Tag 16

Im Halbschlaf registrierte ich, wie sich meine Begleitung leise davon murmelte, lange bevor ein erster Sonnenstrahl zu sehen war. Sie machte ihre Ankündigung vom Vorabend also wahr:

„Ich breche auf, wenn der Bäcker vor der Kirche öffnet. Also vor sechs Uhr!“ Auf jeden Fall wollte sie am frühen Nachmittag in Santiago ankommen. Um Himmels Willen, wie lange hatten wir überhaupt geschlafen – drei oder vier Stunden? Während ich mich in Zeitlupe herum drehte, packte sie ihre Sachen zurecht, gab mir einen Schmatz und machte sich auf die Socken. Leise schloss sie die Tür und ward verschwunden; ich konnte entfernt das sich langsam entfernende Quietschen ihrer Schuhe auf dem Boden hören. Ich war noch hundemüde und rollte mich wieder ein, dachte jedoch darüber nach, ob ich nicht auch schon losmachen sollte. Bei diesem Gedanken nickte ich ein, wachte nach gefühlt fünf Minuten jedoch wieder auf. Draußen war es immer noch stockduster. Sinnlos, jetzt noch weiter hier rumzuliegen. Eigentlich könnte ich jetzt genauso gut direkt starten. Ok, was solls! Dann laufe ich eben mitten in der Nacht los, kein Problem! Pah. Angesäuert warf ich die Decke weg und stakste mit halb offenen Augen ins Bad. Kurz darauf zog ich mich an, stopfte ungeordnet meine Sachen in den Rucksack – hoffte dabei, dass er die letzte Etappe noch durchhalten würde – und verließ das Zimmer. Die Rezeption war noch gar nicht besetzt, denn es war einfach ZU FRÜH! Verdammt nochmal. Nach kurzem Überlegen legte ich meinen Zimmerschlüssel auf den Tresen, wo bereits zwei andere Schlüssel lagen. Als ich vor die Tür trat, empfing mich kühle, frische Morgenluft und sorgte dafür, dass ich richtig wach wurde.

Ich hatte zwar noch nicht die Nerven, auf die Uhr zu schauen, setzte mich aber langsam in Bewegung und entschloss, zuerst ein Powerfrühstück beim Pilgercafé einzunehmen. Vorausgesetzt, es hätte jetzt tatsächlich schon geöffnet. Kaum vorstellbar, dachte ich – nicht ein Mensch oder Auto war zu sehen. Komplett still war es, nicht ein Lufthauch war zu hören. Dazu keine Scharen von müden Pilgern, die alle in eine bestimmte Richtung wackelten. Zugegebenermaßen sah die Stadt in diesem Licht jedoch wirklich magisch aus, daher machte ich, wo ich nun schon einmal hier war, direkt ein paar Bilder:

In der Dunkelheit fiel es mir etwas schwer, mich zu orientieren, doch nach einigen Anläufen fand ich den Platz vor der Herberge und mir sacke das Herz in die Hose: Immer noch keiner zu sehen, alle Türen waren zu und kein freundlicher Mensch warf frische Croissants in meine Richtung. Jetzt ein frischer Orangensaft … mmh … Ich ging auf das Café zu – doch was war das? Brannte da tatsächlich Licht drin? Tatsächlich! Meine Hoffnung wurde erhört, ich müsste nun also nicht mit leerem Magen loslaufen. Ich ging herein und wurde sogleich von dem netten Wirt und seiner Frau begrüßt, die mir auch sogleich und eine Tasse frischen Kaffee und ein Schokohörnchen anbot. Dankend nahm ich beides an und schlang es hinter, bestellte danach gleich ein zweites Hörnchen und einen Orangensaft. Hinter der Theke befand sich eine kleine Uhr, auf der stand: 05.20. Ich wollte schon aufjaulen, wurde jedoch von einer freundlichen deutsch-russischen Pilgerin in ein Gespräch verwickelt. Sie bot an, die letzte Etappe mit mir zu laufen. So verputzten wir die Reste unseres Frühstücks und erhoben uns zum Aufbruch. Nachdem wir bezahlt hatten, klatschte er in die Hände und küsste uns beiden auf die Stirn, sprang wie Rumpelstielzchen um uns herum und grölte irgendwas auf Galizisch, was nur lauten konnte: Auf, los jetzt! Gottes Segen mit euch, habt eine gute Reise und kommt sicher an! Er klopfte uns auf die Schultern und war uns sogar bis zur Mitte des kleinen Platzes gefolgt, bevor er sich ein letztes Mal laut verabschiedete, uns Mut zusprach und wieder kehrt machte. So ein lieber Mensch, ich war richtig gerührt. Svetlana und ich gingen nebeneinander her, immer Richtung Norden und verließen Padron. Langsam färbte sich der Himmel blutrot und unsere Umgebung wurde erkennbar:

