Tag 17

Machen wir es kurz: Die Nacht war weder erholsam noch kurz. Eigentlich hätte ich genauso gut irgendwo in Santiago Party machen können, denn in diesem 3-Bett-Zimmer war an Schlaf nicht zu denken. Ich war vor Erschöpfung am Abend zuvor direkt eingeschlafen, ohne groß zu registrieren, wer noch mit mir im Raum war. Da gab es erstens eine dem Aussehen nach 80 Jährige Dame, an der die Hochphase der Hippie-Bewegung wohl nicht spurlos vorüber gegangen war, da sie zig bunte Tücher um den Kopf und bemerkenswert viele Holzketten um den Hals und ihre Handgelenke trug und stark nach Cannabis roch. Die röchelte friedlich im Schlaf und störte nicht weiter. Der Vogel jedoch, der im Doppelbett über mir lag, machte mich komplett wahnsinnig. Alle zehn Sekunden schmiss er sich im Bett umher, schlug scheinbar um sich und redete laut irgendeinen Scheiß, den ich nicht verstand. Am liebsten hätte ich von unten mit voller Wucht gegen sein Bettgestell getreten, doch ich war einfach zu müde. Sei des Arsches, dachte ich mir! Mehrmals nickte ich wieder ein, nur um wieder hochzuschrecken, weil der Typ wild umher zappelte. So verbrachte ich die Nacht, sozusagen in einem gereizt-nervösen Dämmerzustand, bis es langsam draußen wieder hell wurde. Im schwachen Licht konnte ich sehen, dass auf seiner Tasche ein Buch lag und erkannte den Titel: Es war die englische Ausgabe von Hape Kerkelings Ich bin dann mal weg. Komisch, es war das erste Mal, dass ich es bei jemanden auf dem Jakobsweg sah. Wie dem auch sei, wenig später packte ich meine Sachen, warf dem Zappelsack einen vernichtenden Blick zu und betrachte das verregnete Santiago.

Selbst bei diesem düsteren Wetter hatte die Stadt etwas einmaliges, ich kann es nicht genau erklären. Es ist einfach schön hier, um es mal auf den Punkt zu bringen! Im Ranking meiner Lieblingsstädte kommt, nach Leipzig und Valenca natürlich, ohne Zweifel Santiago. Concetta, Andrea, Pastor Matt und ich hatten uns für um neun an diesem Morgen zu einem leckeren Frühstück ganz in der Nähe verabredet und wollten anschließend einfach zusammen ein wenig durch die Stadt schlendern, um anschließend den Pilgergottesdienst in der Kathedrale zu besuchen. Alle drei hatten gestern schon daran teilgenommen (es gab einen weiteren Gottesdienst am frühen Abend), für mich jedoch wäre es das erste Mal. Außerdem müsste ich heute ja auch noch meine Pilgerurkunde abholen! In einer Straße unweit des Platzes vor der Kathedrale befand sich das Büro, indem man seinen Pilgerausweis vorlegte und anschließend zwei Urkunden mitnehmen durfte. Schräg gegenüber trafen wir uns in einem Café, welches leckersten Santiago-Kuchen und frischen Kaffee anbot. Hatte ich den sagenhaften, einmaligen Santiago-Kuchen eigentlich schon erwähnt? Das Beste, was ich je gegessen habe! Lockerer Teig mit grob zerstoßenen Mandeln, darüber Puderzucker. Eine Ecke getaucht in heißen Kaffee und man wird ohnmächtig vor Verzückung – zumindest ging es mir so. Wir vertilgten eine Köstlichkeit nach der anderen und plauderten ausgelassen, während langsam die Sonne rauskam und mehr und mehr Leute in Richtung des Büros für eingetroffene Pilger schlenderten.

Concetta und Pastor Matt hatten ihre Urkunden bereits abgeholt, daher warteten sie auf Andrea und mich, während wir uns in den nicht abreißenden Strom von Pilgern einreihten. Sie mussten eine ganze Weile warten! Das Gebäude war eigentlich viel zu klein für die Massen von Leuten, die von allen Jakobswegen herkamen und hier auf die Erstellung und Ausgabe der Urkunden warteten. Um etwas Ordnung zu schaffen, gab es einen Bildschirm vor dem Empfangsraum, der jeden in der Warteschlange einen Tisch mit einem „Bearbeiter“ zuwies – fast wie auf dem Amt.

