-WG – war es angenehm kühl, ein kleines Aquarium im Fenster blubberte friedlich vor sich hin. Baff war ich über die Preise von Sonnencreme: Für ein kleines Fläschchen, kleiner als mein Schnupftabakbeutel...

..., bezahlte man fast 10 €! Was solls, hier sollte ich vielleicht nicht sparen. Nachdem ich mir das Zeug eifrig über Beine, Arme und Gesicht geschmiert hatte, tanzte ich zurück auf die Promenade und von dort aus weiter am Wasser entlang nach Norden. Immer weniger Menschen waren auf den Straßen zu sehen, auch die Bebauung rechts von mir nahm ab. Dafür tauchten immer mehr scharfe, zackige Felsen aus dem Wasser auf, die an einigen Stellen zu großen Riffs zusammen führten. Das ganze sah wirklich eindrucksvoll aus und die tosende Brandung lieferte den passenden Soundtrack. Unabhängig davon hatte ich insbesondere an diesem Tag aber einen ganz anderen Song im Ohr: Find the river von REM. Die Band fand ich schon immer klasse, aber noch nie habe ich sie so oft und intensiv gehört wie auf dem Jakobsweg. Etwas in ihrer Musik in Verbindung mit diesem noch so fremden Ort erzeugte in mir eine ganz besondere Stimmung.

Kurz vor Mittag setzte ich mich für eine Weile an den Rand einer kleinen Bucht, ließ meine Beine ins Wasser baumeln und lauschte dem Meer ...

Ich war schon leicht am wegdösen, als mir eine Welle über die Beine schwappte und damit signalisierte, dass nun offensichtlich die Flut einsetzte. Nett! So trabte ich wieder los und lernte nach wenigen Kilometern vier deutsche Pilger kennen, die gerade von einem tiefer gelegenen Strandweg zurück auf die große Promenade liefen. Schnell kamen wir ins Gespräch und gingen von da an zusammen weiter. In einer ziemlich großen Touristeninformation mit angrenzendem Museum erspähten wir einen großen gelben Pfeil mit den Worten STAMPS HERE. Stimmt, das hatte ich ja total vergessen: Die Stempel für meinen Pilgerausweis! Von den beiden Mitarbeiterinnen bekam ich also an diesem Nachmittag meinen ersten Stempel, eine Karte des Örtchens in der Nähe (brauchte ich eigentlich nicht wirklich, wir gingen ja gleich weiter) und ein keckes Grinsen mit auf den Weg. Fast hätte ich meinen Wanderstab vergessen – meine Schusseligkeit machte sich wieder bemerkbar! Oder war es nur Zeit für einen leckeren Hamburger und was zu trinken? Da wir alle bereits etwas platt waren, machten wir in einer Strandbar im nächsten Ort halt. Die drückende Hitze an diesem Strandabschnitt war kein großes Problem, da es ziemlich windig war und ich mir eine Limonade nach der anderen reinschüttete. Über zwei Stunden saßen wir dort, verputzten Burger und unterhielten uns. Für mich war es der erste intensive Austausch mit Pilgern und ich war von dem Gemeinschaftsgefühl begeistert – fast so, als ob man sich schon total lange kannte. Schon irre. Der Camino verbindet! Viele inspirierende und überaus wichtige Erfahrungen habe ich aus unseren gemeinsamen Stunden mitgenommen und bin immer noch sehr dankbar dafür. Viel diskutiert wurden außerdem die Vor- und Nachteile der verschiedenen Wanderschuhe, -socken und Einlegesohlen. Schnupftabak wurde herum gereicht, entspannt und viel zusammen gelacht.

Aufgeklärt wurde ich auch über die unschätzbar wichtigen Blasenpflaster, an die ich gar nicht gedacht hatte, von denen gleich jeweils eines über meine bereits etwas lädierten großen Zehen geklebt wurden.