Irgendwann entschieden wir, doch wieder getrennt voneinander weiterzulaufen, da eigentlich jedoch von uns in diesem Moment lieber allein sein und seinen Gedanken nachhängen wollte. Solche Momente gibt es eben, es war keinerlei böses Blut oder Genervt-Sein zwischen uns, sondern wir wollten einfach nur jeder für sich sein. Wir drückten uns zum vorläufigen Abschied und wünschten uns einen guten Weg, waren jedoch sicher, uns in Santiago wieder über den Weg zu laufen. Ich machte an Ort und Stelle ein kleines Päuschen, zwirbelte extra lange an den Gurten meines Rucksacks herum und schnürte alles fest, bevor ich weiter ging. Es ging auf verschlungenen Pfaden an wunderschönen Höfen vorbei …

…, dann wieder am Rande blühender Wiesen und durch kleine Dörfchen. Der totale Romantik-Natur-Kitsch-Overdrive! In der Ferne waberte der Nebel über die Felder und der Morgentau tropfte von den Blättern.

Vor beinahe jedem Hauseingang saß bzw. lag ein Tier, döste und schaute mich müde an.


Doch der Schein trügte! Kam man einem Wuff näher, in der naiven Absicht, den Kopf zu streicheln, setzte er an zur Attacke und wollte einem die Hand abreißen! Daher begnügte ich mich mit dem Schießen einiger Fotos, mit gehörigem Abstand.

Irgendwann verließ ich diesen ländlichen Abschnitt und erreichte eine Fernstraße, die ich mit einem Todessprung erfolgreich überquerte und kurz darauf in einem großen Gasthof ankam. Die russische Pilgerin die ich in Ponte de Lima kennengelernt hatte, saß dort mit ihrem rumänischen Freund und knabberte an einer Kartoffelecke. Mmmhh … Kartoffelecken mit Quark, wie lecker! Ich saß mich zu ihnen und schlug mir den Bauch voll! Direkt gegenüber des Restaurants, dass über einen großen Freisitz verfügte, befand sich eine beeindruckende Kirche, die dem Aussehen nach zu urteilen uralt, jedoch leider nicht zugänglich war.

Hinter einer Hausruine …

… führte der Weg vorbei an der wohl einsamsten Bushaltestelle des Universums. Ob hier in den letzten 20 Jahren überhaupt jemals ein Bus gehalten hat?

Als ich dann ein großes Getreidefeld erreichte, kam die Sonne hinter dem Hügel rechterhand zum Vorschein und tauchte alles in wundervolles, goldenes Licht. Was für ein Moment!

Die kleinen Dörfchen, durch die ich lief und an deren Namen ich mich gar nicht mehr erinnern kann, wirkten wie aus der Zeit gefallen. So perfekt und friedlich, verdammt nochmal! Ich lief extra langsam, um die Stimmung in mir aufzunehmen und nichts zu versäumen. Ich bewegte mich ohnehin schon sehr langsam, nun ging ich also fast rückwärts!

