Tag 15

Was für ein ober-entspannter Tag. Gefühlt bis nachmittags lag ich im Bett, hörte Musik und stöberte in meinem Pilgerführer. Irgendwann knurrte mein Magen nervös auf, daher zog ich meine angetrockneten Sachen an und lief zum Café, indem ich schon gestern nachmittag gesessen hatte. Eine der coolsten Adressen hier, möchte ich noch einmal betonen!

Auf dem Weg dahin kam ich wieder über den großen Platz, der dieses Mal vollgestopft war mit Marktständen und Buden, die Lebensmittel, Gürtel, Plastikspielzeug und allerlei sinnlosen Krams anboten. Von der anderen Uferseite aus betrachtet sah die Masse an in regelmäßigen Abständen geparkten Vans ziemlich witzig aus:

Diese Chance nutzte ich aus und kaufte ein kleines Bündel Socken, dazu Kekse und Brot für meine eisernen Vorräte! Zufrieden stopfte ich alles in eine Tüte, betrat das Café und quatschte erstmal mit der quirligen Bedienung. Dabei futterte ich ein leckeres Schoko-Crossaint nach dem anderen und schloss das Ganze ab mit einem doppelten Espresso. So gestärkt machte ich einen Schwenk durch Padron, ging jedoch recht schnell wieder in die Altstadt zurück. Aus meiner Sicht war die Kleinstadt ansonsten nicht übermäßig reizvoll, aber vielleicht bin ich auch an den schönsten Ecken vorbei gelaufen. Dafür nahm ich mir nun richtig Zeit, um jede Gasse, jedes Haus und vor allem die schöne Kirche direkt im Zentrum anzuschauen. Natürlich durfte das ein oder andere Foto nicht fehlen:

Ich wunderte mich ein wenig über eine Statue, vor der zwei riesige Kugeln aufgestellt waren und … was bedeuteten? Hatte da jemand Eier aus Stahl und wollte es alle wissen lassen? Ich begriff es nicht.

In einer Gasse traf ich Paster Matthews, der passenderweise heute auch einen Ruhetag eingelegt hatte, um seine demolierten Füße zu schohnen. Er sah richtig zufrieden und glücklich aus, heute nichts anderes machen zu müssen als alte Gemäuer zu betrachten, ausgiebig zu essen und zu trinken und Kraft zu tanken. Wir beschlossen nach einem gemeinsamen Mittagsmahl (richtig: Krautsuppe, Brot und Wein!), der herrlichen Kirche einen Besuch abzustatten. Um diese Zeit waren wir fast die einzigen hier drin, es herrschte also eine sehr intime und friedliche Atmosphäre. Wir liefen langsam von Wandbild zu Wandbild, bis wir etwas ungläubig vor einer hölzernen Skulptur standen und es uns kalt den Rücken runter lief: Der Apostel Jakob als Mauren-tötender Ritter, sein Schwert blutbeschmiert und das Gesicht voller Hass. Gruselig und ziemlich traurig. Ich hatte schon oft über die Apostel und das, was über sie im Neuen Testament steht, nachgedacht, doch so hatte ich mir das beim besten Willen nie vorgestellt. Nachdenklich meinte Pastor Matt:

„Ja, damals war wohl alles etwas brutaler … “ Wir schauten sie noch eine Weile an und wandten unsere Gedanken dann wieder etwas Positiverem zu, pflanzten uns auf die vorderste Sitzbank und betrachteten den uralten Meilenstein. So hockte ich da, mit neuen Socken, Keksen und Brot in meiner Tüte, vermutlich mit einem ungläubig-verträumten Ausdruck auf dem Gesicht.

Direkt gegenüber der Kirche und vor der hiesigen Herberge befand sich ein kleines Café, in dem wir eine nachmittagliche Stärkung einnahmen.

Dort erfuhren wir, dass er jeden Morgen schon um fünf Uhr öffnen und all jenen Kaffee und frische Brötchen kredenzen würde, die besonders früh die letzte, lange Etappe nach Santiago zurück legen wollten. Pastor Matt war sofort Feuer und Flamme und wollte um diese Zeit starten. Mir lief es kalt den Rücken runter bei dem Gedanken, um halb fünf aufzustehen, um bis nachmittags durchzulaufen. Ich wollte lieber ausgeschlafen und bei Sonnenschein aufbrechen, also eben notfalls erst abends ankommen. Keinen Stress! Daher hoffte ich inständig, dass meine Begleitung nicht das gleiche Zeitmanagement wie Pastor Matt hatte.

Irgendwann am frühen Nachmittag kam die Pilgerin, die ich den ganzen Tag schon freudig erwartet hatte, erschöpft von ihrer Etappe in Padron an und wir fielen uns in die Arme. Wir hatten eine preiswerte Unterkunft ganz in der Nähe gebucht, bummelten langsam dorthin wollten bis zum Abend erstmal entspannen. Es sollte sogar einen Fahrstuhl geben, juhu! Nicht weit von einem Bahnübergang entfernt sollte das kleine Hostel liegen, direkt in einem Industriegebiet. Hm … im Internet sah der Laden irgendwie freundlicher aus. Eingequetscht zwischen einigen halb verfallenen, grauen Rostkästen lag es da und gähnte uns an. Auch war die Entfernung größer, als ursprünglich ich vermutet hatte. Ups! Naja, jedenfalls war das Zimmer schön, der Preis ok und man hatte seine Ruhe. Der Ausblick von dieser Seite des Hauses aus war auch gar nicht so übel (herzzerreißende Abschiedsszene inklusive):

Irgendwann so gegen Abend hechteten wir wieder ins Zentrum dieser Pilgermetropole und trafen eine Menge bekannter Gesichter: Unsere deutschen Freunde, Andrea, Pastor Matt und zwei portugiesische Pilger, die sich zu uns gesellten. Und nun schau dir den angetrieselten Jungen in der Mitte an:

Es wurde mit hochprozentigen Destillaten gearbeitet, von denen ich einige zum ersten Mal probierte und nicht so ganz sicher war, ob sie mir schmecken würden. Mh, eher nicht, fürchte ich. Dafür sorgten sie für eine bemerkenswerte Wirkung, die sich bei uns allen recht schnell einstellte. Das war wirklich ein toller Abend, den ich vermutlich nicht vergessen werde, da ich zum Glück rechtzeitig die Einnahme des Gesöffes einstellte und so knapp dem Filmriss entkam. Irgendwann wankten wir zu zweit zurück zum Hostel und sind irgendwann auch eingeschlafen.


Wer weiß, was der nächste Tag bringen wird. Kommen wir alle ohne Probleme in Santiago an?  Würden meine Füße und mein Rücken die Etappe durchhalten? Und was heißt nochmal Hilfe auf Spanisch? Daher hatte ich hatte eigentlich keine Sorge vor dem kommenden Tag, eher Respekt. Ach was, es wird schon alles gut.

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