Im Hof des Gebäudes gab es mehrere Ständer, in denen man seine Wanderstäbe abstellen konnte. Sie quollen förmlich über und es wird den ein oder anderen gegeben haben, der seinen Stab gar nicht wieder mitgenommen hat. Als ich an der Reihe war, wurde mein Pilgerausweis von einer netten Frau auf das Genauste geprüft und im letzten noch verbliebenen Kästchen abgestempelt. Der letzte Stempel meiner ersten Reise auf dem Jakobsweg zeigt die Kathedrale von Santiago und machte mich sehr stolz – ich war tatsächlich angekommen! Trotz all der kleinen und großen Katastrophen war ich nicht umgekehrt und hatte letztlich mehr geschafft, als ich mir anfangs zugetraut hatte. Lächelnd und mit geschwungener Handschrift schrieb sie meinen lateinischen Namen auf beide Pilgerurkunden  - Franciscum - und überreichte sie mir in einer roten Rolle aus Pappe, damit sie während des Transports nicht so leicht zerknicken. Für jene, die auch die Anzahl der Kilometer ausweiste, die man gelaufen war, musste man fünf Euro extra bezahlen. Darüber hinaus gab es hier auch noch eine Vielzahl von Anhängern, Ketten und Buttons, die man für kleine Münze mitnehmen konnte, was ich natürlich tat. Andrea und ich hatten Tränen in den Augen vor lauter Freude, nun „offiziell“ unsere große Reise abgeschlossen zu haben.

Auch heute noch bewahre ich meinen alten Pilgerausweis und meine –urkunden in einem Bilderrahmen hinter Glas auf:

Ich wollte schon wieder nach draußen stürmen, als mich Andrea festhielt und auf ein Schild deutete. Dort stand sinngemäß, dass in der oberen Etage des Gebäudes Abordnungen aus allen möglichen Ländern die Pilger offiziell in Empfang nehmen würden. Da gab es eine deutsche, italienische, japanische und französische Gruppe, sowie…

„Hey Franta, hier ist die englischsprachige Gruppe – ein irischer Orden! Lass uns da hin gehen.“

Da die deutschen Empfangsexperten nirgends zu sehen waren, folgte ich Andrea und betrat einen gemütlich eingerichteten Raum, ausgestattet mit Bänken, Stühlen und Tischen, sowie einem gurgelnden Kaffeekocher. Eine kleine, gutmütig aussehende Frau verabschiedete sich gerade von einer blonden Pilgerin, die soeben ihren Rucksack wieder aufsetzte und einen freudig-gelösten Eindruck machte. Dann wandte sie sich uns zu, nahm unsere Hand und schaute uns dabei tief in die Augen.

„Willkommen, willkommen. Ich bin Sister Marion. Wie heißt ihr?“

Nachdem wir uns vorgestellt hatten, setzten wir uns ihr gegenüber und bekamen jeder eine dampfende Tasse Kaffee in die Hand.

„Was führt euch zu mir?“ Sie sah uns aus ihren tiefblauen, freundlichen Augen an und strahlte. 

„Also … wir … hm …“, setzte ich kompetent an.

Andrea übernahm das Ruder.

„Wir wollten gerne das Angebot nutzen und mit ihnen über unsere Reise sprechen. Sie haben bestimmt schon so viele Pilger getroffen und können uns vielleicht helfen, einige unserer Beobachtungen und Ereignisse richtig zu bewerten. Manches davon war eher … ungewöhnlich.“ 