Was ich auch nie vergessen werde, sind die Worte von Pilgerschwester Stephanie an diesem Tag: „Der Camino gibt Dir das, was Du brauchst. Was Du suchst, wirst Du auf dem Weg finden – auch wenn Du das jetzt noch nicht genau abschätzen kannst!“ Damals hatte ich ihre Worte zwar aufgenommen, sie aber noch gar nicht richtig verstanden. So ganz durchdrungen habe ich das vielleicht immer noch nicht. Aber das sie zweifelsfrei Recht hatte, durfte ich auf dem Weg feststellen ... dazu aber später mehr. Wir gingen weiter und in der nächsten Apotheke kaufte ich mir auch sofort meine eigene Packung Blasenpflaster (echt teuer, aber wirklich unverzichtbar!). Unser Weg machte von dort einen leichten Knick ins Landesinnere, führte uns an ein paar schnuckeligen Fischerhütten und kleinen, urigen Restaurants vorbei, weiter durch ein kleines Industriegebiet und anschließend über eine große Autobrücke wieder in Richtung Strand.

So langsam stellte sich bei mir eine ziemlich starke Erschöpfung ein: Heute war ich schon 18 km unterwegs und wusste noch gar nicht, wo ich eigentlich schlafen würde. Die Unterkunft meiner vier Begleiter (ein von einem Pilgerbruder betriebener Zeltplatz) war von hier aus noch sieben oder acht Kilometer entfernt und ich war mir sicher, dass ich das heute nicht schaffen würde. So ein Scheiß, wo sollte ich denn jetzt hin? Die letzte Pilgerherberge lag schon ein paar Kilometer zurück und die Nächste war eben jener Zeltplatz. Also musste ich mir ein Hostel oder etwas ähnliches dazwischen suchen; mithilfe einer App fanden wir zum Glück ein kleines Hostel in zwei Kilometer Entfernung und sicherten ein Zimmer. Das war wahrscheinlich auch etwas, was Steffi meinte: Es bringt nichts, sich ständig Sorgen und Gedanken über das Kommende zu machen - der Camino gibt Dir was Du brauchst. Natürlich hätte ich auch in der erstbesten Herberge hinter Porto ins Bett fallen können, aber ich wollte mit den Anderen mithalten und nicht gleich aufgeben! Der Rest des Weges war nicht ganz so easy, da ich ehrlich gesagt nur noch meine weichgelaufenen Füße hochlegen wollte und uns auf der weiten Promenade zudem ein sehr starker Wind entgegen & Sand in die Augen pustete. Aber die Aussicht war der absolute Wahnsinn.


Ab und zu sah ich hinter mich, begutachtete die Entfernung zum letzten Ort, der langsam aus dem Sichtfeld verschwand und freute mich über die zurückgelegte Distanz. Wenn ich im Hostel angekommen bin, habe ich heute 18 Kilometer geschafft. Jawohl!

Am Ende der Promenade, die von einem großen Leuchtturm flankiert wurde, befand sich vor einer steil abfallenden Klippe ein kleines Café, in dem wir eine weitere Pause einlegten. An der Hauswand waren mehrere Vogelkäfige befestigt, in denen buntes Fluggetier eifrig um die Wette piepste. Wir setzen uns auf bunte Plastikstühle um einen runden Tisch, aßen Eis, plauderten und tauschten die Erfahrungen des Tages aus. Die Anderen erzählten von der schönen Fahrt mit der historischen Eisenbahn in Porto, mit der sie die stark befahrenen ersten fünf Kilometer der Strecke abgekürzt hatten. Ich Peiler hatte diesen Tipp im Pilgerführer natürlich überlesen und ärgerte mich etwas über mich selbst! Die Dieselinhalationsaktion hätte ich mir also sparen können.

