Tag 11

So friedlich ich auch eingeschlafen war, irgendwann ließ mich die erschütternde Geräuschkullisse jedoch wieder aufschrecken. Das fahle Licht der langsam aufgehenden Sonne drang durch ein Seitenfenster, also beschloss ich, direkt aufzustehen. Leise schälte ich mich aus dem Bett und stieg die Leiter hinunter, wobei ich fast auf den Kopf eines Pilgers getreten wäre: Wahrscheinlich war es ihm Nachts zu stickig in seiner Koje geworden und nun ragte sein halber Körper zwischen den Vorhängen schräg nach draußen, direkt neben der Treppe. Nichts passiert! Mit Entsetzen dachte ich daran, gleich mit leerem Magen das Haus verlassen zu müssen – sowas mag ich gar nicht. Meine drei goldenen Regeln lauten:

1. Niemals ohne Schnupftabakdose außer Haus gehen

2. Steck das Hemd in die Hose

3. Nicht mit leerem Magen in den Tag starten

Aber das Café, in dem ich mich mit Andrea und Concetta treffen wollte, war ja nicht allzu weit entfernt. Ich packte also meinen Kram zusammen, verschwand kurz im Badezimmer und sah dort zweifelnd in den Spiegel: Nanu, bin ich das wirklich? Offenbar hatte mich in der Nacht eine Mücke unter dem rechten Auge gestochen, denn dort befand sich nun ein etwa medizinballgroßer roter Knubbel. Na prima, nun sah ich aus wie ein Mutant. Aber egal! Ich schob meine Sonnenbrille darüber, zog mir frische Klamotten an und verließ das Hostel. Draußen empfing mich frische, saubere Morgenluft und am Himmel war mal wieder keine Wolke zu sehen. So muss das sein, dachte ich! Bester Dinge hopste ich in Richtung Altstadt und fand nach einigem Suchen das Café, das glücklicherweise gerade in diesem Moment öffnete. Auf dem Hinweg sah ich einige Hardcore-Pilger, die mit einem Affenzahn bereits ihre heutige Etappe gestartet hatten. Respekt! Unter normalen Umständen würde ich mich um diese Zeit nochmal rumdrehen und zwei Stündchen weiter schlafen (das ist jedoch kein Luxus, den ich mir einfach so gönne, sondern meinen abendteuerlichen Arbeitszeiten geschuldet). Dementsprechend zermatscht kam ich mir daher an diesem Morgen vor und bestellte mir als erste Amtshandlung zunächst einen monströsen Pott dunkel-schwarzen Brachialkaffee. Die Bedienung hinter dem Tresen schlief fast im Stehen ein, sie könnte vermutlich auch einen Schluck davon gebrauchen. Meine Müdigkeit verschwand jedoch schnell wieder, als kurz darauf meine beiden Pilgerfreundinnen durch die Tür kamen und mich anstrahlten! Ich freute mich riesig sie wieder zu sehen, sprang auf und umarmte sie abwechselnd; so weit weg schien der Strand bereits zu sein, an dem wir uns zum ersten Mal getroffen hatten und auch fühlte es sich an, als wäre schon eine Ewigkeit vergangen. Wir setzten uns an den Tisch und starteten den Tag nun so richtig mit süß/fettigen Schokohörnchen, frischem Obst und noch mehr Kaffee. Über alles wurde sich ausgetauscht – den Küstenwegs ab Vila do Conde, die Gespräche und Erfahrungen mit anderen Pilgern, ihre Route zurück auf den Zentralweg und, ja, auch meinen Unfall in Rubiaes. Der Mist hatte scheinbar mehr die Runde gemacht als ich dachte und in mehreren Gruppen für Gesprächsstoff gesorgt. Der Idiot mit dem Trolley, der den Berg herunter purzelt. Da hätte ich mir auch ein heroischeres Thema vorstellen können, z.B.: Die Geschichte vom einsamen Pilger, der nur mit einer Büroklammer bewaffnet einen Killerbären erlegt, oder die Sage vom tapfere Sachsen, der ganz alleine den Haarausfall besiegt! Aber vom Berg fallen kann ja eigentlich jeder. Sei es drum!

Auch, dass ich mein Handy geschrottet und mir keine Hilfe hätte holen können, erwähnte ich kurz.