An einer langen Straße fand ich einen … hm … Gemischtwarenladen? Sah zumindest von außen so aus. Erleichtert ging ich die kleine Treppe herauf und betrat das Möbelgeschäft, in dem … Moment, Möbel? Entgeistert schauten mich einige Möbelverkäufer an, die hier drin verständlicherweise noch nie einen Pilger gesehen hatten. Was sollte so einer auch mit Möbeln anfangen? Ich fluchte herzlich, drehte um und ging weiter. Da musste ich das Schild wohl etwas falsch übersetzt haben.

Am Ende der Straße ging es steil nach oben; keuchend und komplett verschwitzt setzten wir eine Kralle vor die andere und hatten schon Sorge, dass es ewig so weiter gehen würde. Doch zum Glück verileßen wir diesen vielbefahrenen und nicht ganz ungefährlichen Abschnitt, betraten eine Nebenstraße und

„Hey, Du bist doch der mit dem selbstgebastelten Wagen?“

„Ach, die Geschichte mit dem Trolley … ja, das bin ich.“ Ich zwang mich zu einem gequälten Lächeln.

„Hat ja nicht gut funktioniert, hä?“ Er blinzelte mich hochmütig an.

Ich sagte kein Wort und warf ihm stattdessen einen finsteren Blick zu. Was für ein blöder Arsch! Sah er nicht den herausragenden konstruktionstechnischen Anspruch? Oder die Perfektion in Handhabung und Form? Der PEREGRINO 3000 war unzweifelbar … totaler Mist, schon klar. Plötzlich bekam ich wahnsinnig schlechte Laune und war überhaupt gar nicht mehr witzig drauf. Ich zahlte die Rechnung für mein Wasser und machte mich, obwohl ich mich noch nicht sonderlich ausgeruht fühlte, wieder auf den Weg. Mit jedem Schritt wurde die Umgebung schöner, doch gleichzeitig breitete sich eine düstere Stimmung in mir aus. Ich wusste, der Typ vorhin gehörte wohl zu denen, die sich gerne mal über andere lustig machten, um sich selbst gut zu fühlen und größer zu machen, als er eigentlich ist. Auf Menschen diesen Schlages reagiere ich generell eher … vorsichtig. Man darf sich von solchen Säcken aber nicht klein machen lassen! Ich rückte den PEREGRINO 3000 gedanklich also wieder zurück auf das Podest der weltbesten Erfindungen und verließ, nun wieder etwas besser gelaunt, den tiefen Wald, durch den ich die letzte Stunde gedankenverloren gelaufen war. Mittlerweile stand die Sonne hoch am Himmel und röstete mich durch.

Mir war zu diesem Zeitpunkt gar nicht bewusst, dass ich soeben den ersten Vorort von Santiago betreten und somit technisch eigentlich mein Ziel erreicht hatte. Hieß die Überschrift des Pilgerblocks schließlich nicht „Von Porto nach Santiago“? In diesem Moment erregten die üblichen Straßenzüge auf mich jedoch keine besondere Aufmerksamkeit und ich lief einfach immer von gelbem Pfeil zu gelbem Pfeil.

Dem Ziel so nah! Was für ein merkwürdiges Gefühl.

Was würde wohl in mir vorgehen, wenn ich heute tatsächlich auf dem großen Platz vor der Kathedrale stehen würde? Unwillkürlich tauchten Bilder von weinenden und vor Überwältigung zusammen brechenden Pilgern vor meinem inneren Auge auf. Anspannung, die von einem abfällt, unbändige Freude über das Erreichte. Oder einfach nur Muskelkater, Hunger und Müdigkeit? Ich konnte mir beim besten Willen nicht vorstellen, wie ich mich fühlen würde.

