Los geht's

Ich habe Zeit, ich muss nirgendwo hin.

…nun ja, nach Santiago natürlich. Aber bis dahin waren es noch ein paar Wochen. Erstmal musste ich mir darüber Gedanken machen, was ich alles mitnehmen würde und was es noch vorzubereiten gab. Aber eins nach dem anderen.

Seit ich das erste Mal etwas vom Jakobsweg gehört und mich ein wenig darüber informiert hatte, war für mich klar, dass ich diese große Reise irgendwann mal bestreiten würde. Über das Wann und Wie hatte ich mir zunächst keine großen Gedanken gemacht. Den Hype um den Jakobsweg nach Hape Kerkelings Buch Ich bin dann mal weg hatte ich natürlich mitbekommen und wohl auch mal ein paar Seiten davon gelesen, wenn ich mich richtig erinnere. Das war zu diesem Zeitpunkt aber auch schon ein paar Jahre her. Doch genau diesen Rummel und den damit verbundenen Pilgertourismus wollte ich vermeiden. Nichts gegen Hape an dieser Stelle – das ist schon ein lustiger Typ. Als ich jedoch die Statistiken mit den explosionsartig ansteigenden Zahlen von Pilgern in den letzten Jahren im Internet sah, hatte ich schon fast wieder die Lust verloren. Nachdem ich mich jedoch mehr darüber informierte stellte ich fest, dass es nicht nur einen Jakobsweg gibt, sondern ziemlich viele: Sehr alte, relativ neue, bekannte und weniger bekannte Strecken. Besonders erstaunt war ich, dass es sogar ein großes Netz von Pilgerwegen in Deutschland und überhaupt in halb Europa gibt und es dadurch möglich ist, von meiner Heimatstadt Leipzig bis nach Santiago de Compostela in Galizien ausschließlich auf Jakobswegen zu laufen (ohne eine Zwischenetappe mit Bus oder Bahn!). Aus der Haustür fallen, zuschließen und einfach loslaufen? Das klang schon ziemlich cool. Wie Bilbo Beutlin! Nur war es so, dass Bilbo Beutlin wohl etwas mehr Zeit hatte als ich und bei dem mir zur Verfügung stehenden Urlaub nur mehrere Etappen über einige Jahre infrage kommen. Ich wollte aber mit einem Erfolgserlebnis wieder nach Hause fahren und entschied mich daher nicht für den von Hape Kerkeling bestrittenen Camino Frances, sondern den kürzeren Camino Portugués, den ich wohl in drei Wochen schaffen könnte. So dachte ich mir das zumindest. Da ich nicht gerade zu den Extremsportlern gehöre, war ich mir nicht wirklich hundertprozentig sicher. Aber – 250 km, von Porto bis Santiago, in knapp drei Wochen? Müsste doch klappen. Das wären, mit der ein oder anderen längeren Pause und dem höchstem Gemütlichkeitsgrad etwa 15 bis 20 Kilometer am Tag. Beim Wandern mit der Familie haben wir da auch schon mehr geschafft. Easy ... oder? In dem Pilgerführer, den ich mir schon recht früh gekauft hatte, stand etwas von „auch in 10 Tagen machbar“. Dann müsste ich doch eigentlich genügend Zeit haben, um mir in aller Ruhe die Kirchen, Klöster, Museen und alles Mögliche anzusehen. Neben extremster Entspannung natürlich.

Komplett überzeugt bestellte ich also schon ein halbes Jahr vorher die Flüge und kaufte über die folgenden Monate alles nötige zusammen: Rucksack, Regenponcho, Outdoorhose, Wanderschuhe & -socken, Schlafsack, Hängematte, eine kleine wasserdichte Plane (damit konnte man im Notfall ein improvisiertes Zelt bauen!) und ein aufblasbares Kopfkissen. Außerdem packte ich eine kleine Reiseapotheke ein, Hemden und Hosen etc., Dusch- und Zahnputzkrams, kopierte meine Lieblingssongs auf einen kleinen mp3-Player (denn mein Handy wollte ich die meiste Zeit ausgeschaltet im Rucksack lassen) und bestellte rechtzeitig vorher bei der Deutschen St. Jakobus-Gesellschaft meinen Pilgerausweis. Auf der Reise, mindestens jedoch auf den letzten zu Fuß zurück gelegten 100 km, sammelt man Stempel, die am Ende als Nachweis zum Erhalt der Compostela nötig sind. Dazu aber später mehr.

Vorerst noch nicht geklärt war die essentielle Frage, welchen Schnupftabak ich wohl auf meiner Reise mitnehmen würde. Wer mich kennt, weiß, dass ich ein großer Liebhaber von feinem Schnupftabak bin, insbesondere britischer Marken. Hier ein kleiner Teil meiner Sammlung:

Exzentrisch, ich weiß. Aber egal, ich mag’s! Nach reiflicher Überlegung entschied ich mich für meine Lieblingssorten Kendal Brown und Tom Buck von Wilsons of Sharrow, sowie … noch ein paar mehr.