„Aber ... womit hast Du dann gestern Nachrichten geschrieben?“, fragte Concetta verwundert.

Missmutig hielt ich das Doogie in die Höhe und erntete einige – nicht unberechtigte – Lacher, woraufhin ich es schnell wieder wegpackte.

„Was ist DAS?“, prustete Andrea.

„Na ... mein neues Handy, ein Doogie. Doogie steht für ... ach, ist doch egal, wenigstens funktioniert es. Irgendwie.“ Eine ganz besondere Eigenschaft der Software dieses Mistdings war übrigens, nach zu schnellem Tippen abzustürzen und die bereits eingegebene Nachricht dabei zu löschen. Man musste also jede einzelne Nachricht mit unfassbarem Schneckentempo eingeben, damit das System sich nicht aufhängte. Natürlich gab es keinen Resetknopf! Man musste die Akkuklappe abSCHRAUBEN und den Akku kurz entfernen, um das Teil anschließend neu zu starten. Daher nahm ich schon gestern drei der vier Schrauben ab, um schneller an den scheiß Akku zu kommen. Entsprechend mitgenommen sah das blöde Ding aus, obwohl es ja gerade mal ein paar Tage alt war. Kaputt schlagen ließ es sich jedoch nicht so einfach – Stürze und Erschütterungen zu überleben, ist ja das Einzige, was ein Outdoorhandy wirklich können muss! Eine endlose Quelle von Agression und Wutigkeit.

Wir verputzten die letzten Krümel von den Tellern, schulterten unsere verdammten Rucksäcke und verließen das Café. Auf den Straßen war nun schon ordentlich etwas los: Zig Grüppchen von Pilgern waren unterwegs, die Sonne zeigte sich in ganzer Pracht und es herrschte eine herrliche Stimmung. Wir ließen uns ein Weilchen von dem Strom fröhlicher Menschen treiben, passierten einen riesigen Konsumtempel und sahen bald die ersten Ausläufer eines tiefen Waldes. Zum Glück ging die Teerstraße an manchen Stellen wieder in Waldboden über, was das Laufen deutlich angenehmer machte. Den Verkehr der Hauptstraße hatten wir hinter uns gelassen und die Umgebung wurde mit jedem Schritt reizvoller:

Ich freute mich riesig, wieder mit meinen Freunden wandern zu können, was ich eigentlich schon ab Vila do Conde hätte machen sollen! Nun hatten wir richtig viel Zeit, uns nicht nur über die Erfahrungen des Jakobsweges, sondern auch über unsere Familien, Arbeit, Ausbildung und – ganz wichtig – Musik zu unterhalten. Da Concetta auch ein Fan von Zuccero war, gab ich mit überschlagender Stimme eine Textzeile seines Songs Overdose zum Besten, wobei ich jedoch weder Text noch Melodie genau auf dem Kasten hatte. Von musikalischen Querschlägern abgesehen hatten wir eine tolle Zeit, die Umgebung war das reinste Paradies und ab und zu kamen wir an einem Dorfladen vorbei, in dem wir eine kleine Stärkung verdrücken konnten. Während einer kurzen Pause machten wir auch gleich ein schönes Erinnerungsbild, was mir auch heute immer noch ein sehr breites Lächeln ins Gesicht zimmert:

Jede Minute dieser Etappe war klasse, auch wenn uns die schwüle Hitze zeitweise etwas zu schaffen machte. Vermutlich weit weniger ertragbar muss es jedoch für eine Gruppe von Soldaten gewesen sein, die schnaufend an uns vorbei hechtete, vermutlich auf einer Art Gewaltmarsch. Augenblick, jetzt mal ganz langsam: Es waren mindestens 30 Grad im Schatten, die Sonne stand im Zenit und diese armen Jungs und Mädels schleppten in einem irren Tempo ihre ganze schwere Ausrüstung mit sich rum! Und wenn ich hier von Ausrüstung schreibe, meine ich keine Pistole am Gürtel und dazu ein Fernglas in der Hand. Jeder trug Armeeschuhe, lange Hosen, eine ziemlich dick aussehende Jacke, einen vollgepackten Rucksack mit allerlei schwerem Tötungswerkzeug und sch(l)ussendlich ein großes Maschinengewehr, samt Munition. Was man von ihrer Haut sehen konnte, waren nur die nass-glänzenden Hände am Griff der Gewehre und die schweißüberströhmten, rot angelaufenen Gesichter, die unter tarnfarbenen Armeehüten gequält hervorschauten. Bei dem Anblick wurde mir schon ganz übel. Trotz dieser Qualen wünschten sie uns einen guten Tag, wuchteten mit radikalstem Schlagbein an uns vorbei und waren schon bald außer Sicht. Wir wunderten uns, wie man das nur überleben kann. Vermutlich hatten sie sich sehr lange auf diesen Selbstzerstörungstransit vorbereitet; jeder untrainierte Typ würde wohl bei diesen Strapazen sterben. Es dauerte nicht lange und die nächste Gruppe, diesmal Soldatinnen, stürmte an uns vorbei. Irgendwo vor uns hörten wir bald ein Klappern und Klirren, gefolgt von lauten Rufen. Als wir näher kamen sahen wir, dass eine kleine Gruppe von Leuten, offenbar Militärangehörige in Zivilkleidung, neben einer Weggabelung Position bezogen hatten und den Gewaltmarsch wohl logistisch unterstützten. Kühle Getränke wurden gereicht, allen auf die Schultern geklopft und ein jeder laut angefeuert, schnell wieder loszumarschieren. Ich fragte mich, wie lange man seinen Körper wohl konditionieren muss, um solche Strapazen ohne Folgeschäden überstehen zu können. Selbst im T-Shirt, kurzen Hosen und einem noch moderat gepackten Rucksack war das Wandern bei diesem Wetter ja schon anstrengend, in gemächlichem Tempo, versteht sich. Insofern hatte ich riesigen Respekt vor diesen Soldaten, die heute ihre große Bewährungsprobe angingen. Je weiter wir kamen, desto mehr Zwischenstationen passierten wir und sahen auch zwei Soldaten, die offenbar wegen heftiger Kreislaufprobleme gerade medizinisch versorgt wurden. Alter Schwede.

Kurz bevor der Weg schräg nach links auf einen Berg führte, sahen wir direkt neben einer schönen Kirche ein gemütliches Restaurant, in dem sich bereits mehrere Pilger (und Soldaten) ein Plätzchen gesucht und kühle Getränke eingetrieselt hatten.

Wir setzten uns gleich dazu und erfuhren von einem der Soldaten (der zudem fließend deutsch sprach!), dass dieser Tag das Ende eines langen und harten Trainings für die Gebirgsjäger der spanischen Armee markierte, daher gleichzeitig herangesehnt und gefürchtet wurde. Es dauerte auch nicht lange und seine Gruppe machte sich bereit, verabschiedete sich und verschwand in der drückenden Mittagshitze.

Nun wollten wir uns erstmal stärken und gingen in den angenehm kühlen, dunklen Schankraum, um etwas zu bestellen. Der junge Bursche hinter dem Tresen, hiesiger Anbieter von Brot- und Destillatsreichungsdienstleistungen, machte ein wahnsinnig finsteres Gesicht und hatte wohl richtig schlechte Laune.

„Was wollt ihr denn jetzt?!“, blaffte der Arsch uns an. Aha! Hier verbarg sich kein Kenner der frohen Kunde. In einer recht forsch vorgetragenen Verbalnote adressierte ich mein Unbehagen:

„Man, geht das nicht ‘n bisschen freundlicher?! Du … du …“ Sein Blick verfinsterte sich noch etwas mehr. Ich überlegte, ob ich ihm nicht unverbindlich ins Gesicht niesen könnte, um die Situation etwas aufzulockern. Doch das würde er vielleicht nicht verstehen. Andrea entkrampfte die Situation geschickt und ging nicht näher auf sein Geblubber sein, sondern bestellte uns stattdessen ganz ruhig drei Pilgermenüs. Vielleicht sollte sie Diplomatin werden? So schnell bringt sie zumindest nichts aus der Ruhe. Ich nahm noch einige Dosen Limonade aus dem nahestehenden Limonadendosenkühlapparat und legte einige Dukaten auf den Tresen. Er rülpste uns eine patzige Antwort entgegen, machte sich dann aber zielsicher an die Erhitzung der Lebensmittel. Als wir kurz darauf alles aufgefuttert und uns ein ganzes Weilchen entspannt unterhalten hatten, schnupperten Concetta und ich in einen ausgesprochen gut eingerichteten „Pilgershop“ rein, der direkt neben dem Restaurant lag. Andrea wollte sich derweil schon auf den Weg machen, sodass wir uns für den Abend einen Treffpunkt in Redondela ausmachten – dem Ziel der heutigen Etappe. Vermutlich wollte sie gerade ein wenig für sich sein und die letzten Kilometer bis in die Stadt ohne Begleitung zurück legen. Keine Frage, das musste sie nicht weiter erklären. Also wünschten wir uns einen entspannten Nachmittag, drückten uns kurz und betraten dann den kleinen Laden. In einem Gestell links neben der Tür steckten einige geschnitzte Wanderstäbe, von denen mir einer ganz besonders auffiel. Er war offenbar aus einer alten Baumwurzel gearbeitet und sah aus wie das Utensil eines Zauberers.