„Oh ja! Das mache ich sehr gerne. Es stimmt, ich habe einiges gehört während meiner Zeit hier. Erzählen Sie mir davon, ich höre Ihnen gerne zu.“  Es lag soviel Güte, Ruhe und Anteilnahme in ihren Augen, dass keiner von uns zögerte, unser Herz auszuschütten und von uns, unserem Leben und der Reise auf dem Camino zu erzählen. Sie stellte viele interessierte Nachfragen, nickte an der einen oder anderen Stelle bedeutungsvoll und half auch mir, meinen katastrophalen Tag in Rubiaes besser einzuordnen. In der Konsequenz war jener Tag alles andere als eine Katastrophe. Das Gespräch half mir, aus einem anderen ganz Blickwinkel daraus zu schauen. Hatte ich damals nicht auch ein großes Geschenk erhalten – also nicht nur, dass ich mit heiler Haut davon gekommen war? Es gibt sicher nicht viele Menschen, die einem das Gefühl vermitteln können, dass auch in jeder noch so aussichtslosen Situation etwas Positives und Schönes zu finden ist. Sister Marion gehörte zu diesen Menschen.

Eine gute Stunde später gingen wir mit leichtem Herz zu Pastor Matt und Concetta zurück, nachdem wir von Sister Marion zum Abschied umarmt wurden. Was für ein Tag! Beim Hinausgehen schoss ich ein Foto, das zu meinen absoluten Lieblingsbildern gehört:

Doch es sollte noch besser kommen, denn nun stand der offizielle Pilgergottesdienst auf dem Plan! Durch den Seiteneingang gelangten wir in die Kathedrale und suchten uns eine Bank möglichst weit vorne aus, um einen guten Blick auf den Altar zu bekommen. Mehr und mehr füllte sich das riesige Gotteshaus und es herrschte ein großes Durcheinander. Aus den Augenwinkeln konnte ich sehen, dass der Typ, der sich am Tag zuvor noch über den PEREGRINO 3000 lustig gemacht hatte, nun auch eintrat und genauso demütig und dankbar aussah wie alle anderen. Ich konnte mir nicht helfen – in diesem Moment war ich sogar auf ihn gar nicht mehr sauer, es war kein finsterer Gedanke mehr in mir. Wir saßen auf unserer Bank und konnten gar nicht so richtig fassen, dass wir jetzt hier saßen, an einem Ort, der vielleicht wie kein zweiter für Ankommen steht und keine weitere Etappe, kein endloser Tagesmarsch mehr vor uns lag – zumindest nicht mehr in jenem Jahr! Wir alle hatten das Gefühl, zusammen etwas Großes geleistet zu haben. Als der Bischof mit seiner Predigt anfing und der erste Weihrauch verbrannt wurde, heulten wir wie die Blöden und fassten uns an den Händen. Was waren wir glücklich! Von seinen Worten verstanden wir eh nichts, doch es klang einfach so schön. Eine Nonne mit wunderschöner, geradezu perfekter Stimme sang ein Kirchenlied und in kürzester Zeit wurde im Stereosound um uns herum geschnäuzt und geschnieft. Noch nie habe ich so viele Menschen vor Verzückung weinen sehen. Es wurden die Herkunftsländer der Pilger verlesen und von Australien bis Kanada war fast alles dabei.

Übrigens fand am folgenden Tag auch ein deutscher Gottesdienst für angekommene Pilger statt, den ich auch besuchte. Dieser Pilgergottesdienst jedoch war für mich eine große Enttäuschung. Alle schauten betreten und mit gedrückter Miene zu Boden, einige weinten still vor sich hin und murmelten zusammen mit dem Priester irgendwas auf Latein, was ich nicht verstand. Da konnte ich mir einfach nicht helfen und dachte: Eh Leute, ihr seid gerade den Jakobsweg gelaufen! Ihr seid gesund und munter angekommen! Kann man sich da nicht wenigstens ein bisschen darüber freuen? Wem nützt diese depressive Stimmung? Mann! Der Rest jener Predigt, die auf Deutsch gehalten wurde, inspirierte mich auch recht wenig. Es war eine eher knapp gehaltene, irgendwie belanglos wirkende Ansprache eines Mannes, der scheinbar seit Jahren jeden Tag zweimal dieselben Zeilen lustlos vor sich hinsprach. Ich war froh, als es vorbei war, zumal ich in der kleinen Kapelle, die im Nebenschiff der Kathedrale untergebracht war, fror wie ein Schneider. Aber was solls, zurück zum Geschehen mit Andrea und Concetta vom Tag davor!