Ganz zu Beginn des Pilgerblocks hatte ich ja erwähnt, dass ich auf diese Reise ging, um überhaupt die richtigen Fragen zu finden. Schließlich macht es wenig Sinn, eine schlaue Antwort zu erbitten, wenn man die Frage gar nicht formulieren kann. Viele Sachen kreisten mir im Kopf herum, doch die meiste Zeit wusste ich nicht genau, was davon eigentlich essentiell war... Ich blieb stehen, riss die Augen auf und patschte mir die Hand auf die Stirn. Das war es! Genau das war doch die eigentlich ausschlaggebende Frage, die all das auf den Punkt brachte! So viele Wünsche, Hoffnungen, Pläne, Ängste und so weiter … doch was war denn davon jetzt wirklich für mich wichtig? Worauf sollte ich mich fokussieren? Meine Musik, meine Arbeit, schreiben, oder etwas, dass ich vielleicht noch gar nicht kenne und erst finden muss? Ich gehöre schließlich zu denen, die im Prinzip alles machen wollen – am besten nichts auslassen und alle möglichen Erfahrungen mitnehmen. Doch muss ich mir wohl eingestehen, dass man eben früher oder später etwas auswählen muss und nicht ewig die Freiheit hat, alles gleichzeitig zu machen. Man muss sich entscheiden. Entscheiden! Vermutlich habe ich die meiste Zeit an vieles sehr ähnliche Prioritäten gesetzt, wollte stets alles zu hundert Prozent mitnehmen. Es hat diese Reise gebraucht, um zu verstehen, dass man in einem Leben nicht alle Geheimnisse lüften und nicht alle Träume umsetzen kann. Eigentlich machte diese Erkenntnis mich auch irgendwie etwas traurig. Aber wenn man nicht in hundert Prozent seiner Zeit alles nur zu fünfzig Prozent fertig machen will, muss man irgendwie konsequent sein. Aber … wie genau? Was ich jetzt mit diesem Gedanken anfangen würde, was mir noch nicht klar. Zumindest wusste ich jetzt aber, warum ich wirklich hier war. Aus der Sicht des Lesers wirkt diese Erkenntnis vielleicht eher beliebig und belanglos, doch für mich war sie das ganz und gar nicht. Und für die Antwort war ich streng genommen ja nicht gekommen – das hatte ja auch noch ein wenig Zeit! Dann würde ich nächstes Jahr eben wieder kommen und danach suchen.

Ich freute mich sehr über meinen Geistesblitz, spürte ein wenig neue Energie in mir aufflammen und wuselte voran. Dabei grübelte ich die ganze Zeit vor mich hin: Musik … Arbeit … Schreiben … oder irgendwas anderes … was anderes … anderes … warum eigentlich noch mehr? Im Prinzip waren meine Tage ja ohnehin schon bis oben hin vollgestopft.

Gemessen an meiner Start- und Ankunftszeit war ich auf dieser Etappe ohne Zweifel der Langsamste von allen gewesen, doch das störte mich nicht im Geringsten. Letztlich hatte Steffi, die ich am ersten Tag meiner Reise getroffen hatte, recht behalten: Der Weg gibt dir das, was du brauchst. Vielen Dank, liebe Steffi! Trotz all der kleinen und großen Katastrophen hat sich vermutlich alles so ergeben, wie es sollte. Äußerlich nur bereichert um eine kleine Narbe auf dem Arm und für gewisse Zeit etwas größeren Wadenmuskeln, innerlich jedoch voller Erkenntnisse, Erfahrungen und neuer Eindrücke. Was für ein riesiger Schatz! Vor allem meine Frage hatte ich gefunden, wofür ich so dankbar war und bin. Ich habe diese Reise vor allen Dingen festgehalten – in Form von über 900 Fotos und vieler, vieler Zeilen –, um nie zu vergessen, wie ich diesen Schatz gefunden habe, was ich dabei gedacht und gefühlt habe und was es mit mir gemacht hat.

Bald jedoch war ich nicht mehr besonders gut drauf: Die Schmerzen in meinen Füßen und Beinen hatten ein bedrohliches Level erreicht und jeder Schritt war eine richtige Qual. Das legte sich früher oder später auch aufs Gemüt: Man wird wortkarg, griesgrämig und interessiert sich immer weniger für die schöne Umgebung. Auch der Anblick einer kleinen Schafherde, die den Weg vor mir entlang geführt wurde, munterte mich nicht wirklich auf.