Jeder erzählte einiges aus seinem Leben, die Stimmung war mal heiter, mal etwas gedrückt – je nach Art der Geschichte, die mit der Runde geteilt wurde. Beim mürrischen Wirt bekamen wir einen weiteren Stempel für unseren Pilgerausweis und noch mehr Eis – viel Eis! Unter anderem kamen wir auch auf die Bücher zu sprechen, die wir für unsere Wanderung mitgenommen hatten. Um es genauer zu sagen: Jeder hatte sich um Gewicht zu sparen für ein Buch entschieden; Tablets oder eBook-Reader hatte ich während meiner Reise nicht gesehen. Alle Bücher waren durchweg recht abgegriffen und etwas mitgenommen – ein Zeichen dafür, dass sie einen Menschen schon über lange Zeit begleitet haben, oft gelesen und auf so mancher Reise bereits mitgenommen wurden. Das habe ich in den drei Wochen ständig erlebt; meistens waren es historische Romane oder Gedichtbände. Die Bibel hatte ich interessanterweise bei keinem Pilger gesehen. Bald kam mein Buch an die Reihe und … ja, es bedeutet mir in der Tat sehr viel. Es handelt sich um Folge Deinem Herzen solange Du lebst von Christian Jacque, einem berühmten französischen Ägyptologen, der uralte ägyptische Texte (Gedichte, Gebete, Inschriften auf Tempelwänden usw.) übersetzt und somit in unsere Zeit gerettet hat. Jacque hat unter anderem die Ramses-Reihe geschrieben, das Leben Ramses des Großen in fünf Romanen, welche ich in meiner Jugend geradezu verschlungen habe. Als ich ungefähr 16 war stieß ich auf Folge Deinem Herzen solange Du lebst, hatte es über die Jahre zigmal gelesen, mit Zetteln vollgeklebt und mir so manchen Vers eingeprägt:


Es ist auch jenes Buch, das ich meinem Vater im Krankenhaus zu lesen gab, bevor seine Krankheit letztendlich siegte. Irgendwie war es mir wichtig, auf dieser Reise darin lesen zu können und es einfach bei mir zu haben. Als ich so davon erzählte, nahm Pilgerschwester Steffi das Buch, schloss die Augen, ließ ein paar Seiten durch die Hände fahren, stoppte dann und hielt – die Augen noch geschlossen – ihren Zeigefinder auf ein Gedicht. Sie blickte wieder auf, las das Gedicht und lächelte breit.

„Ja, das beschreibt exakt mein Leben.“, sagte sie und gab mir das Buch zurück. Das war ein sehr schöner Moment. Welches Gedicht es war habe ich nie erfahren, aber eigentlich ist das auch nicht wichtig!

Wir bezahlten, halfen uns beim Aufsetzen der Rucksäcke und liefen in Richtung des nächsten Ortes, vorbei an einer großen Raffinerie. Wieso zum Geier baut man eigentlich eine Raffinerie direkt am Strand? Was solls, wir würden sie bald hinter uns lassen. Und tatsächlich dauerte es nicht lange, bis wir die ersten Häuser von Povoa De Vazim erreichten. Vorher jedoch wurden noch ein paar Bilder geschossen; unter anderem dieses hier, welches ich „Das dehydrierte Grinsgesicht“ nenne:

Auf Holzstegen, die über die Dühne führten, liefen wir weiter den gelben Pfeilen nach, bis wir Perafita erreichten. Eigentlich ist es nur eine breite Straße mit ein paar Häuschen links und rechts daneben.

Wir verabschiedeten uns (schön und traurig zugleich!), tauschten Nummern aus und hofften, dass wir uns auf der nächsten Etappe wieder trafen. So liefen die Drei weiter und winkten nochmal zum Abschied, während ich die letzten Schritte zum Hostel zurücklegte und schließlich vor einem kleinen Eckhaus stand.

Weit und breit war keiner zu sehen und alles wirkte so verschlafen und regelrecht einsam, dass ich sicherheitshalber die Adresse nochmal mit den auf meinem Handy gespeicherten Buchungsdaten verglich. Doch, hier war ich richtig. Ich klingelte, doch nichts passierte. Klopfte ein paar Mal, wieder nichts. Ich schlurfe zur anderen Seite des Hauses und klopfe etwas verzweifelt gegen eine Scheibe, als wie aus dem Nichts das Gesicht einer alten Frau hinter dem Fenster auftaucht und mich mit großen Augen anblickt. Klar sah ich in diesem Moment noch wunderlicher aus als ohnehin: Verschwitzt, fix und alle, mit einem krummen Wanderstab in der Hand und einem vermutlich flehenden Ausdruck in den Augen. Sie fragte mich etwas auf Portugiesisch, ich sie auf Englisch und wir verstanden beide kein Wort voneinander. Mit Händen und Füßen machte ich mein Anliegen verständlich, sie grinste und ließ mich ins Haus.