„Concetta, guck dir das Teil an! Das muss der gandalfigste Wanderstab weit und breit sein. So, wie der aussieht, MUSS der magische Kräfte haben.“

Camino de Santiago war in die Seite geritzt und eine kleine Schlaufe durch das obere Ende gefädelt, damit ... na, damit eben eine Schlaufe dran ist. Und beim Preis für dieses Meisterwerk musste ich auch nicht lange überlegen – nur zehn Euro! In Deutschland bekommt man dafür in jedem Outdoor-Laden höchstens eine halbe Wandersocke. Also sackte ich sofort den neuen Stab ein, kaufte dazu noch ein paar kleine Andenken und eine Flasche Wasser. Nun aber nichts wie raus in die Sonne, eine kleine Prise Schnupf zur Erfrischung und weiter!

Mein neuer Wanderstab war leider nicht magisch, abheben konnte ich damit auch nicht, dennoch leistete er mir gute Dienste – es ging nun steil bergauf! Das untere Ende war mit einer Stahlspitze verstärkt, welche auf Asphalt ein klares Plonk verursachte: Der Soundtrack für den Rest dieser Reise. Schnaufend und hechelnd liefen wir eine Serpentine nach der anderen einen Hügel hinauf, vorbei an einem störrischen Esel:

Sein Besitzer wollte offenbar etwas, was ihm nicht gefiel, da er schrill und erregt etwas jaulte, was wir leider nicht verstanden. Er jaulte wohl einfach zu undeutlich, der Esel! Irgendwann erreichten wir jedenfalls den großen Marktplatz eines Dorfes, in dessen Mittelpunkt sich eine schöne Pilgerstatue befand:

Schräg davor gab es ein schönes Gasthaus, in dem wir eine kurze Pause einlegten und einen Stempel für den Pilgerpass, sowie leckeres Eis erhielten. Wenig später trafen wir auf einem Feldweg wieder auf die von der Sonne komplett durchgebratenen Soldaten, die sich scheinbar völlig in Trance gelaufen hatten und uns gar nicht wirklich realisierten:

Auf der Wiese vor einem angrenzenden Wäldchen stand ein Pferd. Einfach so! Angebunden an einen Baum, knabberte es vor sich hin und guckte dumpf Löcher in die Luft. Für die Kernhandlung ist dieses Pferd nicht direkt ausschlaggebend, dennoch wollte ich es erwähnt haben, damit hier keine tierische Randfigur ausgelassen wird. Auch nach direkter Aufforderung wusste das Tier leider nichts interessantes zu berichten, sodass wir uns höflich verabschiedeten und weiter gingen.

Links neben dem Hintern des Pferdes führte ein Schotterweg am Rand eines Waldes vorbei, von wo aus wir die ersten Ausläufer von Redondela sahen. Wunderschön!