Wie hatte es Pastor Matt mit seinem zermatschten Fuß eigentlich nur fertig gebracht, dabei immer zu lächeln und gleichbleibend freundlich zu sein? Ich legte mittlerweile mehr Zwischenpausen ein als während jeder anderen Etappe und kam nicht umhin festzustellen, dass ich kaum voran kam. Irgendwann musste ich eine längere Pause einlegen, setzte mich auf einen Stein und zog meine blöden Schuhe aus. Während ich meine Füße massierte, sah ich den vorbeiziehenden Pilgern zu und wie um das Bild abzurunden, zogen mehr und mehr dunkle Wolken auf. Eine kühle Brise irritierte meine an die warme Sonne gewöhnte Haut auf das Schärfste, also zog ich mir einen Pulli über. Innerlich protestierte ich über den plötzlichen, völlig unsympathischen Wetterwechsel. Besser wird es vorerst wahrscheinlich nicht, dachte ich, daher zwang ich mit zum Weitergehen. Nur wenige Kurven sah ich von hier aus zum ersten Mal die Altstadt von Santiago de Compostela – jetzt war es nicht mehr weit!

Nur noch gut zwei Kilometer. Nichts als ein Katzensprung … oder?

Bevor ich an den Rand der Altstadt kam, ging es nochmal steil nach oben – fast so, als ob mir der Weg noch den Rest geben wollte. Diese letzten zwei Kilometer waren die härtesten meines Lebens – das kann ich ohne Zweifel sagen. Wie lange ich für dieses letzte Stückchen gebraucht habe, kann ich nicht mehr genau sagen. Ich weiß nur noch, dass ich nach wenigen hundert Metern völlig entkräftet in ein kleines Café plumpste, kurz vor Einsetzen eines leichten Regenschauers. Dort bestellte ich ein großes Bockbier und einen Bleikuchen, um langsam wieder zu Kräften zu kommen. Zum Glück machten die anderen Gäste des Cafés sich nichts aus mir und beachteten mich überhaupt nicht, sodass ich in aller Ruhe nach Luft schnappen konnte und von niemandem in ein Gespräch verwickelt wurde. Nach einer gefühlten Ewigkeit raffte ich mich auf und stolperte weiter. Genau im richtigen Moment sah ich wieder eins der umfunktionierten „Mutmach-Schilder“ am Wegesrand:

Also – jetzt nur nicht aufgeben! Trotz all der Schmerzen in jedem Muskel meines Körpers war ich dankbar. Dafür, dass ich doch im Morgengrauen aufgebrochen war. Andernfalls wäre ich irgendwann komplett durchnässt und bei Einbruch der Dunkelheit angekommen. Denn ganz langsam wurden die Schatten länger, einige dicke Regentropfen fielen mir auf den Kühler und es schien sich ein wahrer Wolkenbruch anzubahnen, der Farbe des Himmels nach zu deuten. Vielleicht könnte ich ja meine letzten Notreserven, die ich eigentlich für Atmen und Herzschlag reserviert hatte, anzapfen und doch noch etwas schneller zu gehen. Vor einer Brücke sah ich nun zwei gelbe Pfeile: Der eine sollte mich über die Brücke führen, der andere in das Tal darunter. Beide mussten zur Kathedrale führen, doch welcher war der kürzeste? Nach Sightseeing war mir nicht mehr zumute. Ein bärtiger Einwohner stand in der Nähe und nuckelte mit Wonne an einem Tabakstengel. Ich frage ihn vorsichtig, welcher Weg beste (und kürzeste) sei. Er palaverte laut irgendwas auf Spanisch und gestikulierte wild, doch eigentlich wollte er mir wahrscheinlich sagen:

„Hör zu du Arsch, weiß ich doch nicht. Geh dahin oder dahin, ist im Grunde egal.“