Drinnen war es angenehm kühl; ich nahm meinen Hut ab und präsentierte meine in sämtliche Himmelsrichtungen abstehenden Haare. Ihr Mann saß hinter einem kleinen Tresen und wirkte so altehrwürdig und eindrucksvoll wie Gandalf: Uralt und braun gebrannt, mit einer tiefen, rasselnden Stimme, klugen und freundlichen Augen, sowie einem verschmitzten Lächeln auf den Lippen. Ein Original! Er sprach ein paar Brocken Englisch und reichte mir die Schlüssel zu einem Zimmer im oberen Stockwerk. Ein Bett und ein kleines Badezimmer – ein nicht zu beschreibender Luxus! Ich bedankte mich mehrmals auf Portugiesisch und Englisch, um ganz sicher zu gehen noch auf Deutsch, ging auf mein Zimmer und stellte den Rucksack in die Ecke, den Wanderstab daneben. Wie ein nasser Sack warf ich mich auf das Bett und lag dort für eine Weile, friedlich transpirierend. Heute Abend musste ich nichts anderes mehr machen als atmen und zwischendurch gähnen. Oh war das schön! Nach einer gefühlten Ewigkeit stand ich in Zeitlupe auf, ging ins Bad und blieb wie angewurzelt stehen. Was war das denn?

Mitten im Raum stand ein Hightech-Dings das aussah, als ob es vom Set eines Science Fiction Films stammte. Das war die Dusche? Wow! Ich musterte das Bedienfeld für eine Weile (jawohl, eine Dusche mit BEDIENFELD!) und drückte dann wahllos alle Knöpfe. Das Radio ging an, blaues LED-Licht leuchtete auf und die eingebaute Lüftung prustete los. Nicht schlecht, jetzt fehlte nur noch das Wasser. Ich drückte ein paar weitere Knöpfe. Jetzt leuchtete das Licht rot und andere Musik war zu hören, doch es kam einfach kein Wasser. Die würden ja wohl kaum eine Raumfahrtdusche hier aufgebaut und dann den Wasseranschluss vergessen haben! Da bemerkte ich, dass jemand die beiden Knöpfe für Wasser an/aus und die Massagedüsen offensichtlich überklebt hatte; ganz altmodisch musste hier noch mit einem Wasserhahn gearbeitet werden! Wie ein Maserati mit Trabimotor sozusagen. Funktionierte aber super und so stand ich für gefühlt Stunden unter dem lauwarmen Wasser und summte vor mich hin. Anschließend wusch ich in aller Ruhe meine Sachen, hing den Kram zum Trocknen auf und begab mich auf Nahrungssuche. In einem kleinen Restaurant bestellte ich das Einzige von der Speisekarte, was ich lesen konnte (der Wirt war zwar sehr freundlich, sprach aber leider kein Englisch): Fish & Chips. Vielleicht nicht gerade ein typisch portugiesisches Mahl (vom Wein mal abgesehen), aber ich war dankbar, mir für wenig Geld den Bauch vollschlagen zu können. Die Sonne ging langsam unter und auf dem Weg zurück zum Hostel machte ich noch ein Bild von der Bucht, die direkt vor der Haustür lag:

Herrlich auch der Blick von meinem Schlafzimmerfenster:

Das muss schon irre sein, dachte ich, wenn man jeden Tag aufstehen und einen solchen Ausblick genießen kann. Zurück in meinem Zimmer genoss ich noch eine Weile den Soundtrack des rauschenden Meeres und der meckernden Möwen, bevor ich mich schlafen legte. Ganz ehrlich: Noch besser hätte der erste Tag ja wohl kaum laufen können! Ich hatte eine für mich, den ungeübten Wanderanfänger, ordentliche Distanz zurückgelegt, tolle Menschen kennengelernt, schöne Orte gesehen und viel Sonne getankt. Das mit der Sonne hatte zwar auch seine Schattenseiten (haha, Wortwitz), da ich mir mächtig die Waden verbrannt hatte.

Aber das war völlig egal: Ich war glücklich!

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