Als der große Gottesdienst vorbei war, musste ich zuerst zu meiner neuen Unterkunft laufen, in der ich für einen Spezialpreis ein Bett für die Nacht ergattert hatte. Die Entfernung wurde mit 2.6 Kilometern angegeben, was mich zunächst nicht sonderlich beeindruckte. 2.6 Kilometer, pah! Lächerlich. War ich nicht vor kurzem über 30 Kilometer am Stück gelaufen? Tja. Dass ich mit meinem ganzen Kram nun durch die verwinkelte Altstadt Santiagos laufen müsste und mein tolles Telefon keine Navigation ermöglichte, hatte ich dabei jedoch nicht bedacht. Daher dauerte der nun folgende Transit etwas länger und glückte nur, weil Andrea mich begleitete und wir uns an das Navi ihres Handys hielten. Kaum anderthalb Stunden später nahm ich dann ein gemütliches Zimmer über einem kleinen Café in Beschlag und lief mit Andrea den ganzen Weg wieder zurück. In der Nähe der Kathedrale sahen wir einen Kerl, den man ohne Zweifel als den coolsten Onkel unter dieser Sonne bezeichnen musste. Ich konnte mir nicht helfen und musste einfach ein Bild von ihm machen. Ob er vielleicht einer der Gitarristen von Buena Vista Social Club war? Im Ernst, guck mal:

Aber egal. Dies war der letzte Tag für Concetta, da früh am Morgen bereits ihr Flug zurück nach Turin ging. Daher entschlossen wir uns zu einem letzten gemeinsamen Umtrunk in einer wunderschönen Bar, genossen die kühle Abendluft und hatten einfach eine gute Zeit. Der Abschied fiel uns allen schwer, doch wir schworen uns, noch in diesem Jahr einen gemeinsamen Ausflug zu unternehmen. Völlig egal, wo. Wir drei würden uns wieder sehen und zusammen die Straßen unsicher machen, keine Frage!


Für meinen letzten Tag in Santiago, dieser wunderschönen, verrückten und beeindruckenden Stadt, buchte ich ein Zimmer im Seminario Menor, einem ehemaligen Priesterseminar, von dem aus man die ganze Altstadt überblicken konnte. Was für ein imposantes Gebäude.

Dort gab es so viele Zimmer, dass einem fast schwindelig wurde. Aber alles war sauber, ruhig und im Gegensatz zur Außentemperatur angenehm kühl.

Mein Zimmer hätte auch nicht uriger sein können – spartanisch, aber völlig ausreichend. Dort habe ich geschlafen wie ein Stein! Alles wirkte wie aus der Zeit gefallen – mit dem kleinen aber feinen Unterschied, dass es hier WLAN gab.

Die Umgebung war alles andere als langweilig und Andrea und ich verbrachten den Nachmittag auf der Wiese direkt vor der Pilgerburg, wie wir sie nannten, auf einer Decke und schauten verträumt auf die Altstadt.

Wir ließen den Abend in unserem Lieblingsrestaurant Plaza Cafétaperia an der Rúa de San Pedro mit Pastor Matt ausklingen, der sich eine sehr böse Erkältung eingefangen hatte. Glücklicherweise hatte ich das ideale Heilmittel für sämtliche Gebrechen stets dabei: Den guten alten Hedges! Dieser englische Schnupftabak wurde schon siebzehnhundert sowieso in Apotheken als Mittel gegen alle möglichen Beschwerden verkauft, jawohl. Ich muss nicht erwähnen, dass der gute Pastor schon bald wieder auf den Beinen war. Als Botschafter des Schnupftabaks schenkte ich ihm natürlich gleich jene Schnupfflasche und bat ihn, mich umgehend zu informieren, falls jener Vorrat aufgebraucht wäre.

Wir blieben dort, bis die letzten Sonnenstrahlen verschwunden waren und es langsam frisch wurde. Ein letztes Mal ließ ich mich von der geheimnisvollen Stimmung Santiagos verzaubern, bevor ich den langen Gang in der Pilgerburg entlang zu meinem Zimmerchen lief und mich ins Bett schmiss:

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