Ich bedankte mich mit einem lauten Husten und humpelte direkt über die Brücke. Wenig später erreichte ich eine ordentlich befahrene Straße, konnte ab diesem Punkt jedoch keinerlei Pfeile mehr entdecken. Also einfach geradeaus? Oder links, oder was jetzt? In einer nahen Apotheke erfuhr ich, dass ich tatsächlich einfach nur noch der Straße folgen müsste. Mittlerweile war ich regelrecht in Trance: Der Lärm der Straße, die Schmerzen, die Erwartung der baldigen Ankunft, dazu eine Mischung aus Vorfreude, Selbstmitleid und Stolz überwältigten mich beinahe. Die Hauptstraße führte an einem wunderschönen Platz vorbei, von dem aus man direkt in ein Getümmel kleiner, mittelalterlichen Gässchen mit Restaurants, Andenkenläden und Cafés gelangte. Dicht an dicht drängten sich die Menschen und viele der geschniegelten Touris schauten mich neugierig an, wie ich mit starrem Blick, fix und fertig und abgerissen an ihnen vorbei trottete. Und dann sah ich zum ersten Mal die große, imposante Kathedrale, in der laut Legende die sterblichen Überreste des Apostels Jakob aufbewahrt werden sollen:

Und dann … war ich da. Ich stand auf dem großen Platz und fühlte mich … ja, wie eigentlich? Körperlich und mental wahnsinnig erschöpft, vielleicht sogar so sehr, wie noch nie zuvor in meinem Leben. Aber ich war glücklich, sehr sogar. Denn nur wenige Sekunden, nach denen ich tatsächlich mein Ziel erreicht hatte, liefen Andrea und Concetta auf mich zu und umarmten mich.

„Du hast es geschafft! Frantaaaa!“

Ich gurgelte ein mattes Dankeschön hervor fiel ihnen in die Arme. Jetzt war es also vorbei, meine Reise war vorüber. Während wir dort standen und uns freuten, tröpfelte es, erst nur ein wenig, doch dann brach ein mächtiger Platzregen über uns herein. Wir wollten direkt in das nächste Restaurant flüchten und uns stärken, doch vorher musste ich noch ein Bild machen:

Meine Freundinnen, Andrea und Concetta, nur ein paar Minuten nach meiner Ankunft. Wie dankbar und zufrieden ich war! Neben dem Seiteneingang zur Kathedrale befand sich ein gemütliches Restaurant, in dem wir noch einen Tisch ergattern konnten. Gerade hatten wir unseren Wein bestellt, als weitere Pilgerfreunde, darunter auch Pastor Matt, zu uns stießen und auf unseren Erfolg anstießen. Es stellte sich heraus, dass ich tatsächlich der Letzte war, der an diesem Abend in Santiago eintraf. Ich muss heute noch mit dem Kopf schütteln, wenn ich daran denke: Von Sonnenauf- bis Sonnenuntergang gelaufen. Aber an diesem Abend spielte es überhaupt keine Rolle, wer wann angekommen war. Was zählte war: Wir waren hier! Keiner hatte mit dem Auto die halbe Strecke abgekürzt, war umgedreht oder hatte es sich doch anders überlegt. Wir alle waren angekommen und verspürten in unserer bunten Gruppe alle dasselbe Gefühl von Dankbarkeit und Demut. Nach einem Glas Rotwein und zwei Tellern Krautsuppe mit Brot lachte ich wieder laut und spürte nach und nach ein erdrückendes Bedürfnis nach Schlaf und Ruhe. Kurz nach zehn tapste ich in Richtung meiner Unterkunft, die nur wenige hundert Meter von der Kathedrale entfernt in einer kleinen Seitenstraße lag und bekam einen ersten Eindruck von Santiago bei Nacht. Magisch, wirklich!

Im Hostel angekommen, holte ich an der Rezeption meinen Schlüssel und schleppte mich in den zweiten Stock. Dort, in einem Dreibettzimmer, ließ ich alles stehen und liegen, zog nur noch meine Jacke aus und haute mich samt Klamotten ins Bett, wo ich sofort einschlief.

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