Von hier an ging es nun größtenteils nur noch bergab – sehr steil bergab! Wenn man vom Wandern relativ wenig Ahnung hat, so wie ich damals, könnte man Bergabgehen für easy und ziemlich entspannend halten. Aber das stimmt nicht: Die Belastung für Knie- und Fußgelenke ist enorm, außerdem steigt die Gefahr, Blasen und insbesondere Nagelbettentzündungen zu bekommen. Wenn die Schuhe nur etwas zu eng sind und man andauernd mit den Fussnägeln gegen den Schuh drückt, kann das böse Folgen haben. Bis jetzt hatte ich nach wie vor großes Glück und meinen Füßen ging es gut. Damit das auch so blieb, versuchte ich nun, die Straßen im Zick-Zack herunter zu laufen. Das dauerte zwar ewig, sah dämlich aus und nervte, reduzierte die Belastung aber ein wenig. Concetta war viel schneller als ich, legte wirklich ein ordentliches Tempo vor und bevor ich mich versah, war sie hinter der nächsten Biegung verschwunden. Nach ihr rufen und schnell wieder aufschließen wollte ich jedoch nicht, da ich irgendwie das Gefühl hatte, dass sie gerade alleine sein wollte. Logisch: Bis jetzt war sie ja auch nur in Begleitung unterwegs und sehnte sich wohl nach etwas Einsamkeit und Stille. Heute Abend wollten wir uns alle ohnehin in der Stadt treffen. Also ließ ich mir noch mehr Zeit, fand zu meinem Schildkrötentempo zurück und schwebte gemächlich bergab. Egal wohin ich schaute, sah ich die tollsten Postkartenmotive und jene idyllischen Bilder, die einem sonst auf Plakaten an den Schaufenster von Reisebüros entgegen prasseln:

Im Schatten einer großen Brücke befand sich eine Art Rastplatz, an dem ich mich ausruhte und einen Blick auf meine Karte warf. In einem halben Stündchen müsste ich schon da sein. Ich war ziemlich müde und freute mich auf ein weiches Bett. Also raffte ich mich auf, trottete weiter und war tatsächlich schon kurz darauf am Ziel! Direkt an der Hauptstraße fand ich schließlich meine Herberge, in der sich dutzende kleine, mit Sperrholzwänden von einander abgetrennte Schlafquartiere befanden. Darin befanden sich je ein Doppelstockbett mit Steckdose und Leselicht, sowie zwei abschließbare Schränke. Ich fand es ziemlich gemütlich und da ich an diesem Abend bisher nur sehr wenig Gesellschaft hatte, war es sehr ruhig. Als ich mich geduscht und umgezogen hatte, lief mir auf dem Gang Pastor Matthews entgegen, der gerade eingecheckt hatte. Zusammen nahmen wir eine unfassbare Errungenschaft in Augenschein, die in der Welt der Pilger einen wahren Luxus darstellt: Eine Waschmaschine! Zwar etwas klapprig und ohne funktionierenden Schleudergang, aber sonst ok. Natürlich war unsere gesamte Wäsche in einem entsetzlichen Zustand, sodass wir gerne von diesem Angebot Gebrauch machten, den klatschnassen Kram anschließend auf einen Wäscheständer warfen und uns dann auf Nahrungssuche begaben. Zusammen mit Andrea und Concetta, die in einer anderen Herberge untergekommen waren, enterten wir in der Altstadt ein kleines Restaurant und schlemmten. Nach der x-ten Flasche Rotwein entschied ich mich jedoch für einen strategischen Rückzug, verabschiedete ich mich und zuckelte wieder zurück. Leider kam ich nicht sofort in die Herberge, da die Eingangstür nur mit Gewalt oder, viel besser, über die Eingabe des korrekten Codes in ein Nummernfeld geöffnet werden konnte. Es versteht sich von selbst, dass ich zu diesem Zeitpunkt den Code natürlich nicht mehr wusste und ratlos hin und her guckte, auf der Suche nach Anhaltspunkten. Zum Glück kam kurz darauf eine junge Kanadierin vorbei, die auch in der Herberge untergekommen war und den Code wusste. So gelangte ich an diesem Abend wieder ins Haus und schenkte ihr zum Dank eine Banane. Aus dem Schlafsaal hörten wir schon beim Eintreten ein lautes Husten: Eine Pilgerin im fortgeschrittenen Alter hatte sich offenbar eine Bronchitis zugezogen und keuchte in einer Tour. Bis tief in die Nacht hörte ich sie trotz meiner Ohropax krächtzen und niesen, bis auch sie irgendwann eingeschlafen war. Ich entspannte noch ein ganzes Weilchen bei etwas Musik in meiner Kabine, die ich ganz für mich hatte, schrieb ein paar vermeindliche Geistesblitze in den Pilgerblock und kuschelte mich irgendwann, ziemlich erschlagen, in meine Decke ein.

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