 

(Wer es genau wissen will: Rumney’s Export Snuff von Swedish Match, Honey und SP von Samuel Gawith, Camphor & Clove von Toque, Citerro von Stok Snuff, Fichtennadeltabak von Bernard, Tabaka Atos von Trzey Muszkieterowie, Sandalwood von Dholakia und French Carotte von Wilsons of Sharrow). Mitnehmen wollte ich auch Pinewood Ice von Samuel Gawith. Doch Vorsicht, der "Macht süschtig":

Copyright © 2010-2019 Franz 'Franta' Elze. All Rights Reserved. |  Terms

So, da das nun geklärt war, hier noch ein Kommentar zu den Wanderschuhen: Ich hatte gelesen, dass nach einer gewissen Zeit beim Wandern die Füße anschwellen würden und man daher ein paar Nummern größer nehmen sollte. Die Verkäuferin im Schuhgeschäft riet mir zum Gegenteil: „Kaufen Sie lieber ein paar Nummern kleiner, da können Sie nichts falsch machen. Dann sitzen sie besser!“ Ich war mir da nicht ganz so sicher, hörte lieber auf den Rat anderer Pilger und kaufte Trekkingschuhe in der etwas größeren Variante, in meinem Fall also Größe 48. Bei jeder sich bietenden Gelegenheit lief ich sie ein: Beim Einkaufen, Musikmachen, Ausflügen in der Stadt … einfach überall. Dazu noch ein paar passende Geleinlagen und Trekkingsocken – die Sache war prima.

Zum Rucksack: Ich hatte das Teil so ausgewählt, dass es die Handgepäckvorschriften der Lufthansa erfüllte. So konnte ich ihn direkt in die Kabine nehmen und musste nicht ewig an der Gepäckausgabe rumstehen. Damit das ging, durfte das Teil nicht mehr als 8 Kilo wiegen. Das passte super, denn man soll beim Wandern ja ohnehin nicht mehr als 10 % seines Körpergewichts rumschleppen. So verringert man nicht nur Uncoolheiten wie Rücken- und Muskelschmerzen, sondern auch Blasen. Letztere können schnell das Ende der Reise bedeuten, insbesondere, wenn sie sich entzünden.

 

Das alles hörte sich vielleicht schon ziemlich expertenmäßig an, aber im Prinzip hatte ich überhaupt keine Ahnung, was mich erwartet und worauf ich mich da einließ. Ich wiederholte nur das, was ich bisher an Erfahrungsberichten gelesen und gehört hatte. Vieles davon sollte sich als richtig heraus stellen, manches als falsch. Das ich ziemlich naiv an die Sache ranging, ließ sich gar nicht vermeiden. Oder besser gesagt: Ich lieferte mich bewusst einer Situation aus, von der ich keine Ahnung hatte, was sie wohl mit mir machen würde. Insbesondere 2016 prasselten sehr viele verrückte Dinge auf mich ein, wovon manches ausgesprochen hart und bedrückend war. Was die Eindrücke und Erfahrungen des Weges in dieser Hinsicht wohl mit mir machen und wie ich darauf reagieren würde … wer weiß. Ich hatte jedoch das Gefühl, dass es die richtige Entscheidung war. Irgendetwas zog mich auf diesen Weg. Es gibt eine Metapher, die ich stets genutzt habe, wenn ich nach meinen Beweggründen gefragt wurde: Wenn ich dem weisesten Mensch der Welt alle brennenden Fragen stellen könnte, wüsste ich eigentlich nicht genau, was ich eigentlich fragen sollte. Oder anders formuliert: Vieles kann ich zwar empfinden, aber nicht immer richtig in Worte fassen. Über die Musik gelingt mir das zwar in vielen Fällen. Generell wollte ich aber zuerst die richtigen Fragen finden, bevor ich an die Antworten ging. Das war der eigentliche Zweck dieser Reise.

Oh, eins noch: Warum Pilgerblock? Ist schnell erklärt: Neben der Vermeidung unnötiger Anglizismen nahm ich ganz einfach einen kleinen Block mit, um darin meine Gedanken und Erfahrungen auf dem Weg zu notieren. Der Pilgerblock eben! Diese verschmierten Aufzeichnungen dienen als Grundlage für dieses Buch.

 

So. Nach all der Vorbereitung kam endlich der Tag vor der Abreise. Zum letzten Mal packte ich den ganzen Kram in meinen Rucksack. Nein, halt, da fehlte doch noch was … also alles wieder ausräumen & kritisch beäugen, nervös auf meine Checkliste starren und wieder einpacken. Jetzt aber! Alles war bereit, aber ich fühlte mich ziemlich unsicher. Ständig hatte ich das Gefühl, etwas vergessen zu haben.

Es war Mitte Mai 2017, der Abend sehr angenehm. Ich rief noch bei ein paar Freunden und meiner Familie an, verabschiedete mich, legte mich hin und dachte noch eine ganze Weile nach: Wie würden die kommenden Wochen wohl werden? Ob das alles wohl so eine gute Idee war? Egal, jetzt war es auch zu spät. Morgen um diese Zeit würde ich schon in Porto sein! Pizza essen, Wein trinken und in die Sonne gucken vielleicht?


Eintrag in den Pilgerblock: Jetzt bleib mal cool, das wird schon!